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Gegen diese Richtung, welche sich in einer überströmendenFülle von Einzelheiten ohne Rücksicht auf die Harmoniedes Ganzen verlor, erhob sich um die Wende des 17.Jahrhunderts eine Opposition, welche der niederländischenKunst neue Kraft und frisches Leben einhauchte. Der80jührige Kampf der Holländer gegen die spanischeTyrannei war vorbei, sie hatten ihre politische Freiheitsich erkämpft und wie auf nationalem, so auch auf künst-lerischem Gebiete neue Bahnen gefunden. Hatte sich bisdahin die Musische und holländische Malerei in gleichenGeleisen bewegt, so trat am Beginne des so fruchtbaren17. Jahrhunderts die Trennung ein in die südlichespanische Schule mit ihrem Hauptvertreter Rubens undin die holländische mit Nembrandt. Die gleichmäßigeBetonung des Colorits blieb zwar stets beiden Richtungengemeinsam, stofflich aber gehen sie weit auseinander.Die flandrische Schule, deren Hauptsitz das katholischeBrabant war, neigte sich zur historischen Malerei hin,welche sie hauptsächlich im Dienste der Kirche verwerthete,die holländische Schule aber inaugurirte die Periode dersogenannten Genremalerei. Während erstere sowohl inder Wahl der Gegenstände, wie in der Art der idealenAuffassung und Darstellung mehr an italienische Mustersich anlehnte, ging letztere nicht unbeeinflußt von derpolitischen Entwicklung des Landes ihre eigenen Bahnenund stellte als das Haupterforderniß der Malerei natür-liche Wahrheit und Treue hin, welche überall, und seies auch auf Kosten des ästhetischen Geschmackes, festge-halten werden müsse. Der bedeutendste und fruchtbarsteVertreter der Musischen Schule war Peter Paul Rubens (1577—1640), wohl einer der größten Künstler derWeltgeschichte. Seine Bilder — man zählt deren gegen1000 — sind bisweilen von ganz colossalen Dimensionen.Die große Nubensgallerie im Louvre in Paris enthält21 Colossalgemälde von feiner Hand. Wenn wir auchannehmen, daß bei einem großen Theile seiner Bilderauch nur die Gedanken und die Gruppirung, sowie dieersten Striche von seiner Hand sind, das Uebrige aberWerk seiner «Ahüler, so ist doch die Schaffenskraft desMeisters als Ane fast übermenschliche zu betrachten. Inseinen Bildern herrschen vielfach italienische Anklängevor; so erinnert seine Kreuzabnahme im Dome zuAntwerpen an Daniel von Volterra, seine Taufe Christian Michelangelo , seine Communion des hl. Franziskusan Carracci. Die älteren Gemälde, in welchen sich Rubens noch weise Mäßigung aufzuerlegen wußte, werden imAllgemeinen als seine besseren betrachtet, so z. B. seine„Dreieinigkeit" und „die heilige Familie mit dem Papagei"im Museum zu Antwerpen , während in seinen späterenzu sehr das Streben, durch äußeren Glanz zu bestechen,hervortritt. Auch streift er in der Darstellung von ge-waltigen Gestalten, heftig bewegten Menschen u. f. w.oft an das Realistische. Sein bester Schüler war Antonvan Dyck (1599—1641), dessen Talent sich hauptsächlichin der Porträtmalerei zeigte. Im Gegensatz hiezu ver-legte sich der nicht minder bedeutende David Tcniers„der Bambocciadenmaler" (1610—1690) auf die Dar-stellungen aus dem gemeinen Leben. Kirmessen, Bauern-scenen, Soldatenstücke voll von Leben waren seine Lieb-lingsgegenstände. Ein feines Cabinetstück dieser Art istdie in der oben genannten öools befindliche „große Kirmeß".
