nun ganze acht Tage hindurch absolut nichts zu sich. Andiesem Tage trat zufällig ein junges Mädchen bei ihmein Er sah, daß es ein Stück mit Käse belegtes Brodin der Hand trage, und dieses weckte seinen Appetit der-art, daß er zu essen verlangte. Man gab ihm Suppe,etwas Reisschleim und allmälig wieder die gewöhnlicheKost. Er wurde heiterer, kam zu Sinnen, und man glaubteihn bereits geheilt. Als er jedoch wieder zu normalenKräften gelangt war, verfiel er auf's Neue in Wahnsinnund starb.
Gewiß ein ganz außerordentlicher Fall, der die Wider-standsfähigkeit des Menschen gegen den Hunger illustrirt.Zum Schlüsse sei, abgesehen von der sensationellen Gruben-katastrophe von Przibram im Jahre 1892, bei welchervon den 70 Geretteten der größere Theil 9 bis 11 Tagelang ohne Licht und Nahrung begraben war, noch einFall erwähnt, der bedeutendstes Aufsehen erregte: die Ver-schüttung der drei Bergarbeiter Jacob Schatek, FranzMakrlik und Heinrich Horak, welche am 4. Juli 1892in der Emeran-Zeche bei Bilin lebendig begraben wurdenund erst nach 17 Tagen, nachdem man sie schon längstfür todt gehalten, gerettet werden konnten. Man fand siezusammengekauert, hilflos, zum Skelett abgemagert, abernoch athmend und lebend vor. Außer zwei Einkreuzer-semmeln hatten die Unglücklichen keine Nahrung bei sichgehabt. Vorn Hunger gepeinigt, verzehrten sie den Leib-riemen Schateks, zwei lederne Tabaksbeutel und ein Pfeifen-rohr, das sie in drei Stücke getheilt hatten. Nur Makrlikbehielt seine Geistesgegenwart. Er allein holte zwei- bisviermal im Tag von einer 80 Meter entfernten Stellefür seine Kameraden und sich. Wasser, das den Hungerein wenig milderte. Zuletzt mußte aber der Held alleseine Willenskraft aufbieten, um den Gang noch machenzu können. Trotzdem hätten die Leute ärztlicher Ansichtnach noch drei bis fünf Tage gelebt, ehe sie, wenn mannicht zu ihnen gelangt wäre, der Erschöpfung erlegenwären.
Wunderbar sind die Kräfte der Natur. Sie hat denOrganismus des Menschen, wenn es gilt, unabwendbarerNothwendigkeit sich zu fügen, mit eiserner Zähigkeit undWiderstandskraft ausgerüstet und ihn zum Kampfe mitdem Schicksale befähigt. Angenehmer aber ist es jeden-falls, nicht aus eine solche Probe gestellt zu werden; esdürfte sich so Mancher dafür bedanken, zu wissen, wieviele Tage es ihm möglich gewesen, zu hungern.
-—-
Zu unseren Bildern.
Prinzessin Atix von Hessen und Großfürst-Thron-folger Uirolai Alexandrowitfch von Rußland .
Seit über fünf Jahren, seit jenem Tage, an welchem derPrinz das zwanzigste Lebensjahr überschritt und an welchemalter Gewohnheit zufolge die Verlobung der russischen Thron-folger prvklamirt wird, ist seine Verlobung in den Zeitungenaller Länder wie nickt minder in den politischen und gesell-sckastlichen Kreisen derselben immer und immer wieder derGegenstand eingehender, langer Verhandlungen gewesen. MitDutzenden von Prinzessinnen, mit deutschen, griechischen, dä-nischen, montenegrinischen, orleanistischen, hat man ihn ver-lobt, immer neue Projekte tauchten auf, immer neue Namenwurden genannt, und hatte ein Leitartikel schreiber einmal-absolut keinen Stoff mehr für seine politischen „Entrefilets",so brachte er flugs irgend eine von ihm erdachte abermaligeVerlobung des zukünftigen russischen Kaisers zur Spracheund knüpfte daran allerhand weise Erörterungen über die fer-nere Gestaltung der mit besonderer Vorliebe damit in Zusam-menhang gebrachten „allgemeinen politischen Lage".
Dieses Thema ist nun endgültig und glücklicherweise —
wie vie'e Leser der Tageszeitungen sagen werden — abgethan:am 20. April hat in Koburg die feierliche Verlobung des Groß-fürsten Nicolai Alexandrowitfch mit der Prinzessin Alix vonHessen stattgefunden, eine deutsche Fürstin wird also dereinstaus dem Throne der Romanows sitzen und, wie wir hinzufügenkönnen, eine eben so schöne wie liebenswürdige Fürstin.
Prinzessin Alix — dem ersten Vornamen schließen sich nochVictoria Helena Luise Beatrix an — ist als jüngste Schwesterdes jetzt regierenden Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen am6. Juni 1872 in Darmstadt geboren worden. Sie genoß seitensihrer Eltern und namentlich seitens ihrer edlen Mutter Alicedie sorgfältigste Erziehung, welche am Hofe der Königin Victoriavon England, der Großmutter der Prinzessin, vollendet wurde.
