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„Siehst Du, mein Junge, so entstehen Gerüchteaus halben Worten und Aeußerungen," sagte Wolfiuslächelnd, „man erzählte mir, daß jener Steindorf eben-falls von der Explosion getroffen und am Kinn ver-wundet worden sei. — Auf Dein Wohl!" setzte erhinzu, ihm sein Glas entgegenhaltend.
Schulze stieß kräftig mit ihm an und leerte dasseine mit einem verklärten Gesicht. Dann nickte er demFreunde vergnügt zu.
„Das ist spaßhaft, weißt Du, — diese Wunde amKinn ist richtig, aber man blos ein Bischen alt, wcil'sschon lange eine Narbe geworden ist."
„Ach, was Du sagst, woher weift Du denn das,alter Schwede?"
Schulze erzählte nun ziemlich umständlich, woher erdiese Wissenschaft habe, und lachte dann unbändigdarüber.
„Na, es kann dem Herrn am Ende nicht ganz liebsein, in diese Geschichte mit hineingezogen zu werden,"
Unterwegs traf er den Landbricfträger.
„Sie wissen wohl nicht, Herr Wolfius, ob HerrMarbach schon wieder in Rotenhof ist?"
„Nein, mein Lieber, der liegt noch todkrank obenim Försterhause."
„Aber Herr Reinhardt, Sie wissen wohl, derMaler?"
„Der ist wieder in seiner Wohnung hier in derStadt."
„Daß Dich, nun haben sie mir die Briefe für ihnrichtig wieder mitgegeben," knurrte der alte Briefträger,„es ist doch die Möglichkeit! Muß auch ein Pocket fürihn mitschleppen. Will man lieber gleich in die Postzurück."
„Wollen Sie's mir anvertrauen? Ich muß gleichnach dem Bahnhöfe und komme am Hause des Malersvorbei."
Der Briefträger griff in seine Umhängetasche undzog eiu Päckchen zusnmmengebündener Briefe hervor.
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Prinzessin Alix von Hrssen und Grosisiirst-Thronfolger Uirotat Alexandrowitsch von pusilnnd.
bemerkte Wolfius nach einer Weile, „könnte die Sacheauch verdunkeln. Sprich lieber nicht weiter darüber,Schulze, mit diesem Herrn Steindorf soll nicht zuspaßen sein."
„O, ich will mich hüten, mein Junge, weiß wohl,daß mit solchen Herren nicht gut Kirschen essen ist."
„Zumal er nächstens die Herrin von Edenheimheirathen und bei Marbach's Tode voraussichtlich auchwieder in den Besitz von Notenhof kommen wird. Eswäre unklug, einen solchen Mann zu beleidigen."
„Gewiß, gewiß, null mir nicht den Mund damitverbrennen."
Wolfins sah nach seiner Uhr.
„Es wird jetzt leider Zeit für mich, muß noch erstnach Hause und dann im Sturmschritt nach demBahnhöfe."
Er winkte dem Kellner, zahlte und verließ mit demanimirten Polier das Lokal, um sich auf der Straße so-fort mit einem kräftigen Händedruck von ihm zu trennen.
„Nee, das ist für Edenheim," brummte er, nach-denklich vor sich hinblickend, „will doch lieber selbst zuHerrn Reinhardt gehen," setzte er dann seufzend hinzu,„es ist mir freilich aus dem Kehr, aber doch immernoch näher als nach der Post. Nehmen Sie's nichtübel, Herr Wolfius, es köniu' mir eine Nase, und daseine gehörige, einbringen."
„Haben ganz recht," sagte Wolfius beistimmend,„die Pflicht geht über Alles, mein lieber Herr Fischer."
Er schritt eiligst weiter, während auch der Brief-träger seinen Weg rasch fortsetzte. — Das Gesicht desDetectivs hatte sich merkwürdig erhellt. Er war einfindiger Kopf, aber auch seine Augen waren sehr scharfund findig, und diese hatten mit einem Blick eine sehrwichtige Entdeckung gemacht. Wolfius hatte den oberstenBrief des Päckchens für Edenheim, welcher in eleganterHandschrift die Adresse des Frauleins Armgard Holtentrug, aufmerksam betrachtet, absonderlich aber den scharfausgeprägten Aufgabestempel der Poststation, welcher den