Ausgabe 
(15.5.1894) 39
Seite
293
 
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39 .

1894 .

Nugsburger PostMung".

Divslag, den 15. Mai

ssür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg.

Druck und Berlag des ^iterariichen Initiluts von Haas L Grabherr in Augsburg lBorbeflyer vr. Mar Huttler).

Pfingsten.

Durch Garten und Wald ein Geheimniß geht,

Was rauscht in den alten Bäumen?

Die Amsel schlägt, der Südwind weht,

Wie ist den grünenden Räumen?

Der Sommer nahet mit Macht, mit Macht,

Die Würzen duften und triefen,

Die letzten Kinder sind heute erwacht,

Daß sie zum Fest nicht verschliefen.

Die Erde schauet in stillem GlückAuf all' dies Leben und Prangen,

Du aber stehst noch schmollend zurück,

Dein Eis ist noch nicht zergangen?

Komm, Geist der Pfingsten, in solch' ein Herz,

Laß es am Lichte erwärmen,

Gieß Deinen Segen mild niederwärts.

Hilf, Tröster, Vater der Armen.

Adolph Mül cr.

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Tante Kanna's Geheimnis;.

-Original-Roman von E. von Linden.

(Aoriseyung.)

Wochen waren seit diesem zweiten Ereigniß, dasnicht allein die Stadt und Umgegend, sondern durchdie Presse alle Welt in Aufregung und Verwunderunggesetzt hatte, vergangen, und noch war es nicht gelungen,dieses sowohl als die Mordschüsse im .Hohlwege aufzu-klären, oder irgend eine Spur der Thäter zu entdecken.Wenigstens verlautete nicht das Geringste darüber inder Oeffentlichkeit.

Während Warneck und die kleine- Lotta längst imSchooß der Erde ruhten, Ersterer nach Marbach's Willenim Park von Notenhof, Letztere auf dem Friedhof derStadt, lagen die beiden im Gebirge Verwunderen nochimmer zwischen Tod und Leben, da auch ReinhardtsZustand sich wider Erwarten sehr ernst und bedenklichgestaltet hatte. Marbach's linker Arm war abgenom-men worden, während die Wunde am Hinterkopfe

einen noch gefährlicheren Charakter angenommen hatteund seine Wiederherstellung geradezu in Frage stellte.Er lag noch imunr in Fieberphantasien und erging sichin wilden Drohungen und Anklagen gegen einen Feinddessen Namen er niemals aussprach. ,

Ganz natürlich," sagte der Doctor,die unheim-lichen Ereignisse, welche sich ja förmlich aufeinander ge-häuft haben, mischen sich doch in seine F-ieberträume undwälzen sich wirr und toll in seinem Gehirn umher.Wenn wir das Fieber nur erst gebannt Hütten."

Ja, das bringt ihn ganz herab," erwiderte derHeilgehülfe.Es ist merkwürdig, daß er fortwährendvon einem blutigen Jndianerschnitt phantasirt, darumdreht sich alles Ändere wie um ein Centrum."

Lieber Gott, das ist ja ganz erklärlich, wenn nurdie vertrackte Wunde im Gesicht süße, so aber wälzt crden Kopf umher und vereitelt jede Hoffnung. Es wirddoch nöthig sein, ihn auf irgend eine Art festzuschnallen."

Habe auch darüber nachgedacht, Herr Doctor,wie wär's zum Exempel mit einem Verbandschutz?"

Sie meinen eine Vorrichtung, welche das Ver-schieben desselben verhindert?"

Ganz recht"

Ich will mit einem Bandagisten darüber reden,"sagte der Doctor zustimmend.Mit dem armen HerrnReinhardt in Rotenhof habe ich immerhin leichtere Ar-beit, da er fieberfrei ist, aber, seltsam genug, auch voneinem blutigen Schnitt faselt. Reden kann er Gott seiDank noch nicht, weil er den Mund nicht regen kann,das eine Auge geht auch wohl zum Teufel, aber Papierund Bleistift mußte ich ihm in die Hand geben, und dakritzelte er richtig tolles Zeug hin von einem blutigenSchnitt, woran man den Mörder erkennen könne, unddabei einen Namen, Gott steh' mir bet ich solltediesen Zettel dem Criminal-Commissar Frenzel geben."

Wollen Sie denn das nicht, Herr Doctor?" fragteder Heilgehilfe erstaunt,ich thät's doch, da es nichtschaden kann."

Dem alten Arzt schien die ein wenig zudringlicheKlugheit dieses Handlangers der Medicin nicht ange-nehm zu sein. Er zuckte spöttisch die Achseln und ging,um nach Rotenhof zu fahren, wo Reinhardt auf demSchmerzenslager sich befand und sich ohnmächtig gegensein Geschick aufzulehnen suchte.

Doctor Peters fand ihn in heftiger Ungeduld seinerharrend. Die Schulterwunde verheilte gut, aber die