Ausgabe 
(15.5.1894) 39
Seite
294
 
Einzelbild herunterladen

294

Brandwunden schienen don einer giftigen Substanz her-zurühren und deßhalb der ärztlichen Kunst noch immerzu spotten.

Der Kranke reichte dem Arzt sogleich einen Zettelentgegen, den dieser nahm und überflog.

Haben Sie's dem Kommissar gegeben, Doctor ?"las er.

Ja, er wollte sich's überlegen," beantwortete dieserdie Frage.

Das rechte Auge des Malers, welches unter demVerbände, der beinahe das ganze Gesicht bedeckte, un-heimlich heroorlugte, starrte den Doctor an. Dannschrieb er wieder:

Ist Marbach todt?

Nein, aber schwer verwundet," antwortete der Arzt.Er fiebert noch immer und phantasirt stark."

Reinhardt seufzte tief. Er ließ sich ruhig verbin-den und stöhnte nicht einmal dabei. Auch hier war einHeilgehilfe anwesend, der die Pflege ganz allein leiteteund besorgte.

Der Maler schrieb alsdann einen Zettel mit derFrage, ob Fräulein Holten noch krank und Steindorfdort anwesend sei?

Sie ist wieder besser und ergeht sich bereits infreier Luft. Steindorf war während ihrer Krankheitdort anwesend, jetzt aber nicht mehr, ich und MamsellEvers hielten ihn vom Krankenzimmer fern. FräuleinArmgard weiß noch nichts von dem neuen Attentat, dochkann ich grüßen."

Der Maler nickte mühsam und schrieb auf's Neue:Obwohl sie mich nicht recht leiden konnte, so möchteich doch um ihren Besuch bitten."

Dazu ist sie noch nicht kräftig genug, mein alterFreund, wiü's aber bestellen. Ich fahre jetzt noch inEdenheim vor. Ueber Steindorf beunruhigen Sie sichnicht, der geht wahrscheinlich bald nach Amerika zurück."

Dieser Trost schien indeß bei dem Kranken die be-absichtigte Wirkung nicht zu haben. Er rollte das eineAuge in wahrhaft erschreckender Weise und schrieb miterregt zitternder Hand:Schicken Sie mir um gottes-willen den Commissar Frenzel her. Ich muß eine Aus-sage machen. Wax er denn überhaupt noch nicht hier?"

Freilich, alter Freund, aber Sie waren doch ganzunfähig zu einer Aussage, was der Polier Schulze auchhinreichend schon besorgt hat."

Reinhardt ballte vor Ungeduld die Hand und schriebdann mit großen Buchstaben:Schulze soll dem Com-missar von der rothen Schnittnarbe erzählen."

Gut, gut, ich will Alles ausrichten," beruhigteihn der Doctor, den diese fixe Idee des Kranken sehrbedenklich stimmte. Er ging, dem Gehülfen einen Winkgebend, ihm zu folgen.

Die fixe Idee des alten Herrn wurzelt in einerrothen Narbe," flüsterte er ihm draußen zu,das Ge-hirn muß also doch gelitten haben."

Ja, der Sprengstoff muß unbedingt eine giftigeBeimischung gehabt haben, die Hülse ist ja gefundenworden."

Ich weiß, meine Herren Kollegen bezweifeln dasGift, und sie mögen recht haben, weil wir sonst soforteine Blutvergiftung gehabt hätten. Mag aber sonstetwas dazwischen gewesen sein, was auf das Gehirn ein-gewirkt hat. Na, suchen Sie ihn nur zu beruhigen, dasist vorerst die Hauptsache."

Auf dem Wege nach Edenheim wollte ihm die selt-same Uebereinstimmung der beiden Verwundeten in Be-treff der rothen Scbnittnarbe gar nicht aus dem Sinne.Sollte diese Idee wirklich einen ernsten Hintergrundhaben und er verpflichtet sein, dem Kriminal-Kommissardarüber zu berichten? Ja, wenn der Name Steindorfnicht so widersinnig hineingeflochten wäre, hiermitwürde er sich ja unsterblich lächerlich machen. Wasgingen den Commissar die verrückten Phantasien seinerKranken an? Er könnte es ihm ja immerhin als Kurio-sum mittheilen.

Mit diesem Entschlüsse fuhr er vor die Freitreppedes Herrenhauses von Edenheim, wo ihm Mamsell Eversmit einem umwölkten Gesicht entgegentrat.

Nun, was giebt's?" fragte er, sie forschend an-blickend.

Die alte Wirthschaften« schluckte erst einige Male,als ob ihr etwas Ungehöriges im Halse stecke, und er-widerte dann leise:Was soll's geben, Herr Doctor,jedenfalls eine Hochzeit."

Er sah sie erschreckt an.

Ist er wieder hier?"

Mit ihr im Garten, ich hab' von meinem Fensteraus genug gesehen. O, daß der wieder heimkehrenmußte"

Ja, und daß die Kleine unter ihrem Schutze todt-gcschossen wurde," brumm'e der Arzt,dergleichen giebtbei Gefühlsmenschen den Ausschlag. Ihm konnte, sohart es klingen mag, nichts Besseres passiren, um Eden-heim zu bekommen, da die Frau ihm jedenfalls Neben-sache ist. Wollen Sie mich auch einmal mit eigenenAugen aus Ihrem Fenster observiren lassen, MamsellEvers?"

Gern, Herr Doctor, aber nehmen Sie sich inAcht, daß man Sie nicht bemerkt, er würde es mirbös ankreiden. Wenn er erst die Macht hat, wird auchmeine Zeit hier um sein."

Sie wischte sich mit der Küchenschürze die Augenund stieg eiligst vor ihm die Treppe hinauf.

Doctor Peters folgte ebenso rasch, da ihn jeneNachricht merkwürdig erregt hatte.

Ohne Aufsehen erreichten sie die Stube der Mam-sell, welche im Seitengiebel des Herrenhauses lag undeine unbeschränkte Aussicht auf diese Seite des Gartensund auf den Park besaß.

Doctor Peters setzte seine Brille auf und übersah,einen Schritt vom Fenster entfernt, das Terrain. Erschüttelte hohnvoll lächelnd den Kopf, blickte dann nocheinmal hin und lachte laut auf.

Das ist ja der leibhaftige Marschall Vorwärts!"brummte er,hätt's von der aber doch nicht gedacht.Da kenne Einer die Weiber aus. Was soll mandazu sagen, Mamsell Evers, alte Liebe scheint bei EuchFrauen nie einzurosten, und ob sie diesen nimmt odereinen Andern, bleibt sich am Ende gleich."

Nein, nein, Herr Doctor, das bleibt sich nichtgleich," schluchzte die Wirthschafterin,ich kann ihr dieseSchwäche nie vergeben. Dieser Mensch, der sie vor zehnJahren dem Gespötte preisgab"

Ach, Unsinn, sie hat die Heirath mit der Anderndamals ja selbst bei den Alten durchgesetzt," fiel derDoctor ärgerlich ein.

Weil sie ein solch' Herze und grundgütiges Wesenist. Ich weiß es besser, was sie gelitten hat über die