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An der Grenze von Ruanda stiegen wir über steileHänge wieder nach dem Akanyaru ab. In den Schluchtenrauschten Gewässer, die von Schirm-Akazien und Laub-bäumen eingesäumt waren. Solche bezeichneten auch denLauf des Akanyaru, der hier als vielgewundener, reißenderBergstrom gegen Nordost floß. Während wir den Flußdurchwateten, sammelten sich jenseits riesige Menschen-mengen an, das „Oansu rnrvawi" erscholl, Alles jubelte,tanzte, klatschte und tobte wie wahnsinnig im Kreiseherum — kurz, wir waren wieder in Urundi.
In den nächsten Tagen durchzogen wir die DistrikteMugitiva und Nustga. Das Land steigt immer höheran und erhebt sich zu bedeutender Seehöhe. Grasige,langgezogene Bergrücken fallen in steilen Hängen zu denmeist sumpfigen Thälern ab. Im Südwesten taucht all-mählich eine hohe waldige Kette auf, in der ich die Wasser-scheide gegen den Tanganyika vermuthete. Die zahl-reichen Gewässer bildeten die hintersten Wasser des Nil,dessen Quelle wir uns immer mehr näherten. Die bananen-reichen Dörfer waren von Feldern umgeben, in welchenbesonders eine vorzügliche Erbsenart gedieh, auf denWiesen weideten zahlreiche Rinder mit ungeheurem Gehörn.
Der Fanatismus der Waruudi erreichte hier seinenHöhepunkt. Ungeheure Volksmassen kamen von allenSeiten angezogen und wälzten sich gleich einem Stromehinter uns her. Andere Schaaren zogen voraus, gleicheinem Heuschreckenschwarme über Alles im Lande her-fallend. Sie rissen Vorräthe und Hausgeräth aus denHütten, die Felder waren in wenig Minuten kahl, ganzeHeerden von Rindern wurden mitgetrieben und von mei-nem rasenden Gefolge oft buchstäblich in Stücke zerrissen.Die ungeheuren Pombemassen, die sich in den Dörfernfanden, trugen ebenfalls nicht zur Beruhigung der Ge-müther bei.
Die Bewohner der Ortschaften ließen sich nicht immerruhig ausplündern, es fanden blutige Gefechte vor derKarawane statt, bei welchen Leute schwer verwundet,Mehrere sogar erschlagen wurden. Aber sobald ich michnäherte, legten beide Theile die Waffen nieder, warfensich buchstäblich unter die Hufe meines Neitesels undriefen ihr „Oausu rrnvami!" Die tollste Raserei ent-wickelte sich überhaupt in unmittelbarer Nähe meinerPerson. Männer, Weiber und Kinder drängten mitfürchterlichem Geschrei und fanatisch verzerrten Zügenauf mich ein, denn einen Mwesi gesehen oder gar berührtzu haben, galt als das höchste Glück. Kurbatschhiebe undselbst Kolbenschläge der Askari waren völlig wirkungslos,mit blutüberströmten Gesichtern kehrten die Gezüchtigtensofort wieder und heulten knieend ihr „6-ansa mrvuini t"
Der fortwährende Anblick sieser aneinandergcpreßtenschwarzen Leiber, das Getöse, welches die Luft erschütternmachte, und der Wahnsinn, der aus dem ganzen Treibensprach, machten auf mich den tiefsten Eindruck. Ich rechnees mir zur Ehre an, in jenen Stunden die topographi-sche Aufnahme auch nicht eine Minute unterbrochen zuhaben. Wenn mir das überhaupt möglich war, so ver-danke ich dies nur meinen braven schwarzen Soldaten,die dieser Volksmasse gegenüber ihr kaltes Blut behielten.
