Ausgabe 
(15.5.1894) 39
Seite
298
 
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Ihren Frieden, den Lotta mit in die Gruft genommen,wieder errungen haben."

Steindorf küßte ihre Hände und gelobte treueFreundschaft. Sie sah seinen Triumphblick nicht undwiegte sich in dem Wahne, das; zwischen ihr und JuliusSteindorf von nun an eine reine Freundschaft wie zwi-schenMännern be-stehen könne. DerSchlaue ließ sie indemtollen"

Wahn, wie er esimJnuern verächt-lich nannte, ernährte denselbenbis zur gelegenenStunde, wenn dasKorn reif zurErnte war, wieer meinte.

Das neue At-tentat im Gebirge,dem Marbach undReinhardt zumOpfer gefallen, er-fuhr Armgard aufdes Arztes Befehlnoch immer nicht,sah sie doch nochkeinen andern Bekannten bei sichals Steindorf, denneuen Herrn vonEdenheim, wie dieGutsleute ihnheimlich mit stil-lem Groll und er-klärlicher Furchtnannten.

Heute nun, alsDoctorPeters undMamsell Eversdas junge Paarim Garten be-lauscht hatten,schien das Kornfür Herrn Juliusreif zur Ern'e zusein. Armgardmachte zum erstenMale einen or-demlichen, Spa-ziergang im Gar-ten, bei welchemder junge Herrnatürlich den Be-gleiter abgab. Er-bot ihr seinenArman, den sie an-fangs mit scheuerBefangenheit ab-lehnte, bis ihreSchwäche sie end-lich dazu zwang.

Sehen Sie,

theure Freundin, daß die Frau der Stütze doch bedarf?"scherzte Steindorf, ihren Arm durch den seinigen ziehend.

Armgard fühlte, wie ihr bei dieser Berührung allesBlut gewaltsam zum Herzen drang. War das wirk-lich die alte Liebe, welche unter der Asche der Ver-gangenheit heiß wieder aufloderte? (Forts, folgt.)

Klausen in Tirol.

Zu den zahlreichen hübschen Punkten, welche mit derBrennerbahn so bequem zu erreichen sind, gehört nicht in letzterLinie der Ort Klausen (525 Meter Meereshöhe).

Noä hat ihn zwar in einer seiner Schriften ein finsteresNest genannt, aber wir meinen, sehr mit Unrecht. Breite Straßenund Boulevards darf man dort freilich nicht suchen, so wenigals in vielen anderen stark besuchten Tiroler Orten, aber dafürhat man dort noch ein gutes Stück Originalität vor sich.

" Hat man die in freundlicher Thalweitung gelegene Bischofs-f stadt Brixen passirt, so rücken die beiderseitigen Wände des

Porphyrgebirges, durch das sich der wilde Eisack seinen Weggebahnt, immer näher zusammen. Eine Wendung der Bahn und wir sehen hoch obenkühn auf einem Felsen thronend (686 Meter Meereshöhe) das Kloster Säben, dasalte Sabione, einst der Bischofssitz, bevor er nach Brixen verlegt wurde. Zu Füßendieser klösterlichen Hochwarte, in welcher seit einigen Jahren großartige Bauten aus-geführt werden, um den Nonnen einen gegen neugierige Blicke gesicherten Garten zuschaffen, liegt, von einem hochragenden Nömerthurme slankirt und überaus malerischdas alte Klausen, dessen Situation es leicht ersichtlich macht, daß es einst sehr ge-eignet war, eine Thalsperre im Kriegsgetümmel zu bilden. Manch blutige Kämpfehaben sich in vergangenen Zeiten hier abgespielt, um diesen Schlüssel zum weiterenVordringen nach Süd oder Nord in die Hände zu bekommen.

Heute ist Klausen ein gar friedliches Städtchen, freilich auch nicht mehr so leb-haft als einst, wo noch nicht das Dampfroß Menschen und Güter im Fluge vorbei-führte. Dafür ist es ein trautes Plätzchen geworden für Solche, die in Ruhe dieNatur und ihre Schönheit genießen und dabei auch für des Leibes Nothdurft gutgesorgt wissen wollen. Die reiche Ausbeute reizender Landschaftsmotive mag es wohl