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liche Bosquetgärtnerei. Ein Viaduct führt in die breiteund lange Rue Royale, in welcher sich das administrativeund diplomatische Leben des Staates vollzieht. Schonvon ferne ist die das Häusermeer weit überragendeCongreßsäule sichtbar, welche zur Erinnerung an dieBestätigung der Verfassung und die Erwählung desPrinzen Leopold von Sachsen-Coburg zum Könige derBelgier im Jahre 1831 errichtet wurde. Es ist eine45 Meter hohe dorische Säule, oben gekrönt durch eine4 Meter hohe Statue des Regenten. An ihrem Sockelsind die Namen der 237 Mitglieder des Congresses,sowie der provisorischen Regierung von 1830 aufMarmorplatten angebracht. Von der oberen Gallerie,zu welcher im Inneren eine bequeme Treppe hinaufführt,bietet sich ein überraschender Blick über die Stadt. Nichtweit davon entfernt liegt das Palais de la Nation, einmassiger, ursprünglich für den Rath von Brabant be-stimmter Bau aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts,in welchem von 1817 bis 1830 die niederländischenGeneralstaaten ihre Sitzungen hielten, während es seitdieser Zeit der Volksvertretung als Parlamentshaus ein-geräumt ist. Eine Meisterschöpfung in seiner Art istder große städtische Park, in dessen schattigen Alleen einstdie Herzoge von Brabant lustwandelten. Mit seinenMarmorfontänen und Steinbalustraden, seinen Bassinsund Statuetten, unter welchen einige hohen künstlerischenWerth beanspruchen, erinnert er entfernt an den Luxem-bourg-Garten in Paris . Wie dieser, so ist auch er anSommertagen der Sammelpunkt der eleganten Welt,welche unter den Klängen einer Militärmusik und demPlätschern der Springbrunnen sich hier ihr Rendezvousgibt. Ein großer Steinbau, Vauxhall genannt, bietetan Regentagen Zuflucht und enthält einen prächtigenConcertsaal, in welchem die königl. Theaterkapelle öftersclassische Musikaufführungen veranstaltet. Leider war auchder Park schon Schauplatz blutiger Kämpfe. Bei demAufstande im Jahre 1830 bot er den Insurgenten unterder Führung des späteren Ministerpräsidenten Rogiereinen festen Stützpunkt, von dem aus sie den nieder-ländischen Truppen unter dem Prinzen Friedrich energi-schen Widerstand entgegensetzten. Auch im vorigen Jahre,als die Wogen der Revolution bis an die Residenz schlugenund der König zu seinem Schutze „nach berühmten Mustern"Kanonen vor seinem Palais auffahren ließ, bildete derPark ein vielumstrittcnes Object zwischen den Aufständi-schen und den regierungstreuen Truppen. Für gewöhn-lich befindet sich der königliche Hof nicht in Brüssel ,sondern in dem nahegelegenen Laeken, das nach demBrande, dem vor einigen Jahren ein großer Theil desSchlosses zum Opfer gefallen, wieder neu und herrlicherstanden ist. In unmittelbarer Nähe des Parks undder Residenz befindet sich auch die größte KunstgallerieBrüssels , die sogenanute Ecole des Beaux Arts. VierMächtige korinthische Säulen zieren den Eingang desantik gehaltenen Gebäudes, über welchem sich die alle-gorischen Figuren der Musik, Architektur, Sculptur undMalerei erheben. Während das Erdgeschoß, das dieganze Höhe des Gebäudes einnimmt, die Vildhauerarbeitenenthält, ist der obere Stock für die Gemäldegallerie be-stimmt. Allerdings vermochte die Skulptur in den Nieder-landen nicht zu hervorragender Bedeutung zu gelangenoder zu jener Höhe emporzusteigen, zu welcher sich dieMalerei am Ausgange des Mittelalters emporgeschwungenhat. Doch finden sich allenthalben gute Werke, denen
