Ausgabe 
(3.5.1894) 36
Seite
270
 
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Sagten Sie nicht, daß auch Ihnen eine Kugelzugedacht gewesen sei?"

Es schien so, da dieselbe mir dicht am Kopf vor-beipfiff. Nur der Umstand, daß ich im langsamen Fort-schreiten begriffen war, rettete, wie ich glaube, mein Leben."

Weil der Schütze kein sicheres Ziel hatte, wie beiIhrem Freunde," bemerkte der Beamte,das ist erklär-lich. Nehmen wir nun an, daß Herr Warneck jenemSchützen ein Hinderniß war, welches er um jeden Preisaus dem Wege räumen mußte, weßhalb aber schoß erauf Sie und, was noch unerklärlicher, auf das Kind?"

Letzteres hat er zufällig getroffen, wie auch derKutscher behauptet," sagte Marbach,die Kleine wolltealso im Wagen bleiben, wo sie zwischen den weichenPolstern beinahe verschwand und wahrlich für ein Hünd-chen gehalten werden konnte, zumal aus der Ferne, wiees mich sogar in der Nähe schon täuschte. Warneck standam Wagenschlage, mit dem Kinde plaudernd. Da hates sich im selben Augenblick, als die Schüsse fielen,erhoben, wie der Kutscher mir vorhin in Edenheim selbsterzählte, und ist auch sofort getroffen worden, weil derMörder mehrere Male hintereinander schoß. Was nunmich selber anbetrifft, Herr Commissar!" setzte er kopf-schüttelnd hinzu,so mag er vielleicht in mir den Freundseines Verfolgers gehaßt haben, wer kann's wissen!"

Allerdings, auch mag ihn eine plötzliche Mordlustgepackt haben. Wir haben also zunächst unser Augen-merk auf diesen Menschen zu richten, dessen Signale-ment uns der Erschossene ja so ziemlich genau hinter-lassen hat. Das ist aber auch Alles und kann sehrleicht auf falsche Fährten führen. Schade, daß Sie denBurschen nicht kennen."

Ja, das bedaure ich tief, auch, daß mein Freundkein Bild von ihm besaß; wie er mir erzählte, wardieser Prien ein erklärter Feind der Photographie."

Sehr erklärlich," rief der Commissar lachend,esist für die Verbrecherwelt eine böse Erfindung und durchdie Taschen-Apparate geradezu verhängnißvoll für die-selbe geworden. Apropos, was sagt denn der Vaterdes Kindes zu diesem Unglück?"

Marbach berichtete darüber.

Das ist allerdings ein recht fatales Ereigniß fürFräulein Holten," meinte der Beamte,habe von ihremfrüheren bräutlichen Verhältniß zu Steindorf gehörtund denke mir, daß dieser schreckliche Fall die beidenLeutchen wohl wieder zusammen führen könnte, da diejunge Dame ihm doch immerhin eine Genugthuung odervielmehr einen Ersatz schuldig wäre; meinen Sie nicht,Herr Marbach?"

Ich kann darüber keine Meinung haben, HerrCommissar!" versetzte der junge Gutsbesitzer kalt,hatauch weiter kein Interesse für mich. Sie werden alsodie weiteren gerichtlichen Schritte unternehmen?"

Unbedingt, bitte, über unsere Vermuthung strengesSchweigen zu bewahren. Ich werde morgen früh mitden betreffenden Herren zu Ihnen kommen."

Marbach ging. Durch die trübe Stimmung, welcheihn vollständig beherrschte, brach der Zorn sich gewalt-sam Bahn. Waren die Menschen denn allesammt ge-borene Ehestifter? Selbst dieser kaltberechnende Poli-zeimensch? Was ging es sie an, ob dieser wider-wärtige Steindorf einen Ersatz für sein erschossenes Kindverlangen durfte! War denn Armgard Holten daranschuld? Und sie sollte sie wirklich um dieses Kind

nur trauern, weil es das seine war? Dann freilichja dann

Der junge Mann trat unwillkürlich stärker auf,als ob er etwas zertreten wollte. Bah, was ging'sdenn ihn selber an, ob Armgard jenen Steindorf hei-rathete oder irgend einen anderen? Eine Nöthe schoßihm in die Stirn, und er beschleunigte seinen Schritt,um die albernen Gedanken los zu werden, welche ihmim Hinblick auf den gemordeten Freund wahrhaft ver-brecherisch erschienen.

Nach kurzer Zeit saß er in der Wohnung desalten Malers, der theilnehmend seiner Erzählung lauschte.

Sind mir das aber Pfingsttage gewesen," riefReinhardt, sich mit beiden Händen durch das graueHaar fahrend.Erst die liebe alte Freundin verloren,da die Arme so gut wie todt ist, und nun diesesVerbrechen hinterdrein. Wissen Sie, was ich an IhrerStelle thäte?"

Nun?"

Ich telegraphirte nach Chicago , Sie habendoch dort Bekannte?"

Ich war ja bei meinem Freunde Warneck undhabe dort allerdings mehrere Familien kennen gelernt.Weiß auch, daß eine derselben dort noch existirt, wasman in Amerika nicht immer voraussetzen kann."

Gut, telegraphiren Sie dorthin um einen soge-nannten Detectiv, der Ihren Mr. Prien heißt er nichtso? ja? gut, der diesen Schuft genau gekannthat."

Diese Idee ist nicht so übel," sagte Marbach nach-denklich,wer weiß aber, wo unser Bursche steckt, wennder Detectiv eintrifft."

Freilich, es kostet auch einen Berg Geld," meinteReinhardt kleinlaut,sehe nicht ein, was es Ihremtodten Freunde nützen kann, wenn Sie Ihr Geld weg-werfen."

O, das sollte mich wahrlich nicht daran hindern,alter Freund! Ich kann den Gedanken nicht ertra-gen, daß mein armer Warneck ungerächt modern, dieschwere Schuld ungesühnt bleiben sollte. Aber alleinwill ich's ausführen, die Polizei soll von diesem Planenichts erfahren. Hand darauf, daß es unter uns bleibt."

Sie schüttelten sich die Hände und besprachen sichnoch lange über das Für und Wider jenes Planes,bis Marbach endlich aufbrach, von dem Maler begleitet,der ihm das Versprechen gab, gleich am nächsten Morgendie verschiedenen Wege für die beiden Begräbnisse fürihn zu besorgen.

Alle Wetter, da hab' ich ja auch noch die Ge-schichte mit jenem Herrn Steindorf vergessen," sagteMarbach, stehen bleibend.Es ist so spät geworden."

Was ist's denn mit dem edlen Amerikaner?"

Na, der Vater muß doch von dem Tode seinesKindes unterrichtet werden, und kein Mensch weiß,- woer zu finden ist. Da müssen wir den Edlen nur durchdie Polizei oder ein Inserat suchen lassen."

Reinhardt schwieg eine Weile.

Bringen Sie in kurzen Worten das ganze Er-eigniß zu Papier mit dem Namen der Kleinen und demVermerk dabei, daß der Vater derselben augenblicklichverreist sei und man leider seinen Aufenthaltsort nichtkenne. Dies senden wir an die gelesenste Zeitung der ja, wissen Sie denn auch nicht einmal, in welcherStadt er sich befinden soll?"