Ausgabe 
(3.5.1894) 36
Seite
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Merkend, seufzend hinzu, »mir kann es jetzt gleichgültigsein, weil ich doch einzig nur das Recht meiner armenkleinen Lotta vertreten wollte und konnte. VerzeihenSie meine Heftigkeit, der grausame Schlag hat mich soverstört, daß ich in der That nicht ganz zurechnungs-fähig mich fühle."

Er lehnte sich bet diesen letzten, mit sinkenderStimme gesprochenen Worten wie erschöpft zurück undschloß die Augen, während Marbach ihn erstaunt be-trachtete und sich dann finster lächelnd wieder dem Fen-ster zuwandte.

Es war in der That das letzte Alleinsein gewesen,da bei der nächsten Station wieder neue Passagiere ein-stiegen. Als sie ihr Reiseziel erreicht hatten, trennten

sie sich von einander mit kurzem, schweigendem Gruß.

* *

(Fortsetzung folgt.)

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Zur Weltausstellung in Antwerpen .

Von Dr. Joseph Schiesl.

(Fortsetzung.)

Mit den angenehmsten Eindrücken verlassen wir dasLand der Wallonen, welche schon der Florentiner LuigiGuicciardini (ch 1589) in seiner Oosorixtio totiuo LolArials ir>§6niogj,8k>.Anoes otaä gniävig anäsnäurn xrowxtlbezeichnet, und beeilen uns, in das Centrum Belgiens ,in das kornreiche Brabant, zu gelangen. Wir passirendas geschichtlich denkwürdige Landen, bekannt durch Philippvon Landen (ch 640), den Majordomus des Königs Dago-bert I. von Austrasien , und durchqueren hernach die Ebenevon Neerwinden, auf welcher die Franzosen unter demMarschall von Luxemburg 1693 die Engländer unterdem König Wilhelm III. von Oranien besiegten, hundertJahre später aber unter ihrem General Dumouriez selbstden Oesterreichern unterlagen. Nach zweistündiger Fahrterreichen wir Löwen, eine Stadt von nahezu 40,000Einwohnern, welche aber leider von ihrem alten Glänzeals ehemalige Hauptstadt des Herzogthums Brabant wenigmehr gerettet hat. Ein Gang durch die Nue de la Stationführt uns direct in den Mittelpunkt der Stadt, zurGrande Place, auf welcher sich das Rathhaus in ver-schwenderisch reichem, spätgothischem Stile erhebt. SeinErbauer war der berühmte Matthäus de Layens,»Maurermeister der Stadt und des Weichbildes", wie ergenannt wird. Das Gebäude erhebt sich in drei glänzendornamenttrten Stockwerken, welche ein hohes mit Maß-werkbrüstung verziertes Dach abschließt. Oben steigen6 schlanke, achteckige Thürmchen empor, welche ein neuererKunstkritiker wegen der Zierlichkeit und Feinheit derAusführung als Muster plastischer Filigran-Arbeit be-zeichnet. Dem Rathhaus gegenüber ist die mächtige,fünfschisfige St. Peterskirche, im 15. Jahrhundert er-baut, welche auf den Beschauer einen monumentalenEindruck ausübt. Bemerkenswerth sind besonders dasgroße, aus Holz geschnitzte Hauptportal und einige schöneGemälde aus der Schule des Hans Memling (1430bis 1495), welche sich durch gute Zeichnung und klareFarbentönung auszeichnen. Auch der Chor-Umgang mitdem Kapellenkranz, sowie die im nördlichen Querschiffeaufgestellte Orgel verdienen Beachtung. Südlich vonder Peterskirche liegt die Universität, welcher Löwenneben den großen Wirkereien seine Berühmtheit im Mittel-alter verdankt. 1317 als Zunfthaus und Waarendepot