originelle Auffassung und feine Empfindung nicht abzu-sprechen ist. Zu dem Besten, das die Ecole an plastischenWerken besitzt, gehört Bour-i's „gefesselter Prometheus",Geefs' „gefallener Engel", die beiden MarmorbüstenKessel's, Christus und die Jungfrau Maria darstellend,und einige kleinere Genrestücke, wie Scpers' „jungerNeapolitaner, auf der Nauglia spielend," u. a. Vielhöher ist die Bedeutung Belgiens auf dem Gebiete derMalerei; hier haben die niederländischen Schulen dcS15. und 17. Jahrhunderts einen Ruf sich erworben, derweit die geographischen Grenzen ihres Vaterlandes über-schreitet und nicht geringer ist, als der Ruf der Malereiin Deutschland zu den besten Zeiten eines Dürer, Holbeivu. s. w. Nur wenige Länder können in dieser Hinsichtden Niederlanden gleichberechtigt an die Seite treten,kein Land aber, mit Ausnahme Italiens , das hier dieerste Stelle einnimmt, hat sie überflügelt. Wie der schongenannte Guicciardini berichtet, gab es bereits am Endedes 14. Jahrhunderts in den größeren Städten geschlosseneMalergilden, welche nicht blos mit Bücher- und Glas-malerei, sondern auch mit Tafelmalerei sich befaßten.Die eigentliche Blüthe des Kunstlebens begann aber erstum die Wende des 15. Jahrhunderts, als die beide»Brüder Hubert und Jan van Eyck (ersterer 1366—1426,letzterer 1386 — 1440) der Malerei ihrer Zeit eine Höheder Vollendung anwiesen, welche auf Jahrhunderte nach-hielt und neue Bahnen der Entwickelung eröffnete. Indiesen beiden Meistern, welchen auch das Verdienst ge-bührt, die Technik der Oelmalerei gefördert zu haben,brach sich zum ersten Male das Streben nach freierer,naturgemäßer Darstellung durch, weswegen ihre Figurenmit vollendeter Feinheit und Kraft des Colorits zugleichNaturwahrheit und dramatische Belebtheit verbinden. Werder größere der Beiden gewesen ist, läßt sich aus ihrenWerken schwer entscheiden, doch besitzen wir das Zeugnißdes einen Bruders, der, sei es aus Bescheidenheit, sei esaus Ueberzeugung, sein Urtheil auf einem Altarbilde derSt. Bavo-Kirche in Gent mit den Worten ausspricht:Huiosrtus — major guo nemo rexsrtus. DiesemKünstler-Brüderpaar folgte ihr berühmter Schüler HansMemling (1430—1495), der „Lyriker der Malerei",der den Höhepunkt der Eyck 'schen Schule bezeichnet. KlareFärbung, richtige Zeichnung und scharfe Naturbeobachtungsind die Vorzüge, welche seine Bilder auszeichnen. Unterden späteren Künstlern der altflandrischen Schule, DierickBouts, Lucas van Leiden, Gerard David u. s. w., be-ginnt sich schon allmählig der Einfluß der italienischenRenaissance geltend zu machen, welcher gänzlich die Malerdes 16. Jahrhunderts sich nicht entziehen konnten. Eswiegt das Streben nach classischen Formen vor, dieOriginalität und natürliche Ungezwungenheit, die auf denBildern der ersten Kunstperiode sich zeigte, verschwindetund macht einer nur auf äußeren Prunk berechnetenTechnik Platz. Die bekanntesten Künstler dieser Zeitsind Bernhard van Orley (1488—1542), Franz FloriS (eigentlich Frans de Vriendt , 1520—1570) und dieFamilie Brueghel in ihren drei Vertretern, dem VaterPeter Brueghel (1520—1669), genannt Bauernbrueghelwegen seiner Vorliebe für Bauernscenen, und denSöhnen Peter (1564—1637) und Jan (1568—1625),von denen ersterer wegen seiner Specialität, immer schauer-liche und schreckhafte Sujets zu wählen, den NamenHöllenbrueghel, letzterer wegen seiner beliebten Darstellungvon Sammtkleidern den Namen Sammtbrneghel erhielt.