Ausgabe 
(8.5.1894) 37
Seite
277
 
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1894.

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Nugsburger Postzeitung".

är37.

Diustag, den 8. Mai

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Berlag des Literarischen Instituts vou Haas L Grabherrin Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttlcr).

Tante Kanna's Geheimniß.

Original-Roman von E. von Linden.

(Fortsetzung.)

Steindorf war nach Edenheim gefahren und vonArmgard mit schmerzlicher Ueberraschung begrüßt worden.Nachdem er ihr in leisen, abgebrochenen Worten mit-getheilt, wie und wo er die schreckliche Nachricht em-pfangen, bat er, ihn zu seinem Kinde zu führen, wasArmgard selber übernahm.

Außer sich vor Schmerz beim Anblick der kleinenLeiche, stürzte der Bedauernswerthe an dem Lager der-selben nieder und drückte sein von Thränen überström-tes Gesicht auf die erstarrten Händchen. Er sprach keinWort, aber seine tiefe Verzweiflung drückte sich nur zudeutlich in der konvulsivischen Erschütterung aus, welchedie kräftige Gestalt durchzuckte.

Armgard empfand bei diesem jammervollen Anblickdie innigste Theilnahme, welche sich in einem Thränen-strom kund gab. Wie hatte sie sich vor diesem Augen-blick gefürchtet, wie gebangt vor den anklagenden Augendes unglücklichen Vaters, der sein Kind vertrauensvollihrem Schutze übergeben hatte. Und sie war doch ganzschuldlos an dem grausigen Ereignißl

Als sie sich leise entfernen wollte, erhob sich Stein-dorf, sie mit einem flehenden Blick zurückhaltend.

Armgard!" sprach er leise,darf ich hier andieser für mich so heiligen Stelle, angesichts meinestodten Kindes, eine Bitte an Sie richten?"

Er streckte ihr die Hand entgegen, in welche sie,erbleichend näher tretend, zögernd und zitternd dieihrige legte.

Fürchten Sie nichts Ungehöriges," fuhr er mitgedämpfter Stimme bewegt fort,dieser letzte Schlaghat mich beinahe tödtlich getroffen. Nur Ihre Ver-zeihung erflehe ich jetzt, Vergebung für den Schmerzjener Stunden, in denen ich einst das edelste Herzzertrat."

Ich vergab Ihnen längst," entgegnete Armgardmühsam.

Tausend Dank für dieses Wort, das mir Trostin meinem Leid gewährt. O, Armgard, Sie sindgerächt worden, hundertfältig gerächt, heute aber hatdieses letzte Kind meine Schuld gesühnt."

Er drückte einen Kuß auf ihre Hand und verhülltedann wieder die Leiche mit zärtlicher Sorgfalt.

Schweigend, im tiefsten Herzen erschüttert, begabsich die junge Gutsherrin mit ihrem Gast in's Wohn-zimmer, wo er sich mit einer stummen Verbeugung vonihr verabschieden wollte.

Nein, so dürfen Sie nicht von mir gehen, HerrSteindorf, sprach sie hastig,auch ich habe Ihre Ver-gebung nöthig, weil Sie Ihr Kind in meine Obhutgegeben"

O, reden Sie nicht weiter, Fräulein Armgard,"unterbrach er sie bittend,halten Sie mich für so unge-recht, Ihnen auch nur die leiseste Schuld eines Unglücksaufzubürden, das außer jeder menschlichen Berechnunglag? Ich begreife überhaupt nicht, wie man zu derungeheuerlichen Annahme eines Verbrechens gekommen ist."

Er hatte sich bei diesen Worten auf eine einladendeHandbewegung Armgard's hin in einen Sessel nieder-gelassen.

Ich dächte doch, daß diese Annahme sehr gerecht-fertigt wäre," erwiderte sie,denn welcher Mann könnteso gewissenlos sein, ohne irgend welche Veranlassungmehrere Schüsse nacheinander abzugeben, nachdem erdurch Aufschrei sich vergewissert hätte, daß er Menschengetroffen? Ich bin überzeugt, daß der Unselige vierMal geschossen hat, da drei Kugeln tödtlich getroffen,die eine aber, und zwar die erste, welche mir oder HerrnMarbach gegolten, an uns vorbeipfiff. Weßhnlb gabder Schütze die tödtlichen Kugeln auf den Wagen ab,wo Marbach's amerikanischer Frennd sich mit Ihrerkleinen Lotta unterhielt?"

O nein, nein!" rief Steindorf mit entsetztemBlick,er wird sich das schuldlose Kind unmöglich zurZielscheibe genommen haben."

Das glaubt man auch nicht, weil die Kleine vonder großen, breitschulterigen Figur des Amerikaners ganzverdeckt war und sich erst im letzten Moment erhobenhaben muß. Nein, ein Verbrechen kann leider nichtbezweifelt werden."

Und hat man keinen Verdacht, wer dieser Thätersein kann?"

Ich glaube nicht, die Herren vom Gericht warenheute Mittag hier und fuhren dann nach Notenhof.Soviel ich ihren Worten entnehmen konnte, schienen siedie feste Ueberzeugung eines überlegten Verbrechens nichtinsgesammt zu theilen, während die Leichenbesichtigungmeines alten Hausarztes Sie kennen Doctor Petersja von früher das Verbrechen, wie er mir sagte, gar