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Vor den Hüttenkomplexen standen die alten Leute,knieten bei unserem Herannahen nieder, klatschten undreichten mir Grasbündel unter allerlei schönen Redens-arten, die ich noch unzähligemale hören sollte. In langenReihen, mit Stäben und ausgebreiteten Armen kamendie Krieger laufend herbei, traten längs unseres Pfadesan und führten ihren Tanz auf, worauf sie uns mitjubelndem Geschrei vorliefen und von neuem zu tanzenbegannen.
Einige Leute hatten sich als eine Art Festordneraufgeworfen und hieben tüchtig in die nachdrängendeMasse ein. Denn alle diese Menschen blieben keineswegsbei ihren Dörfern zurück, sondern zogen lachend undjubelnd hinter uns her. Von einer Anhöhe zurückblickend,sah ich bald Tausende von braunen, wildbewegten, inder Sonnengluth glänzenden Leibern mit geschwungenenStäben und Laubzweigen, einer Bacchantenschaar gleichend.
Den ungeheuren Lärm übertönten Rufe wie „NrvsoiIlrunäi!" (Beherrscher Urundis) „Vilielcovisirnu!" (Großer König) und „lull IVustutu" (Wirsind Sklaven), die mein Dolmetsch mir übersetzte unddie mich schließen ließen, daß die Begeisterung der Warundieinen besonderen Grund haben müsse. Bei der allge-meinen Raserei war es nicht so leicht, diesen zu erfahren,und erst nach einigen Tagen brachten meine Leute dasRichtige heraus.
Die Warundi waren nämlich sonst von einem Herrscher-geschlecht regiert worden, welches seine Abkunft vom Mond(mvvssi) herleitete und dessen Königstitel „Al-rveoi" war.Der letzte Mwesi, Namens Makisavo (das Bleichgesicht),war seit Langem verschollen, lebte aber der Traditionnach im Monde fort und wurde vom Norden her erwartet.Als nun plötzlich ein weißer Mensch vom Norden insLand kam, sahen sie in ihm den ersehnten Herrscher, denMwest Makisavo.
Dagegen war nichts zu machen; eine Schaar wahn-sinniger Fanatiker ist bekanntlich Vernunftgründen nichtzugänglich, ich war und blieb für sie der Mwesi, undderart zum König von Urundi befördert, blieb mirnichts Anderes übrig, als meine Würde mit möglichemAnstand zu tragen.
Anfangs machte mir die Sache übrigens viel Spaß,die topographische Aufnahme war allerdings durch denunaufhörlichen ohrenzerreißenden Lärm erschwert, aberdas Schauspiel dieses großartigen afrikanischen Volks-lebens bot doch das höchste Interesse. Besonders imLager entwickelten sich förmliche Tauzfcste. In weitemKreise kauerten und standen die Volksmengen um einenfreien Platz, auf welchem die Tänze stattfanden.
