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beiden falschen Geschöpfe. Und wenn ich's nun mit an-sehen muß, wie sie blindlings in ihr Unglück hinein-rennt und sich doch von diesem gleißnerischen Judas —"
„Na, na, so schlimm wird er denn doch wohl nichtsein, obwohl ich keine Sympathie für ihn habe undmeine Hochachtung für Fräulein Armgard Holten be-deutend schwindet."
„Ach. liebster Doctor," sprach Mamsell Evers, „wennTante Hanna gesund und ihr zur Seite wäre, könntees nicht geschehen. Sie würde ihm den Sieg' schon ausder Hand winden."
„Ja, das ist ein Unglück, meine Liebe! Ich wolltedem Fräulein eigentlich mittheilen, daß unsere Hannamorgen am Kopf operirt werden soll. Unter diesen Um-ständen wird sie wenig Interesse augenblicklich dafürhaben, also wollen wir es ihr verschweigen."
„Gewiß, ich mag Tante Hanna's Namen nicht inGegenwart dieses Menschenaussprechen," sprach die Mam-sell, mit der geballten Handgegen das Fenster drohend,
„sie konnte ihn nickt ausstehen.
— Aber, Herr Doctor, ist dieOperation sehr gefährlich? —
Wenn sie nun daran stirbt?"
„Das müssen wir bei jederanderen Operation auch ris-kiren, so ist sie auch nur le-bendig todt. Na, MamsellEvers, ich will die Rückkehrdes erlauchten Paares liebernicht abwarten, sondern gleichabfahren," setzte er spottendhinzu. „Gott befohlen, meineBeste."
Er schüttelte ihr die Handund verließ die Stube, wäh-rend Mamsell Evers sich raschdie Augen wusch, um die Spurder Thränen zu tilgen.
Es hatte sich in der Thatein seltsames Verhältniß zwi-schen der jungen Gulsherrinund ihrem einstigen Verlobtengebildet, seitdem das schreck-liche Ereignis; im Hohlwegevor ihren Augen sich zugetragenund sie sich in einem krankhaft gesteigerten Wahn die in-direkte Schuld daran zugemessen hatte, mindestens in sofern es den Tod der kleinen Lotta bedarf.
Während ihrer Krankheit war Steindorf sofort inEdenheim erschienen, was auch ein Jeder wegen desBegräbnisses seines Kindes für selbstverständlich hattehalten müssen. Daß der junge Herr indessen auch nachdemselben auf dem Gute erschien und bei Kleinem an-fing, den Gebieter herauszukehren, ja sich sogar in derNähe einquartierte, um stets bei der Hand zu sein, dieInteressen der erkrankten Gutsherrin wahrzunehmen, daserfüllte nicht nur den Verwalter und die Mamsell Evers,sondern alle Untergebenen des Gutes mit stillem Groll,obgleich es Niemand wagte, ihm offen entgegenzutreten.Wußte man es doch nicht genau, wie Fräulein Holtenmit ihm stand, und ob er nicht im Geheimen schon mitihr verlobt war. Wenn Mamsell Evers ihm trotzalledem
häufig genug ihr unverhohlenes Erstaunen über seineAnwesenheit und seine unbefugte Einmischung kundgege-ben hatte, so wußte sie sich doch im Innern sagen, daßdieser Mann unmöglich so auftreten könnte, wenn Fräu-lein Armgard ihm nicht in irgend einer Weise das Rechtdazu gegeben hätte.
Und doch irrte sie sich hierin, wie wir wissen;Steindorf handelte einzig nach einem bestimmten Planund setzte in richtiger Erkenntniß des weiblichen Charak-ters mit voller Bestimmtheit den Schluß vovnrs, daßArmgard Holten ihn noch immer liebe und es nur eineskühnen Zugreifens von seiner Seite bedürfe, um sie dieSeine zu nennen.
Warum wäre sie denn sonst nach ihrem erstenZusammentreffen am Rhein vor ihm geflohen? Siekannte ihre Schwäche und schämte sich derselben. Stein-dorf folgte ihr deshalb auf dem Fuße, um das heiße
Eisen sofort zu schmieden. Erwar freilich ein eingefleischterEgoist, hatte aber seine kleineLotta zärtlich geliebt, weßhalbder Schmerz um ihren grau-samen Tod auch sicherlich einaufrichtiger war. Aber da siedoch nun einmal nicht wiederin's Leben zurückzurufen war,so wollte er aus ihrem Todeauch für sich den größtmög-lichen Vortheil ziehen undArm-gard's Seelenzustand so raschals möglich zu verwerthensuchen. Er war ein Mannder That, der nicht lange zuerwägen und zu bedenkenpflegte, und dem auch in dieserSache der Zufall trefflich zuHülse kam, indem derselbe dieseinen Plänen wirklich gefähr-liche Tante Hanna, die Ein-zige, welche Einfluß auf Arm-gard Holten besaß, des Denk-vermögens beraubt hatte. Vonder bevorstehenden Operationderselben hatte er noch garnichts vernommen, da DoctorPeters ihm soviel als möglichaus dem Wege ging und erauch meistens sich in Edenhcim, wo man ebenfalls nichtsdavon erfuhr, aufhielt.
Als der alte Arzt heute aus dem Stubenfcnsterder Mamsell Evers blickte, sah er Julius Stcindorfmit der Gulsherrin Arm in Arm langsam dem Parke,zuwandeln. Steindorf beugte sich zu ihr nieder undschien in eindringlichster Weise mit ihr zu reden. Arm-gard ging gesenkten Hauptes wie ein willenloses Opfer-lamm neben ihm, bis sie hinter den Bäumen des Parksverschwunden waren.
Wie war es dem glatten Steindorf so rasch ge-lungen, ein solches Mädchen wie Armgard Holten trotzder ihn schwer anklagenden Vergangenheit auf's Neuefür sich zu gewinnen?
Seit einigen Tagen erst hatte sie das Kranken-zimmer mit den Wohnrüumen wieder vertauscht und diePflegerin entlassen, weil der Arzt sie für hinreichend
Herzogin Max Einanncl ch.