Einem Meteore gleich leuchtete in der niederländischenSchule die Gestalt Nembrandts auf (1609—1669). Wennauch seine Richtung durchwegs realistisch ist, versteht er
es doch, durch Hervorhebung des Geistigen und Gemüt-vollen, sowie durch feine Abwägung der Farben mächtigzu ergreifen. Während die Musische Schule ihr Haupt-augenmerk auf die Jdealisirung und richtige Verteilungder Gestalten richtete, finden wir bei Nembrandt auch inden „Massengemälden" keine feststehende Gruppirung; ihmgalt es vor allem durch Beleuchtnngseffecte, die sich vomHelldunkel oft bis in's Unklare verlieren, den Beschauerzu fesseln. Seine Sujets sind die verschiedensten. Nebenvielen sog. Regenten- oder Bürgermeisterstücken finden wirLandschaften, biblische Scenen, Portraits, auch viele „Still-leben"; überall aber herrschen reiche Farbenpoeste und einwunderbares Wechselspiel der Beleuchtung. Seine zahl-reichen Schüler entlehnten vielfach vom Meister nur dieäußere Technik der Farben, ohne zugleich seinen Geist zuhaben oder auch nur entfernt zu erreichen. Zwar findetsich immer noch manches Gute, doch bezeichnet diese Periodebereits die Däcadence der niederländischen Malerei. DieSchulen des 18. Jahrhunderts bewegen sich im Jdeen-kreise ihrer Vorgänger, sie gleichen aber nach dem Urtheileines modernen Aesthetikers „einer Symphonie, in welchersich noch ab und zu hübsche Melodiecn zeigen, aber ohneinnere Klarheit und Harmonie". In der neueren hol-ländischen Malerei, welche lange Zeit dem französischen Klassizismus huldigte, tritt die historische Malerei fastganz zurück; ihr eigentliches Gebiet ist neben der Dar-stellung von Landschafts- und Marinestücken das Genre, wobeidas sog. „Freilicht" ausgedehnte Verwendung findet. (F.f.)
An Arphons Maria Aatisöonne.*)
Zur Erinnerung an seine wunderbare Bekehrungund zum Decennium seines Todes in St. Johannbei Jerusalem am 6. Mai 1884.
„15t soiont, yuia proxlivt» kuorit in mollio soruiv.".Und sie sollen wissen, daß ein Prophet ist in ihrer Mitte.-
Ezcchiel, 2, S.
Des Glaubens bar und in die Wett verlorenUnd für die Wahrheit Lästerung im Mnnde,
So gehst Du weg aus Deiner Freunde Runde,
Nnr bleibst Du Jude, wie Du stets geschworen.
Doch sieb, Dir schlägt die Auferstehnngsstunde!
Aus Millionen bist nnr Du erkoren,
Und, einen Sanlus, hat Dich neugeborenDer Unbefleckten unsagbare Kunde!
In's Knie gesunken weinst Du Freudenthränen,
Auch Deines Volks Bekehrung ist Dein Sehne»,
Doch taub ist es beim Rufe des Propheten!
Ein Christenherz wird immerdar entzückenWas Du geschaut in jenen Augenblicken,
Ihm geben Kraft im Glauben, Dulden, Beten!Traunstein. H. Wnsnrr, Benef.
*) Am nächsten 6. Mai wirken es zehn Jahre, daß deram 20. Januar 1842 in der Pfarrkirche Laut' Lnärea, «teils§ratts in Rom durch ein Wunder vom Judenthum plötzlichzum katholischen Glauben bekehrte Alphons Maria Natisbonneals heiligmäßiger Priester zu St. Johann bei Jerusalem ausdiescin Leben geschieden ist. Der hochbegnadigte Mann muß jedemKatholiken denkwürdig und theuer bleiben. Nicht Wenige werdensich schon gestärkt haben im Glauben durch Erwägung des anihm geschehenen Wunders, das, nach allen Seiten hin durch-dacht, jedem Versuche einer Erklärung aus natürlichen Ursachenhartnäckig widersteht. Das fünfzigjährige Jubiläum seinerwunderbaren Bekehrung wurde zwar in Nom mit der gleich-zeitigen Krönung des Erscheinungsbildes durch das VatikanischeKapitel am 17. Januar 1892 feierlich begangen, ist aber dies-seits der Alpen, wenigstens bei uns in Deutschland , so ziemlichunbeachtet geblieben.