der Webergilde erbaut, wurde das Gebäude 1679 derUniversität überlassen und legt noch heutzutage, trotzdemes im Innern durch Einbauten nicht glücklich verändertwurde, ein schönes Zeugniß für den Geschmack undden Reichthum seiner Gründer ab. Jahrhunderte langgalt die Universität, welche Herzog Johann IV. vonBrabant im Jahre 1426 gegründet hatte, als die erstein Europa . Nach chronistischen Angaben soll zur Zeitdes Justus Lipsius (-st 1606) die Zahl der Studentenüber 6000 betragen haben. Auch heutzutage nimmt dieUniversität keinen unbedeutenden Rang unter den Hoch-schulen des Landes ein, zumal sie jetzt unter der Leitungder Jesuiten einen wirksamen Gegenpol gegen die Frei-maurer-Universität in Brüssel bildet. Nicht weit davonentfernt ist das Zunfthaus der Brauer (rnaison cissbrassours) und die St. Gertrudenkirche, welche sichrühmen kann, außer einigen hübschen Neliefbildern dasschönste Chorgcstühle Belgiens zu besitzen. Sonst bietetdiese stille Stadt, welche nur mehr der Schatten ihrerfrüheren Größe ist, nichts besonders Sehenswerthes mehr,weßwegen wir weitereilen und den freundlichen Leser bitten,uns nach Brüssel zu begleiten.

Wer Brüssel zum ersten Male in einer schönenSommernacht betritt, auf den wird eS einen eigenthüm-lichen Zauber ausüben. Die Straßen alle festlichbeleuchtet von tausend und abertausend Flammen, belebtvon einer wogenden Menge, für welche es keine Nachtzu geben scheint; die Läden geöffnet mit allen ihrenLuxuswaaren, die auch dem raffinirtesten GeschmackeRechnung tragen; die Cafes besetzt bis mitten in dieFahrstraße hinein man werkt, daß man in keinerdeutschen fast möchte ich sagen in einer franzö-sischen Stadt sich befindet. Brüssel liegt zum Theileauf einer Anhöhe, zum Theile in einer Ebene und be-steht aus der höher gelegenen, durch das Quartier Leopolderweiterten oberen und aus der unteren Stadt, welchletztere von mehreren überwölbten Armen der Senneund einigen Kanälen durchschnitten wird. Während dieobere Stadt fast ausschließlich von der feineren Welt,der Geld-, Geburts- und Kunst-Aristokratie, bevölkertwird, concentrirt sich das Erwerbsleben in dem unterenTheile, dessen Festungswälle in den letzten Jahrzehntenschönen und schattenreichen Boulevards weichen mußten.Die Einwohnerzahl hat sich seit den letzten zwanzigJahren bedeutend vermehrt, so daß Brüssel einschließlichder Vorstädte Schaerbeek, Jxelles, Anderlecht , Lackenu. f. w. nahezu eine halbe Million erreicht, wenn nichtüberschreitet. Die Wanderung in die Stadt dürfte denNordbahnhof als den zweckmäßigsten Ausgangspunkthaben, denn einerseits hat man dabei die ganze Stadtvor sich, anderseits nehmen hier die Hauptstraßen(Boulevard du Jardin Botanique mit seinem Anschlußan die Nue Royale und Boulevard du Nord mit derFortsetzung im Boulevard Anspach) ihren Anfang.

Gleich östlich oom Nordbahnhof, der von Coppensim Renaissancestil erbaut wurde, befindet sich das großestädtische Spital, l'Hopital de St.-Jean, das für 400Kranke Raum bietet und in Bezug auf seine innereEinrichtung mit jedem Krankenhause anderer Weltstädtein Wettstreit treten kann. Ihm gegenüber ziehen sichdie Hügel des botanischen Gartens hin, dessen gewaltigeTreibhäuser den Besuch eines jeden Blumenfreundesverdienen. Besondere Erwähnung verdient das großePalmenhaus, sowie die das Hauptbassin umgebende Herr-