Natürlich wendete sich die Wuth der Leute oft gegensie, wollten sie die Warundi doch von ihrem Mwamiabhalten. So kam es, daß am 17. September die Sol-daten erst durch Stockhiebe, dann durch Bisse und sogarMesserstiche verwundet wurden. Als einem jungen Ma«Nyema-Ruga-Nuga gar die Unterlippe abgebissen wurde,
war es kein Wunder, daß er Feuer gab. Wie es insolchen Fällen zu gehen pflegt, krachten gleich mehrereSchüsse, und bevor mein sofort gegebener Pfiff zum „Feuereinstellen" sich Geltung verschaffte, bedeckten zu meinemtiefen Bedauern etwa dreißig Warundi todt und schwerverwundet den Boden.
Eine Todtenstille trat ein, und wir erwarteten nun,den längst gefürchteten Umschlag der Stimmung eintretenzu sehen. Aber nichts dergleichen geschah, ein gellenderFreudentriller einer hohen Frauenstimme unterbrach dasSchweigen, das „Ounsu rnrvumi" erscholl wieder austausend Kehlen, die Krieger tanzten wenige Schritte vonden Leichen ihrer Landsleute, und in das Aechzen derSterbenden mischte sich der Jubelgesang der Weiber. Eswar ein schreckliches Bild.
Obwohl ich mich selbst und in Anbetracht der Um-stände auch die Askari von jeder Schuld freisprechenmußte, rief ich doch im Lager die Aeltesten der Gegendzusammen und erklärte mich bereit, das in Afrika insolchen Fällen übliche Blutgeld zu zahlen. Aber sie hieltendas für einen Scherz. „Der Mwesi", sagten sie, „thutund läßt, was er will, schlägt todt, wen er will, ja,ein Mwesi, der keine Leute todtschlügt, wäre gar keinrichtiger Mwesi."
Im Lager war natürlich lebhafte Bewegung. DieVolksmengen, welche uns begleiteten, lagerten meist etwasabseits und äfften Nachts die Rufe unserer Wachtpostennach. Zu mir kamen fortwährend Leute mit Geschenken,kamen Zauberer mit weiß bemalten Gesichtern, eineKlapper schwingend und mit künstlich heiserer StimmeBeschwörungen murmelnd, ja, es kamen Leute, welcheselbst meinem Esel Geschenke an Vieh und Pombe an-boten und sich um sein Wasser, als eine kostbare Me-dizin, schlugen. Einmal brachte man mir einen uraltenweißhaarigen Mann und fragte mich, ob ich ihn kenne.Ich bedauerte, nicht die Ehre zu haben, worauf der Altemeinte, ich habe ihn wohl vergessen, er aber erinnere sichnoch genau daran, mich schon früher als Mwesi gesehenzu haben.
Am 19. September verfolgten wir den Nuvuvu-Nilaufwärts. Nach einigen Stunden erreichten wir eineStelle, wo das Thal sich gabelt und zwei kleine, kaumeinen halben Meter breite Rinnsale sich einen.
Wir erstiegen eine grasige Höhe zwischen den beidenQuellschluchten und lagerten im kleinen WatussidorfUuyange. Unser Gefolge an Warundi hatte stark abge-nommen, denn merkwürdigerweise gilt diese Stelle ihnenals heilig und wird mit abergläubischer Scheu betrachtet,da hier einst die verstorbenen Mwesi begraben wurden.In einem dunklen Hain , dem Wuruhukiro, unweit deslinken Quellrinnsals, ruhten die Träger der Königsleiche;die Bestattung fand dann auf dem Gipfel des GansoKulu, eines hohen Grasberges, statt. In den Berg-wäldern irren, nach dem Glauben der Warundi, heutenoch die Geister der verstorbenen Mwesi, nach welchen dasGebirge Missosi ya Mwesi genannt wird. Dieser Name, wel-cher, wörtlich übersetzt, „Mondberge" heißt, überraschtemich aufs höchste, denn wen würde er hier, an derQuelle des Nil, nicht unwillkürlich an die Mondbergeder Alten erinnern, welche das räthselhafte Haupt desNil beschatteten?
-EZS--