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Namen einer kleinen hannoveeschen Stadt trug. DieAdresse dieses Briefes war durchweg mit lateinischenBuchstaben geschrieben und trug einen' fremdländischenAnstrich. Der schlaue Detcctiv zweifelte keinen Augen-blick daran, wer diese Adresse geschrieben.
Mit langen Schritten eilte er jetzt zu dem Kom-missar, welcher nicht mehr daheim war, aber die Nach-richt hinterlassen hatte, daß er im Polizei-Gebäude zusprechen sei. Wolfius sah nach der Uhr, er hatte keineMinute mehr zu verlieren, da er noch seine Reiseiascheaus der eigenen Wohnung holen mußte. Er besann sichkurz, riß ein Blatt Papier aus seiner Brieftasche undschrieb mit Bleistift darauf: „Habe keine Zeit mehr zurpersönlichen Aussprache, bitte Schulze nicht mehr aus-zuforschen, ist geschehen, zweifelhaftes Resultat, will sehen,was daraus zu machen ist. — Gebe bald ausführlicheNachricht. W."
Diesen Zettel steckte, er in ein kleines Couvert, vonwelchen er stets eine Anzahl bei sich führte, adressirte esund gab es dem Mädchen mit der dringenden Auf-forderung, das Bricfchen sofort ihrem Herrn zu senden.Dann eilte er im Fluge davon, holte die Reisetasche undkam just in der letzten Minute auf dem Bahnhof an,wo der Zug bereits zur Abfahrt bereit stand und nachwenigen Minuten auch mit ihm davonbrauste.
Mittlerweile war ein Herr am Polizeigebäude vor-gcfahren, welcher den Herrn Criminal-Commissar zusprechen wünschte. Er wurde vorgelassen und stellte sichdem Kommissar als Wr. John Hilbrecht aus Chicago vor.
„Ein gewisser Air. Marbach telegraphirte vor einigenWochen an meinen Vater," fuhr der junge Amerikanerdann fort, „wir sollten ihm einen Detcctiv schicken,welcher den durchgebrannten Schuft, den William Prien,persönlich gekannt. Blein Vater war krank und einDetcctiv nicht aufzutreiben, weil der einzige, der ihnkannte, just von einem Spitzbuben todtgeschossen war.
llovs, ich hasse diesen Prien, Sir, er hat den ehr-lichen Mr. Warneck um die Ecke gebracht; ^vail, sag' ichzu meinem Vater, ich gehe selbst hinüber, macht mirSpaß, dem Kerl den Strick zu drehen, und da binich, Sirl"
Der Kommissar war über den ungenirten Mr.Aankce ebenso sehr überrascht als erfreut. Er schüttelteihm die Hand und lobte seinen raschen Entschluß, deran lineigennützigkeit seinesgleichen suche.
8ir!" rief Mr. John, behaglich lachend, „nixdergleichen. Ich hasse den feinen Schuft mit der hübschenFratze, weil er mir ein wunderhübsches Frauenzimmerweggeknpert hat, und er war verheirathet. — Lioäclarn,— meine Braut, Sirl"
Er war bei den letzten Worten wieder ernst ge-worden und schlug erbost mit der Faust auf den Tisch.
„Wo ist Mr. Prien?" setzte er dann hinzu.
„Ja, wenn wir das wüßten, Mr. HilbrechtI" er-widerte der Kommissar achselzuckend. „Der Bursche istim Grunde hier noch gar richt aufgetaucht, wenigstensnicht unter seinem rechten Namen."
„Würde sich auch hüten, Sirl Aber woher muth-maßen Sie denn —"
Der Kommissar schloß seinen Schreibtisch auf undnahm den Manschettcnknopf heraus.
„Dieser Knopf ist gefunden worden," sprach derKommissar, „Herr Warneck hat denselben für das Eigen-thum jenes Mr. Prien erklärt."
Hilbrecht nahm den Knopf und besah ihn aufmerk-sam von allen Seiten.
„las," sagte er mit Bestimmtheit, „der Knopf ge-hört ihm. — Ich war auf dem Gut des Mr. Marbach,der im fremden Hause todkrank liegt, was bedeutet dasAlles, Sir?"
„Ich will Ihnen in aller Kürze mittheilen, Mr.Hilbrecht, was wir in der letzten Zeit, also genau seitdem Abend vor Pfingsten, an unheimlichen Ereignissenhier erlebt haben, ohne daß es uns möglich gewesen,dem Attentäter auf die Spur zu kommen. Daß dieSchandthaten von einer und derselben Persönlichkeit ver-übt worden sind, steht für mich außer allem Zweifel,und zwar ist es dieser geheimnißvolle Mr. Prien, denNiemand hier in der Stadt oder Umgegend gesehen oderbeherbergt haben will."
(Fortsetzung folgt.)
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Wie lange vermag der Mensch zu hungern?^
Diese interessante Frage ist durch das aufregendeEreigniß vom Lurloche wieder actuell geworden. Manhat schon viel über sie geschrieben und docirt, allein dieGrenze, bis zu welcher ein Mensch den Hunger ertragenkonnte, verrückte sich immer wieder, und an Stelle deräußersten Annahme traten noch Ueberbietungen.
Welches Aufsehen war es seinerzeit, als Dr.Tannerdie vierzigtägige Hungercur durchzumachen begann, undwie wurde die Wissenschaft davon beherrscht, als er siezu Ende geführt hatte! Und doch überboten ihn im Jahre1886 die beiden Italiener Stefano Merlatti und SignorSucci, die beiden berühmtesten Hungerleider der Gegen-wart. Ersterer nahm fünfzig Tage hindurch keine Nah-rung zu sich, Letzterer gab die Fastenzeit nach 41 Tagenauf, wiederholte jedoch das Experiment in London , woer im Aquarium Westminster 52 Tage fasten wollte, dieProbe jedoch nach 44tägiger Dauer wegen Entkräftungaufgeben mußte.
Allerdings waren das Hungerkünstler. In diesemWorte liegt die Bedeutung ihrer Versuche. Sie fastetenunter vorher selbst bestimmten Umständen, unter Beob-achtung einer gewissen körperlichen Diät, nach den Regelneines gewissen Trainings. Anders aber steht der Fall,wenn man wider seinen Willen zum Hunger verurtheiltist, wenn die Möglichkeit mangelt, Speise zu sich nehmenzu können, und wenn nicht alle Umstände vorhanden sind,die das Hungern zu einem Sport, sondern zu einer dertraurigsten Nothwendigkeiten machen.
Mit solchen Fällen hat sich denn auch die Wissen-schaft viel ernster beschäftigt, als mit den Hungerkunst-stückchen, und einer unserer hervorragendsten Physiologenhat seine Beobachtungen bereits vor Jahren in eineminteressanten Artikel niedergelegt. — Danach ergeben be-glaubigte Fälle, in welchen beim Menschen der Erschöpfungs-tod durch das Fehlen jeglicher Nahrung herbeigeführtwurde, eine mittlere Hungerfrist von acht Tagen für denerwachsenen Menschen. Der mit seinen Söhnen im Thurmder Gualandi dem Hungertode preisgegebene Graf UgolinoGherardesca , dessen entsetzliches Ende Dante in der „Oi-vina. ooruiusäia" behandelt, starb, nachdem er alle seineSöhne hatte hinsterben gesehen, in acht Tagen.
Allein in vereinzelten Fällen sind beim Menschenviel längere Hungerperiodcn beobachtet worden. Im„Kours ci'^nutorvis rasäleulö" in Paris vom Jahre