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„Nugsburger Postzritung".
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Diuslag, den 22. Mai
1894 .
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck nnd Berlaa des Literarischen Inüilnls von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttlerl.
Tante Kaniia's Heheimniß.
Original-Roman von E. von Linden.
(Fortsetzung.)
Wieder waren vierzehn Tage verflossen. ArmgardHolten hatte sich von ihrem Nückfall erholt, mährendLeonhard Marbach sich noch immer unter dem Dachedes Försterhanses befand, der Maler Reinhardt dagegennach seiner Wohnung in der Stadt gebracht worden war.
Letzterer war allerdings nach ärztlichem Ausspruchaußer Gefahr, aber noch lange nicht hergestellt. DieSchulterwunde heilte gut, mit dem Gesicht aber standes noch schlecht genug, da er große Schmerzen zu er-tragen, nicht zu sprechen vermochte und außerdem diefurchtbare Gewißheit hatte, das rechte Auge zu verlieren.
Dieses entsetzliche Geschick erregte ihn bis zurWuth, und er ruhte nicht, bis er es bei Doctor Petersdurchgesetzt, mit dem Criminal-Commissar jetzt, wennauch schriftlich, da ihm jedes Wort schreckliche Schmerzenverursachte, reden zu dürfen.
„Der Doctor hielt mich für verrückt und hat michmit seiner Weigerung, Sie zu mir zu bescheiden, auchhalb dazu gemacht," schrieb Reinhardt, als der Kom-missar neben ihm saß. „Lesen Sie dieß gefälligst."
Er überreichte ihm einen zusammengefalteten Bogen,den der Beamte rasch entfaltete und überflog.
„Sie haben dieß selber geschrieben, Herr Reinhardt?"
Der Maler nickte.
„Der zweite Manschettenknopf ist hiernach also auchgefunden worden," fuhr der Commissar, die Lectüre fort-setzend, überrascht auf, „und zwar an dem Aufstieg zurBerghohe. Und — was zum Henker haben Sie hiergeschrieben?"
Er sah den Maler erschreckt und mißtrauisch an.Hatte der Doctor recht gehabt mit seiner Behauptung,daß jenes abscheuliche Attentat sein logisches Denkenverwirrt und ihn mit einer fixen Idee erfüllt habenmüsse? —
Reinhardt schrieb mit einer ungeduldigen Beweg-ung: „Ich habe die nackte Wahrheit erzählt, wenn Siees nicht glauben, nehmen Sie den Polier Schulze dar-über in's Verhör."
Der Commissar nickte nachdenklich und faltete denBogen zusammen.
„Ich darf ihn doch behalten?"
Natürlich durfte er das.
„Haben Sie den zweiten Knopf?"
„Der muß sich in Marbach's Taschen finden,"schrieb der Maler. „Packen Sie den Halunken, HerrCommissar, — der M-mn mit dem rothen Strich hatauch uns beide, meinen Freund und mich, so zuge-richtet. "
„Wir packen ihn ganz bestimmt, lieber Herr Rein-hardt!" beruhigte der Commissar den Aufgeregten. „Ichwerde ihm einige Spürer auf die Ferse setzen."
Er reichte ihm die Hand, wünschte ihm gute Besser-ung und schritt nach der Thür.
„Apropos," wandte er sich hier gleichgültig zu demMaler um, „hat der Doctor Ihnen von der Verlobungdes Herrn Steindorf - mit Fräulein Holten zu Eden-heim erzählt?"
Reinhardt schüttelte den Kopf und schrieb etwasnieder, was er dem Beamten, der wieder zu ihm trat,hinreichte.
Dieser las: „Die hatte er mit seinem todten Kindeschon an der Angel. Wohl bekomm's ihr! — Ichwürde ihr'S gönnen, wenn er nicht zwischen Mund undKinn zu interessant wäre. Wo ist denn Herr Julius?Bei ihr in Edenheim?"
Der Commissar lachte.
„D'as würde sich jetzt nicht mehr schicken," sagteer in einem humoristischen Tone, „Herr Julius ist aufReisen gegangen. Wohin? das weiß kein Mensch,wir aber werden's herausspüren. Soll ich Ihren FreundMarbach grüßen? es geht bergab mit ihm, wie ich höre."
„Jener macht Hochzeit, und er sollte sterben?"schrieb Reinhardt mit zitternder Hand, „das kann Gott nicht zulassen."
„Nein, das hoffe ich auch; halten Sie sich nurruhig, damit Sie wieder gesund werden. Der altenHanna geht's auch schon besser. Sie wissen doch, daßsie operirt worden ist?"
Der Maler nickte.
„Hoffe viel von ihrem zurückkehrenden Erinnerungs-vermögen," fuhr der Commissar fort, „es geht natürlichlangsam damit, doch stellt sich schon, je weiter die Heil-ung fortschreitet, eine erfreuliche Zunahme des erwachen-den Verständnisses ein, just wie bei ganz kleinen Kin-dern. Vielleicht rettet Doctor Peters auch Ihre Seh-kraft, Herr Reinhardt!"
Dieser schüttelte traurig lächelnd den Kopf, wennman ein solches Verzerren der einen Gesichtshälfte ein