Ausgabe 
(3.5.1894) 36
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der Anwalt,und man hat wirklich keine Idee, wer dasVerbrechen, denn ein solches wird's doch unzweifelhaftsein, begangen haben kann?"

Nicht die blasse Ahnung davon," erwiderte Mar-bach, der seinen Verdacht wohlweislich für sich behielt.

Das ist erstaunlich, haben Sie die Criminal-Polizei benachrichtigt?"

Versteht sich, wird wohl nichts entdecken, ich werdeMeinen armen Freund begraben und voraussichtlich denVerbrecher nie gestraft sehen. Vielleicht hat Herr Stein-dorf eine gute Spürnase, um den Mörder seines Kindeszu entdecken. Nun, lieber Doctor," setzte er hinzu,ichwill Sie nicht länger aufhalten, da der interessante Erb-fchafts-Prozeß jetzt hinfällig geworden ist. Ich hätteWeinen Gegner gern gesehen. Also gestern Früh warer hier bei Ihnen?"

Ja, er kam lange vor der Sprechstunde, welcheich doch schon um neun Uhr angesetzt habe. WunderteMich darüber, da der junge Herr nichts zu versäumenhat. Wollte mit einigen Bekannten noch einen Ausflugmachen, wie er mir zur Entschuldigung mittheilte. Hm,war mir immerhin ein interessanter Besuch, dieser HerrSteindorf l Aber bleiben Sie doch heute noch hier,Marbach, vielleicht treffen wir ihn irgendwo in einemKaffeehause. Sie kennen ihn nicht persönlich?"

Nein, habe ihn nie gesehen, er könnte unerkanntneben mir fitzen."

Ein stattlicher, bildschöner Kerl, das muff manihm lassen," fuhr der Anwalt fort,ein Gentlemanvom Kopf bis zur Sohle, den Amerika sicherlich nichtverwildert hat, und dabei von starker Intelligenz. AlsoSie bleiben, nicht wahr?"

Nein, es drängt mich unter den obwaltenden Um-ständen wieder heimzukommen, lieber Doctor! Uebri-gcns ist gestern Abend schon ein Bericht an eine hiesigegroße Zeitung abgesandt worden, welche ihm sicherlichvor die Augen kommen wird, und wenn Sie ihntreffen"

Werde ihm sofort Mittheilung machen, daraufverlassen Sie sich."

Marbach ging fort. Ein bitteres Lächeln des Hohnesumspielte seine bärtigen Lippen bei dem Gedanken anjenen Prozeß, den ihm so zu sagen die kleine Lottahätte anhängen sollen.

Der Tod halte in unheimlicher Weise einen Strichdurch diesen Plan gemacht, welcher für ihn sicherlich nurVerdruß und Zeitverlust im Gefolge gehabt haben würde,da er an einen wirklichen Erfolg nicht zu glauben ver-mochte. Freilich Hütte er immerhin in die thatsächlicheVerschleuderung seiner väterlichen Besitzung den Keileinsetzen können, was ihn Marbach allerdingsschon der Ehre halber um eine anständige Summe ge-bracht haben würde, zu welcher er sich freiwillig gerneentschlossen hätte, während er bei einem Prozesse nurdem Nichterspruche gewichen wäre.

Nun war diese Geschichte ohne sein Zuthun, wennauch auf recht traurige Weise, beseitigt und Herr Stein-dorf für immer zur Ruhe verwiesen. Marbach mußte,während er nach dem Bahnhof zurückkehrte, um dort inder Restauration den nächsten Zug zu erwarten, fort-während an Steindorf's ruheloses Umherschweifen denken. Seltsame Gedanken und Jdeen-Verbindungen durch-kreuzten dabei sein Gehirn, und plötzlich fragte er sich !wieder, weßhalb der gcheimnißvolle Mörder denn eigent- !

lich auf ihn geschossen habe, weitn es wirklich der Räu-ber aus Chicago gewesen war.

Er blieb stehen, als ob ein Blitzstrahl vor ihmniedergefahren sei, und eilte dann, von einem plötzlichenEntschlüsse beseelt, nach dem Haupttelegraphenamt, wosich augenblicklich gottlob nur wenige Menschen befanden.

Hier riß er ein Blatt Papier aus seiner Brief-tasche und schrieb ein Telegramm nieder, wozu er sichder englischen Sprache bediente.

Als er dasselbe dem Beamten hinreichte und dieserden VermerkAntwort bezahlt" las, machte er ein er-stauntes Gesicht.

Das kostet viel, mein Herr!" sagte er,nachChicago hm, ein Kabeltelegramm"

Thun Sie Ihre Pflicht!" herrschte ihn Marbachgebieterisch an,wieviel kostet die Geschichte?"

Der Beamte nannte einen hohen Betrag, sah dannnoch einmal in seinen,' Tarifen nach er schien einNeuling zu sein uud moderirte den Kostenpunkt,worauf Marbach bezahlte und seiner Wege ging.

Schien mir ein geldprotziger Amerikaner zu sein,"bemerkte ein feingekleideter Herr, welcher die ganze Zeitüber hinter Marbach gestanden hatte und jetzt an denSchalter trat.

Natürlich," murrte der Beamte,und nun weißman nicht einmal, wohin die Antwort geschickt wer-den soll."

In diesem Augenblick kehrte Marbach zurück.

Senden Sie die Antwort an diese Adresse," sagteer kurz, ein Stück Papier hinüberreichend und sich raschentfernend.

Der Beamte warf einen Blick darauf und lashalblaut:Philipp Reinhardt in Moorkirch , kurze StraßeNr. 8, hm, das kostet noch eine Nachzahlung."

Der fremde Herr lächelte und gab dann ein Tele-gramm an Fräulein Armgard Holten in Edenheim beiMoorkirch auf.

Er entfernte sich ebenfalls sehr rasch und folgtedem eiligst dahiuschreitenden Marbach, der sich nachdem nahen Bahnhof begab und sich im Wartezimmereine Erfrischung bestellte.

Jener fremde Herr betrat nun auch das Zimmer,erkundigte sich am Büffet nach den: nächsten Zuge undtrank im Stehen einen Schoppen. Er fipirte dabei ver-stohlen den jungen Gutsbesitzer, der finster vor sich hin-starrte, als grolle er der ganzen Welt.

In diesem Augenblicke trat wieder ein ältererHerr ein, der bei dem Anblicke Marbachs sofort auf ihnlossteuerte.

Grüß' Gott , Freund Marbach, auch ein wenig inder Residenz? Zum Donner noch einmal, was machenSie da in Ihrer Gegend für Geschichten!"

Der Angeredete fuhr aus seinem Grübeln emporund drückte dem ihm bekannten Gutsbesitzer die Hand.

Ja, es ist recht unheimlich bei uns geworden,"erwiderte er düster.Sie haben wohl gehört, daß ichpersönlich bei der schrecklichen Geschichte bctheiligt bin."

Ihr Freund ist erschossen worden

Von mörderischer Hand, während mir eine Kugelam Kopfe vorüberflog."

Der elegante Fremde am Büffet war näher gekommen.

Na, ich denke mir, daß das Unheil auch voneinem schlimmen Zufall, einem unvorsichtigen und unge-schickten Schützen herrühren kann," bemerkte der Landmann.