271
„In der Residenz, wir werden es natürlich dort-hin senden. Ein solcher Bericht wird jedenfalls ihmvor Augen oder Gehör kommen und besser wirken alsein Inserat."
Sie traten in den Gasthof, wo Marbach sofort denBericht abfaßte und mit der betreffenden Zeitungs-Adresse versah. Reinhardt empfahl sich sodann, um den-selben in einen Briefkasten zu werfen.
Der junge Gutsbesitzer nahm noch ein Abendessenzu sich und fuhr nach Hause.
Die Nacht war herrlich. Im durchsichtig klarenAether schwamm die vollleuchtende Mondscheibe, allesathmete heiligen Frieden, von berauschendem Blüthenduftdurchhaucht. Marbach fuhr langsam dahin, den Zauberdieser Nacht still empfindend. Eine Wehmuth, welchewie körperlicher Schmerz sein Herz zermarterte, erfüllteihn in nie gekannter Weise. War's der Schmerz umden Freund? -- Er stöhnte laut und wünschte sichSturm und Unwetter herbei, um das ungewohnte Gefühlabzuschütteln im Kampf mit den Elementen. Nur nichtdiese träumerische Nacht, diesen stillen Zauber, der ihmfortwährend ein Bild vorgaukelte, das dem Leben an-gehörte und nichts mit dem todten Freund zu schaffenhatte. —
Er trieb die Pferde zu rascherem Lauf, und fortging's wie ein Ungewitter. Da zog er plötzlich dieZügel an, die Thiere standen wie aus Erz, — sie hiel-ten vor dem Park von Edenheim.
Geisterhaft wob das Mondlicht seine silbernen Fädendurch die regungslosen Blätter und Blüthen der Bäume,stahl sich über die schattigen Wege und Gänge undtauchte das Herrenhaus in ein leuchtendes Meer, auswelchem die Fenster wie Krystalle blitzten und funkelten.
Marbach blickte unverwandt hinüber, unter jenemDache lag ein todtes Kind, das mit den erstarrtenFingern eine Kette für die Herrin des Hauses schmie-dete. Jetzt öffnete sich dort drüben eine Thür, sein ge-schärftes Auge sah Alles so deutlich, eine dunkle Ge-stalt trat in den Garten und schritt eilig über die mond-erhellten Kieswege. Marbach zuckte so heftig zusammen,daß die Pferde anzogen, ein Ruck seiner Faust hielt siewieder fest. Er blickte wieder nach der Gestalt, welchesich jetzt unter den Bäumen verlor. Nein, er hatte sichnicht getäuscht, es war Armgard Holten, welche hier ein-sam wie eine Nachtwandlerin durch ihren Garten irrte.Der Lauschende glaubte ihr angstvolles Aufstöhnen, ihreschweren Seufzex zu hören. Fürchtete sie sich vor demVerhängniß oder vor dem eigenen Herzen, das sie mitihrer gerühmten Willenskraft nicht zu bezwingen ver-mochte?
„Schwachheit, dein Name ist Weib l" murmelte er,zähneknirschend die Peitsche über die Pferde schwingend,und fort stürmten diese auf's Neue, wie die Windsbraut,den leichten Wagen mit sich vorwärts reißend, als hättensie sich's vorgenommen, denselben mit dem tollkühnenFührer in Atome zu zerschmettern.
Wie er nach dieser tollen Fahrt doch endlich unver-sehrt nach Notenhof zurückgekommen, das wußte Mar-bach später nicht zu sagen.
* -l-
Am nächsten Morgen empfieng der junge Besitzervon Notenhof einen Brief aus der Residenz von einembefreundeten Anwalt, welcher ihm bei der Erbschasts-Regulirung vortreffliche Dienste geleistet hatte. Er bat
ihn, behufs einer wichtigen Mittheilung unverzüglich zuihm zu kommen, da er die Sache, worin der Sohn desfrüheren Herrn von Notenhof eine Rolle spiele, nichtbrieflich abmachen könne.
Marbach konnte beim Lesen dieses Briefes einenAusruf der Ueberraschung nicht unterdrücken. Da konnteer den Gesuchten also mühelos finden, ihn zum erstenMale von Angesicht zu Angesicht sehen. Ohne sich deß-halb lange zu besinnen, schrieb er einige Zeilen fürFräulein Holten, sowie eine Aufklärung für seinen FreundReinhardt, erließ die nöthigen Befehle und Anordnungenfür seinen Verwalter und reiste mit dem ersten Zugenach der Residenz, wo ihn der Anwalt mit großer Be-friedigung empfing.
„Was gibt's? Was ist vorgefallen? Wo befindetsich Steindorf?"
„Sie fragen sich ja außer Athem, liebster Freund,"beruhigte ihn der Anwalt lächelnd.
„Was es giebt?" fuhr der Anwalt fort, „wahr-scheinlich einen Prozeß mit diesem Gentleman ausAmerika , — der aus Quecksilber zu bestehen scheint, daman ihn nur selten festhalten kann. Es wäre mirnämlich ganz unmöglich, Ihnen augenblicklich seine Adressezu verrathen."
„Das sieht ja fast so aus, als ob er Ursache hätte,häufig sein Quartier zu wechseln," bemerkte Marbachachselzuckend. „Ich habe mich also umsonst auf seinepersönliche Bekanntschaft schon gefreut?"
„O, es ist immerhin möglich, daß er heute nochhierher kommt. Aber komisch, nicht wahr, daß er justmich in dieser Sache als Anwalt erwählt. Er weiß esnatürlich nicht, daß wir befreundet sind."
„Also ein Erbschafts -Prozeß gegen mich," sagteMarbach trocken, „Sie werden denselben natürlich an-nehmen."
„Unsinn, Mein Bester, fällt mir ja gar nicht ein!"rief der Anwalt eifrig, „bin und bleibe doch Ihr Ver-treter, suche nur erst seine Pläne und Absichten zu er-forschen."
„Und Sie glauben, daß diese Erfolg haben können?"
„O, dieser Steindorf ist schlau genug, sich selbstaus dem Spiele zu lassen, weil er nun einmal enterbtund mit seinem Anspruch von dem Vater ein- für alle-mal befriedigt worden ist, beziehungsweise sich zufriedenerklärt hat. Er besitzt jedoch eine Tochter, welche nichtenterbt —"
„Aber todt ist," fiel Marbach ruhig ein.
Der Anwalt sah ihn überrascht an.
„So hat er mich also belogen, denn noch gesternMorgen behauptete er mir gegenüber, eine Tochter zubesitzen."
„O, er hat Sie auch nicht belogen, da die Tochtererst gestern Nachmittag gestorben ist, was ihm leider,da er seine Adresse nicht hinterlassen, noch nicht hat mit-getheilt werden können. Ich hoffte deßhalb, von Ihnendiese Adresse zu erhalten."
Der Anwalt schüttelte den Kopf.
„Das wird ihn tief treffen," sagte er, „was hatder Kleinen denn gefehlt?"
„Sie ist von unbekannter Hand erschossen worden."
„Großer Gott — erzählen Sie mir das, lieberMarbach!"
Dieser theilte ihm die unheimliche Katastrophe mit.
„Das ist ja aber ein buchstäbliches Drama!" rief