In der Rechten den langen Stab, in der LinkenLaub haltend, führten die Krieger der einzelnen Gegendennach einander die schwierigsten „Pas" auf. Ost hattensich die jungen Leute desselben Ortes mit gleichartigemNindenzeug bekleidet, ja eine Gruppe, die mir dnrch be-sondere Geschicklichkeit auffiel und von einem jungen,prachtvoll gebauten Krieger geführt wurde, trug schnee-weiß bemalte Lederschürze. Komisch war eine Anzahlnackter Knaben, die jedesmal mitzutanzen versuchten, da-runter oft kleine Bengel, die kaum die Beine heben konu-E ten. Diese durften Fehler im Tanze machen; doch wehedem erwachsenen Tänzer, der nur den geringsten fürNicht-Warundi kaum wahrnehmbaren Fehltritt machte;er wurde mit Hohngeschrei verjagt und konnte froh sein,wenn er ohne Prügel davonkam. ^
Nach den Männern traten die Weiber an, die ver-heiratheten mit aschgrauer Kleidung, die Kinder auf demRücken, die ledigen mit Lendenschürzen, kleine Mädchennackt. Sie stellten sich im Halbkreise auf, dessen Mittezwei schön gewachsene Mädchen einnahmen, die mit aus-gebreiteten Armen, begleitet von Händeklatschen und an-genehm weichem Gesang, einen reizenden Tanz im spanischen Fandango-Stil aufführten. Nichts als die unmuthigenBewegungen der Arme erinnert hier an den obscönen„Bauchtanz" der Orientalen und vieler Negerstämme,bei welchem die Tänzerin fast unbeweglich steht. Hierwird jedoch regelrecht mit den Beinen, und zwar miteiner Kühnheit und Anmuth getanzt, um welche jedeBallerina die schwarzbraune Kollegin beneiden' könnte.Der wohlklingende wechselvolle Gesang der sanften Frauen-stimmen und der Anblick dieser schlanken Wesen, welchemit ständigem Lächeln jene kunstvollen Tänze aufführten,gaben ein Schauspiel von eigenthümlichem Zauber. Aufdas Schöne folgte das Groteske in Gestalt einiger altenWeiber, die mit „süßem" Grinsen zum Halloh der Trägerihre runzeligen Glieder verrenkten.
Um Nahrungsmittel brauchten wir hier nicht znsorgen; der Wunsch, etwas zu kaufen, wurde gar nichtbegriffen, denn dem Mwesi gehört eben Alles, was imLande ist, er nimmt sich, was ihm beliebt, und was ernicht nehmen kann, wird ihm lastenweise von allen Seitenangebracht. Großhörnige Rinder, Ziegen und Schafe,Unmengen von Bananen und Hülscnfrüchten, zahlreicheKrüge mit Hirsebier kamen fortwährend, ohne daß irgendJemand etwas dafür verlangte oder erbat. Selbst dieunvermeidliche Bettelei der Neger verstummte dem Mwestgegenüber.
Das Land behielt stets den Charakter eines grasigen,von engen Papyrusthälchen durchzogenen Berglaudes.Manchmal hat man eine breite Senkung zu überschreiten,die stets versumpft und mit verfilzter, schwimmender Gras-vegetation bedeckt ist, in welche man leicht einsinkt. DieWarundi häuften hier Bündel von Gras auf, um unsdas Ucberschreiten zu erleichtern. In dieser Gegend lebtauch ein den Pygmäen verwandter Stamm der Watwa,der in ärmlichen Grashütten wohnt.
Wir durchzogen die reichbewohnten Distrikte vonGntaha und Mukivuye und erreichten am 10. SeptemberJntaganda, eine Landschaft am rechten Ufer des breitenThales, welches der Papyrusreiche Akanyaru-Fluß durch-strömt. Dieser gab Veranlassung zur Entstehung derSage vom Nyansa ya Akanyaxu, dem Alexandra-SeeStanleys.
Jenseits tauchten hohe grasige Berge mit den dunklenPunkten der Siedlungen auf; es war Ruanda , das rüth-selhafte Königreich, in welchem weiße Neger vermuthetwurden, jenes Fabelland, von dem viele Reisende gehört,das aber noch keiner betreten hatte. Mein Wunsch, dieNilqucllfrage endgültig zu lösen, hielt mich davon ab,eine nähere Erforschung dieses Landes vorzunehmen, jeden-falls wollte ich es jedoch besuchen und beschloß daher,am nächsten Tage den Akanyaru zu übersetzen.
In Ruanda fanden wir gute, wenn auch wenigerbegeisterte Aufnahme als in Urundi und durchzogen densüdlichen Theil des bergigen Landes, daS reich bebautund von künstlichen Bewässerungskanälen durchzogen ist.Wir sahen zwar keine weißen Neger, aber äußerst licht-farbige hamitische Watusfi, die fast europäische Gesichts-bildung besitzen.