Der Großfürst-Thronfolger, am 18. Mai 1868 in Peters-burg geboren, vollendete vorgestern sein 26. Lebensjahr; vonseinen Eltern, die, wie man weiß, das innigste und glücklichsteFamilienleben führen, wurde er lange Zeit hindurch den Zer-streuungen der höfischen Welt ferngehalten und dann auf eineReise um die Erde gesandt. Allen Verlobungsplänen, die seinVater mit ihm hatte, ging der Großfürst aus dem Wege, aller-dings war die Auswahl keine große, denn Kaiser Alexander III.wünschte nicht, daß die einstige russische Kaiserin eine anders-gläubige Prinzessin sei und erst vor ihrer Vermählung zurgriechisch-orthodoxen Kirche übertreten müsse, er wollte gleich eineim Schooße ter „rechtgläubigen" Kirche erzogene Prinzessin alsGemahlin für seinen Sohn haben. Deßhalb ließ er die dreiTöchter des Fürsten von Montenegro nach Petersburg kommenund ihnen daselbst die sorgfältigste und kostspieligste Erziehungzu Theil werden; aber der Großfürst verzichtete auf die Mon-tenegrinerinnen und machte es mit den griechischen und dänischenPrinzessinnen, die darauf in Vorschlag kamen, nicht anders, biser jetzt endlich die richtige Lebensgefährtin gefunden hat.
Der Jungfernsprung zu Kandsderg a. K.
Im April 1633 kam General Torstenson vor die Thoreder Stadt Landsberg und verlangte ihre Uebergabe.
Ungeachtet die Bürger der Unterstützung kaiserlicher Trup-pen entbehrten, entschlossen sie sich dennoch zur Gegenwehr,bielten ein fünftägiges Feuer aus und brachten durck Ausfälledem Feinde nicht unerheblichen Schaden bei. — Endlich, nach-dem bereits Bresche geschossen und der Pulvervorrath der Stadterschöpft war, entschloß sich die Stadt zur Uebergabe. Noch eheaber die Kapitulationspunkte festgestellt waren, drangen dieSchweden Nachts in die Stadt und erfüllten sie mit den Greuelndes Mordes und der Plünderung. Bei dieser Gelegenheit wares, daß mehrere Frauen und Jungfrauen Landsbergs , derenNamen das pfarrliche Todtenbuch erhalten hat, sich vor dennacheilenden Feinden die Mauern hinabstürzten, um auf solcheWeise der Entehrung zu entgehen. Noch heute wird die Stelle,an welcher sich die heldenmüthigen Frauen den Tod gegeben,vom Volke der „Jungfernsprung" geheißen.
Die Namen der Frauen und Jungfrauen, welche bei derPlünderung der Stadt durch Torstenson getödtet wurden, undwelche das pfarramtliche Todtenbuch aufführt, sind folgende:1. Frau Ketzin , 2. Regina Kleinin, 3. Frau Dauscherin, 4. u.5. Barbara Gremerin mit ihrer älteren Tochter, 6 u. 7. MariaStadtpfeiferin mit ihrer Tochter, 8. Maria Auerin, 9 MariaJägerin (virZo eastissima xroxter virKinitatem liorribiliterinactata), 10. u. 11. Maria Prcnzin mit ihrer Tochter, 12.Wittwe Katharina Schottin, 13. u. 14. zwei kleine Mädchen,15. eine Austräglerin mit ihrer Tochter, 16. StadtzieglerinLother mit ihren Töchtern, 17. Maria Lengfeldnerin, 18. eineFrau Schmid, 19. Frau Pössenmeierin, 20. Anna Doltzin, 21.Corona Weierin, 22. Apollonia Ulrichin, 23. Justin« Weißin,24. Margaretha Christeinerin, 25. Anna Fleischnitzin, 26. AnnaWiedemannin, 27. Marg. Wörlin, 28. Apollonia Jegerin, 29.Apollonia Gumposchin, 30. Euphrosina Gaiin, 31. Maria Weixin,32. Von einer gewissen Stoffel ist gesagt, daß sie von denSchweden getödtet und in der Muttergotteskirche (Pfarrkirche)neben dem Muttergottesbilde zerstückelt worden sei. (Oesissa a.8nsois in tsinplo L. N. V. juxta iinag'ius transssota.*)
Der neueste Dacillus.
Bacillenwuth ist selbst in die stille Klosterzelle gedrungen.Einer der hochw. Patres beschäftigt sich schon seit langer Zeit
*) Allweiter Lib. XVIII §27 f. 289 sagt: »kusllasaliguas<1s alto xrasoixisntss (s manidus Iiostiuin) svassrs.« (EinigeMädchen, welche sich von der Höhe herabstürzten, sind dadurchden Händen der Feinde entronnen.)