Ausgabe 
(22.5.1894) 41
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1804 berichtet der berühmte Arzt Portal über die Ver-schüttung von Arbeitern in einem kalten, feuchten Stein-bruch, aus welchem dieselben nach vierzehn Tagen nochlebend, mit kleinem, schwachem Puls und sehr gesunkenerKörpertemperatur, herausgezogen und gerettet wurden.

Einige besondere Momente sind aber auf die Dauer,während welcher der Mensch den Hunger ertragen kann,von größtem Einflüsse. Er kann viel länger ausgehaltenwerden, wenn nicht zugleich auch der Durst mitertragenwerden muß, sondern Wasser für den Genuß vorhandenist. Dann haben auch Körperruhe, der geistige und physischeZustand ein gewichtiges Wort mitzureden. In einerNummerdes Hufeland'schenJournals der praktischen Heilkunde"aus dem Jahre 1811 ist beglaubigt mitgetheilt, daß imMärz 1809 sieben Männer siebzehn Tage hindurch auf

ein Sträfling, der alle Speisen zurückwies und bloßWasser trank, erst nach 63 Tagen.

Dieselben Beobachtungen haben Schmidt und Bischofgemacht, die auch große Erfahrungen über den Einflußder körperlichen Ruhe beim Hungern machten. Mehr abernoch als die Körperruhe vermag, wie schon bemerkt, dieabnorme physische oder geistige Beschaffenheit des Hungern-den. Nach einer Mittheilung derIlistoirs da l'Uea-äöwie des 8oisnes8 1769" wurde ein pensionirter

Offizier, der früher wegen seines edlen Charakters, seinerumfassenden Bildung und seines außerordentlich starkenGedächtnisses geschätzt und beliebt war, wegen einer ge-ringfügigen Geistesstörung auf die Festung Saumur ge-bracht.

Dem Commandanten schien der Zustand des Offiziers

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Der Jungfernsprung zu Kandsberg.

einer Eisscholle in der Ostsee umhertrieben und nichtsals geschmolzenes Meerwasser zu sich nahmen, bis sieendlich von Inselbewohnern lebendig geborgen werdenkonnten.

Daß der Hungertod durch Waffergenuß oft bedeutendhinausgeschoben werden könne, weist auch Haller nach,der in seinenElementen der Physiologie" eine ganzeReihe von Hungerfällen beim Menschen, bis zu 28tägigerDauer reichend, mittheilt. Chossat erhärtete diese That-sache durch Versuche an Kaninchen, und Tiedemann er-zählt in seinem grundlegenden WerkePhysiologie desMenschen", daß er bei Melancholikern, welche keineSpeisen, sondern nur Wasser, zu dem auch viele Irrsinnigebei Verweigerung der Aufnahme fester Nahrung greifen,genossen, eine mittlere Lebensdauer von 44*/g Tagenconstatirt habe. Ja, zu Toulouse starb im Jahre 1831

so wenig gefährlich, daß er ihm gestattete, in der Stadtumherzugehen. Hiebei erfuhr er, daß ihn seine Familievernachlässige. Das veranlaßte ihn, sofort nach seinerHeimath abzureisen, wo er aber festgenommen wurde, umwieder nach Saumur gebracht zu werden. Als man ihnnunmehr dort festhielt, verfiel er in Wahnsinn und ver-weigerte die Nahrungsaufnahme. Volle 16 Tage nahmder Offizier nicht die geringste feste Speise zu sich, docham fünften Tage forderte er Branntwein.

Man gab ihm Anisette, er verzehrte denselben indrei Tagen und verlangte darauf nochmals denselbenLigueur. Von der ihm nun zugemessenen Nation schütteteer in jedes Glas Wasser, das er trank, drei Tropfen undreichte damit bis zum 39. Tage aus, bis zu welchem erim Ganzen 58^/z große Kannen Wasser getrunken hatte.Am 39. Tage hörte er auch zu trinken auf und nahm