Ausgabe 
(3.5.1894) 36
Seite
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Das müßte allerdings ein wahnsinniger Schützegewesen sein!" rief Marbach achselzuckend,der dreibis vier Schüsse dicht hintereinander in's Ungewissehinein losbrennt und dabei zwei Menschenleben ver-nichtet."

Lieber Gott, ich hörte davon, also ist das kleineMädchen ebenfalls todt?"

Mitten in die Stirn getroffen, diesen Schuß willich allenfalls einem unglücklichen Zufall zuschreiben."

Marbachs Augen fielen bei diesen Worten auf denFremden, welcher der Unterhaltung gefolgt war und sichjetzt leichenblaß an einen Tisch lehnte.

Das Wartezimmer hatte sich inzwischen gefüllt.Marbach erhob sich, um seine Fahrkarte zu losen.

Entschuldigen Sie, mein Herr!" Mit diesen Wortentrat der elegante Herr ihm in den Weg.Sie sprachenvorhin von einem Verbrechen oder Unglücksfall. Dürfteich Sie um eine nähere Aufklärung desselben bitten?"

Marbach gab dieselbe mit sichtlichem Widerstreben.Der Fremde hatte etwas Abstoßendes für ihn, obwohler ein wirklich schöner Mann war.

Wem gehörte das Kind?" fragte letzterer mit be-bender Stimme.

Einem gewissen Herrn Steindorf"

Allmächtiger Gott, mein einziges Kind, meineLotta todt!"

Er ließ sich wankend auf einen Stuhl sinken undsah aus wie ein Sterbender.

Sie Sie sind Herr Steindorf?" fragte Mar-bach athemloS.

Jener nickte.

Bitte, mein Herr," sagte er leise, als viele Neu-gierige sich um sie ansammelten,besorgen Sie mir eineKarte, ich muß um jeden Preis nach Edeuheim."

Der unglückliche Mann trocknete sich die schweiß-bedeckte Stirn und bat um ein Glas Wasser, daSman ihm dienstbeflissen brachte, weil man ihn für krankhielt.

Marbach drängte sich rücksichtslos hinaus. Ihmwar zu Muthe, als ob er soeben einen Faustschlag in'sGesicht erhalten, und sich noch dafür bedanken müsse.Er lachte ingrimmig auf und verhöhnte sich ob derRolle, die ihm jetzt im Handumdrehen zugetheilt worden. Für diesen Menschen, den er haßte wie nichts sonstin der Welt, mußte er jetzt Botendienste thun, ihn be-handeln wie einen Kranken und zu ihr zurückbringen!Das ging ihm doch über den Spaß, und, wie er meinte,auch über seine Kräfte.

Aber es half nichts, er mußte jetzt ducken und sichin der Selbstverleugnung üben. Das war schwerer,als in Frankreich vor dem Feinde stehen, wie er's ge-than. So löste er denn zwei Fahrkarten zweiter Classeund sorgte für den schönen Steindorf, der in der Thatganz gebrochen zu sein schien.

Er hatte sich in die entgegengesetzte Ecke des Coupö'sgedrückt, um nicht gezwungen zu sein, dem Verhaß-ten in das schöne, falsche Antlitz zu sehen, oder gar mitihm sprechen zu müssen. Doch schien diesem an einerUnterhaltung auch durchaus nichts gelegen zu sein. Stein-dorf blickte beharrlich aus dem anderen Fenster, seinGesicht war blaß, es erschien im Profil, wie Marbachbei einem flüchtigen Hinblick bemerken wollte, sogar starkgealtert. Der blonde Bart, welcher Mund und Kinnbedeckte, schien in einer fortwährend nervös zuckenden

Bewegung zu sein. Vielleicht kämpfte der Mann mitaufsteigenden Thränen, mit dem Schmerz um sein sograusam hingemordetes Kind.

Eine mildere Regung schlich sich bei diesen Gedankenin Marbach's Brust, er fühlte sich sogar versucht, einigeWorte des Trostes an ihn zu richten.

Da richtete sich jener plötzlich mit einem jähenRuck empor und blickte seinen Gegner feindselig an.Sie hatten das Coups jetzt ganz allein inne, da diewenigen Mitreisenden bei der vorigen Station ansge-stiegen waren.

Mein Kind ist doch noch nicht beerdigt?" fragteSteindorf kurz und schroff.

Nein," versetzte Marbach in demselben Tone,ich sagte Ihnen ja, daß sich das Unglück erst gesternereignet habe."

Sie haben guten Grund, dieses Unglück zu preisen,mein Herr!"

Marbach blickte seinen Gegner fest an.

Wollen Sie die Güte haben, sich deutlicher auszu-drücken?" sagte er ruhig.

Nun, ich sah Sie zufällig das Haus eines Rechts«anwaltes betreten, der für mich einen Prozeß führensollte. Er wird Sie jedenfalls davon unterrichtet haben."

Und wenn es wirklich so wäre, was weiter, meinHerr?"

Nichts weiter, als daß der Tod meines Töchter-chens Ihnen sehr zu Gute kommt."

Marbach zwang sich zur Ruhe, unterdrückte dieheftige Antwort und wandte sich mit einem verächtlichenAchselzucken dem Fenster zu.

Steiudorf ballte die Hände und machte eine Be-wegung, als ob er sich auf ihn stürzen wolle.

Es wird mir vielleicht nicht wieder die Gelegen-heit geboten, mit Ihnen ohne Zeugen zu reden," fuhrer dann mit heiserer Stimme fort,wissen Sie, daß esunvorsichtig von Ihnen war, mit Ihrem Todfeinde einConpö zu theilen?"

Marbach wandte sich langsam um und maß ihnmit einem ruhigen Blick.

Haben Sie vielleicht die Absicht, mich zu morden?"fragte er, spöttisch lächelnd.Ich wüßte sonst nicht,welchen Sinn ich Ihren Worten beilegen könnte."

Steindorf's Gesicht war fahl geworden.

Hüten Sie sich vor mir," zischte er zwischen denzusammengebissenen Zähnen hindurch,mein Kind istleider todt, aber noch lebe ich, den Sie beraubt und"

Halt!" donnerte Marbach, sich hoch aufrichtend,kein Wort weiter, ich würde jede Beleidigung mit derWaffe in der Hand rächen. Halten Sie sich in IhrenBesitzrechten gekränkt, dann will ich Ihnen vor GerichtRede stehen. Mein Großohcim hat Ihr väterliches Gutrechtmäßig erworben. Wo bleibt Ihr vermeintlichesRecht?"

Natürlich," lachte Steindoxf hshnvoll auf.Siehaben das herrliche Besitzthum leicht erworben. IhrGroßohcim soll meine Familie gehaßt haben und nahmdeßhalb mein Erbe für einen Beitelbrocken an sich.Aber Raub bleibt es dennoch, mein werther Herr, undich habe mindestens bei meiner Heimkehr die Genug-thuung gehabt, daß die redlich denkenden Freunde ebensodarüber urtheilen. Fragen Sie Ihre Nachbarin, dieBesitzerin von Edeuheim, ob sie anders denkt. Nun,"setzte er, Marbach's Erblassen mit stillem Triumph be-