296
genesen erklärte, um sich auf kurze Zeit der frischen undsonnigen Luft schon zu erfreuen.
Jetzt ließ sich auch Stcindorf sogleich bei ihr an-melden, um ihr seine Glückwünsche zur Genesung nus-zuspcechen und sich auch zugleich wegen seiner Eigen-mächtigkeit, mit welcher er in ihrem Namen die Zügelder Regierung ergriffen, zu entschuldigen.
„Sie sind krank geworden, theure Armgard!" sagteer, „und ich'allein in meiner grenzenlosen Selbstsucht,welche Ihnen die arme kleine Lotta aufbürdete, tragedie indirekte Schuld an dieser Krankheit. — Nein, redenSie nichts dagegen, Sie sind die Selbstlosigkeit in Per-son, ich weiß es doch am besten, aber Gott hat michhart gestraft, daß ich in meiner Verblendung heimkehre,ja, es sogar wagte, Ihnen gegenüber zu treten. Nunwohl, ich kann dafür keine Verzeihung verlangen, hätteauch meinen Entschluß, sogleich nach Lottas Begrübnißabzureisen und nach Amerika zurückzukehren, unbedingt aus-geführt, wenn nicht Ihre Erkrankung mir die heiligePflicht auferlegt mindestens in dieser Zeit über IhrHab und Gut zu wachen. Und nun bin ich gekommen,um Abschied von Ihnen zu nehmen, gnädiges Fräulein I"setzte er nach einer kleinen Pause mit gesenkter Stimmehinzu, „dem gütigen Gott dankend, daß er Ihr Lebenbehütet und mir zu der alten Schuld nicht eine neue,schwerere noch aufgebürdet hat."
Herr Julius Steindorf war ein ganz vortrefflicherComödiant, und wenn Doctor Peters eine Ahnung davongehabt, hätte er sicherlich diese aufregende Scene fürseine Ncconvalescentin um jeden Preis zu verhinderngesucht. —
Von der Krankheit körperlich geschwächt, seelischleidend und sich diesem verführerisch schönen Mannegegenüber durch den Tod seines einzigen Kindes schwerverpflichtet fühlend, mochte sie auch für Liebe halten,was im Grunde vielleicht nur Schwäche und ein krank-hafter Wahn war.
„Wohin gehen Sie?" fragte sie leise.
„Nach Amerika zurück, vielleicht auch nach einemandern Welttheil, — ich bin ein Heimathloser auf Erdengeworden, seitdem der Tod alle Familienbande hübenund drüben zerrissen hat."
„Sie haben in Amerika Freunde und Bekannte."
„Was man so nennt, — ja, — Fräulein Arm-gard! — Doch wird drüben mich Niemand vermissen,— keine Seele nach mir fragen, weil die Freundschaftsich nur so lange zu bewähren pflegt, als das materielleInteresse andauert, welches dieselbe geknüpft. Ich habedort keine Liebe zurückgelassen, und was ich mit her-übernahm —"
Er brach ab, beugte sich hastig über ihre Hand,welche er an seine Lippen zog, flüsterte kaum hörbar:„Leben Sie wohl und recht — recht glücklich!" undwollte sich rasch entfernen.
„Nein!" rief sie fast leidenschaftlich, „gehen Sieso nicht von mir, Herr Steindorf I — Heimathlos undfreudlos, sagten Sie nicht so? — Und das einzigeWesen, welches Sie liebte, durch meine Schuld — ge-mordet! Begreifen Sie, wie ich diesen Gedanken ertra-gen soll?"
.Er kehrte zu ihr zurück, seltsam blaß und zitternd.
„Sie sind ein Engel an Güte, Armgard!" sagteer halblaut, „fürchten Sie doch nicht, von mir ver-kannt zu werden oder einen ungerechten Vorwurf zu
hören. Weßhalb diese Selbstquälerei? — Mag dieWelt darüber urtheilen wie sie will, mein Herz sprichtSie frei von jeglicher Schuld, selbst von dem kleinstenindirektesten Versehen. O, mein Gott!" setzte er in aus-brechender Verzweiflung hinzu, „wie gern ich hier bliebe,kann ich nicht aussprcchen —"
„Nun, dann bleiben Sie, mein Freund," fiel Arm-gard ein, „wer treibt Sie fort?"
„Die Bosheit der Menschen man sagt bereits,daß ich Ihre Arglosigkeit ausbeute, meine Hand nachder rcicyen Erbin ausstrecke. — Das treibt mich fort. UndSie dürfen mich nicht zurückhalten, Fräulein Armgard."
Sie schwieg eine Weile, ihn unruhig anblickend.Jener Abend bei Tante Hanna, wo der Maler Rein-hardt von ihm so Häßliches, sie tief Beschämendes be-richtet, kam ihr in die Erinnerung zurück. Sollte derMaler, der ihr stets unsympathisch gewesen, die Wahr-heit gesprochen oder ihn geflissentlich verleumdet haben?— Wer ihr darüber Aufklärung hätte geben können.Wie im Fluge jagten diese Gedanken durch ihr Gehirn,und seltsam — auch Tante Hanna's Liebes- und Lei-densgeschichte tauchte in den Hauptmomenten dazwi-schen auf.
„Worüber grübeln Sie so plötzlich?" fragte Stein-dorf, ihren unruhig-forschenden Blick bemerkend, endlichverwundert.
Armgard schämte sich ihres Mißtrauens, zumal siesich entsann, daß Reinhardt mit der Steindorf'schenFamilie in früheren Jahren schon verfeindet gewesenwar. War denn der arme Julius nicht damals nochso blutjung und zu der Verlobung mit ihr, der unschönenErbin, von vornherein bestimmt gewesen? — Konnteer denn dafür, daß sein Herz ihrer schönen Cousine zu-flog, und war es nicht die Schuld seiner Eltern ganzallein, daß der Arme jetzt heimathlos und verlassen war? —
Armgard war also bereits so weit, seine Untreueund Falschheit zu entschuldigen und ihn als das Opferväterlicher Despotie hinzustellen.
„Ich grüble nach, weshalb die Menschen eine sogroße Lust zur Verleumdung besitzen," erwiderte siedeshalb traurig, „und kann es nicht begreifen, weßhalbein Mann, der sich seiner lauteren Absichten bewußt ist,dieser Verleumdung weichen soll."
„Das heißt mit andern Worten, daß ich derselbentrotzen und Hierbleiben soll?" fragte Steindorf, sie festanblickend.
Sie senkte die Augen und wieder kam die Unruheüber sie, welche ihr einen physischen Schmerz in derBrust verursachte. Sie zitterte vor seinem Blick, wiedas Vöglein vor dem bezaubernden Blick der Schlange,und hätte entfliehen mögen, um sich vor ihm zu schützen.Es war der innere Jnstinct der reinen Mädchenseele,welche, wie Gleichen, die Nähe des Mephisto, des unreinenLügengeistes, ahnte.
„Sie antworten mir nicht, Armgard?" fuhr Stein-dorf nach einer kleinen Pause leise fort, „wünschen Sie,daß ich gehe?"
„Nein, bleiben Sie hier!" stieß sie fast gewaltsamhervor, sich fest aufrichtend, als wolle sie allen unheim-lichen Empfindungen Trotz bieten. „Ich will der Weltzeigen, daß ich ihre Verleumdungen verachte und keinunlauterer Gedanke zwischen Ihnen und mir besteht.Sie dürfen nicht von hier fortgehen, mein Freund, bisSie einen festen Plan für Ihre Zukunft gefaßt und