Ausgabe 
(22.5.1894) 41
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Lächeln nennen konnte, und der Kommissar empfahl sich. Er kehrte eiligst anstatt nach dem Polizeigebäudenach seiner Wohnung zurück, wo er sofort nach einemHerrn Wolfius sandte, welcher auch nach wenigen Mi-nuten erschien.

Dieser Mann machte den Eindruck eines Hand-werkers, sowohl in seiner Haltung und seinen Manieren,wie in der Kleidung; alles war schlicht und einfach,aber höchst sauber an ihm.

Haben Sie eine Spur, Wolfius?" fragte derKommissar halblaut.

Mr. Prien ist und bleibt eine mystische Person,Herr Kommissar," versetzte der Gefragte ebenso leise.Möchte Sie wohl um einen unbestimmten Urlaub er-suchen."

Wollte es gerade vorschlagen, mein Lieber, undIhnen mittheilen, daß der zweite Manschettenknopf deswerthen Herrn in der Gegend des Thatortes gefundenist. Er hat offenbar Unglück mit dem Verlieren odermuß lächerlich sorglos sein. Und nun noch eine über-raschende Entdeckung, welche unser Polier Schulze ge-macht hat."

Wolfius horchte auf und runzelte die Stirn.

Schulze ist ein Schwätzer, man kann auf seineAussagen nicht viel geben," sagte er achselzuckend.

Die Sache kommt mir allerdings auch ein wenigromantisch vor, sie betrifft nämlich den heimgekehrtenHerrn Julius Stcindorf, welcher nach Schulze's Be-hauptung den bewußten rothen Strich besitzen soll."

Weiß denn der Schwätzer von der Bedeutungdieses Kennzeichens, Herr Kommissar?"

Gott bewahre, er hat doch die beiden HerrenMarbach und Reinhardt oben im Gebirge getroffen,wobei er diesen Umstand gesprächsweise erwähnt habensoll. Da ich nun in der That ein wenig zweifelhaftdarüber bin, ob die ganze Erzählung nicht vielleicht eineHallucination des Malers ist, hervorgerufen durch dasabscheuliche Attentat und dessen Folgen, so möchte ichIhnen anheimgeben, den Polier selber mal vorsichtigdarüber auszuforschen."

Das werde ich sogleich besorgen, Herr Kommissar,"nahm Wolfius das Wort,und Ihnen Bericht abstatten.Ich dürfte dann doch sofort abreisen?"

Ja, haben Sie Reisegeld? Nehmen Sie liebereine Summe für Extra-Ausgaben."

Er öffnete seinen Schreibtisch und überreichte ihmeinige Banknoten, welche Wolfius unbesehen in seineBrieftasche legte.

Sie sind über Ihre Reise-Route schon im Klaren?"fuhr der Kommissar fort.

Dann hätte ich den Müsse schon beim Kragen",versetzte der Detectiv achselzuckend.Sie kennen mich,Herr Kommissar, und wissen, daß ich nicht unnölhigGeld ausgebe, hier aber"

Schon gut, lieber Wolfius, Sie haben mein ganzesVertrauen, unterrichten Sie mich von Zeit zu Zeit überIhren Aufenthalt, es könnte sich hier etwas ereignen,was Ihre Weiterreise vielleicht unnöthig machen würde."

Soll prompt geschehen, Herr Kommissar!"

Wolfius ging. Er sah sehr finster aus, als er dieStraße wieder betrat, und murmelte eine Verwünschungin den Bart, welche den Polier betraf, der soeben ver-gnügt pfeifend um eine Ecke bog.

Sieh' da, Schulze, wenn man den Wolf nennt,

kommt er gerannt. Komm', alter Freund, haben unslange nicht gesehen, wollen ein Gläschen mit einandertrinken."

Na, den Wolf könntest Du schon eher vorstellen,mein Junge," meinte der Polier, ihn verschmitzt an-blinzelnd,hast denn wirklich an mich gedacht?"

Versteht sich, bist doch beim Attentat im Gebirgeein Hauptheld gewesen?"

Ein schöner Held, der mit einem blauen Augedavon gekommen ist. Habt Ihr denn noch immer keineAhnung von dem Attentäter?"

Still," gebot der Detectiv mit einer so herrischenGeberde, daß Schulze erschreckt zurückfuhr.Du bistein unverbesserlicher Schwätzer, aber gnade Dir Gott ,wenn Du jemals von mir sprichst."

Bist ja ein wahrer Wärwolf," grollte der Polier,will mein Bier lieber allein trinken. Bin ein ehrlicherKerl, dem die Polizei nichts anhaben kann. Gott be-fohlen, Herr Wolfius!"

Dummes Zeug, komm' mit, ich bin heut' ver-dammt schlechter Laune und muß mich ein halbesStündchen unterhalten. Na, altes Haus, nimm'snicht übel."

Wolfius hatte bei diesen Worten seinen Arm er-griffen und ihn halb gewaltsam fortgezogen.

Laß man, ich geh' schon freiwillig, hätt' baldwieder ein Verbrechen geschwatzt. Sage lieber gar nichtsmehr in Deiner hohen Gegenwart."

Sie gingen schweigenv durch die Straße. Wolfiusärgerte sich, einen großen Fehler begangen und denFreund sozusagen mundtodt gemacht zu haben. Er dachtedarüber nach, ihn wieder vollständig zu versöhnen.

Herr Marbach wird wohl daraufgehen," beganner nach einer Weile,thut mir leid um den armen,jungen Mann."

Sckulze stieß einen grunzenden Ton aus.

Wir können auch einmal hier bet Nobbing ein-kehren," setzte Wolfius hinzu,eine Flasche Wein miteinem kleinen Imbiß wirst Du nicht verschmähen, Alter,und da ich in einer Stunde abreise

Ach, Du willst reisen? Na, denn man zu,"sagte Schulze, seinen Groll bet der Aussicht auf denWein vergessend,wenn ich man fein genug für Rob-bing bin"

..Unsinn, nur immer 'rein ins Vergnügen!" riefder Detectiv,wir haben Moses und die Propheten inder Tasche, das genügt."

Nobbing war ein respektabler Weinkeller für Kauf-leute, Studenten und den sonstigen mohlsituirten Mittel-stand, wohin der Polier Schulze seinen Fuß nicht zusetzen gewagt hätte. So aber folgte er, wenn auchziemlich schüchtern, seinem Freunde, dessen sicheres Auf-treten er im Stillen bewunderte. Dieser fahrte ihn inein kleines Separat-Cabinet und ließ so nobel auftischen,daß Schulze ganz gerührt wurde und ihm wiederholt dieHand drückte. Er stieß mit ihm an und wurde wiedergesprächig, worauf er sofoit von seinem Lieblingsthema,dem Attentat, erzählte.

War denn der Herr Steindorf nicht auch dabei?"fragte Wolfius,ich meine doch, seinen Namen dabeigehört zu haben."

I bewahre, der war nicht zugegen, den hatte icham Pfingstmorgen früh, so um viere, schon dort obengetroffen und den beiden Herren davon erzählt."