einer Landschaft, die sich westlich vorn Victoria-Nyansaausdehnt. Bisher hatten Stanleys und Spekcs Auf-nahmen, sowie die Erkundigungen, die wir bei Einge-borenen einzogen, uns Anhaltspunkte für unsere Reise-route geboten. Ueber Ussui hinaus lag jedoch Urundi,ein Land, mit dem keinerlei Verkehr bestand und überdas nur dunkle Gerüchte ins Ausland drangen. Die-selben meldeten von blutgierigen, kriegerischen Völkern,die allen Fremden bitter abgeneigt seien, und von ihremKönige Mwesi, der irgendwo an unbekanntem Orte throne.
Ueber das Land selbst war jedoch so gut wie nichtszu erfahren. Selbst im Massailand, wo wir ebenfallswochenlang gänzlich unerforschte Striche durchzogen, konn-ten wir von Nomaden Nachrichten über den Weg er-halten; diesmal tappten wir völlig im Dunkeln, betrateneine terra, inoo§inta, im buchstäblichen Sinne des Wortes,ein Land, in dem der Kompaß uns als einziger Leit-stern diente.
In den Morgenstunden des 5. September erreichtenwir das Ufer eines breiten Flusses, der seine grau-braunen Wogen zwischen hohen, von üppiger Vegetationgekrönten Ufern dahin wälzte. Mit Bewegung blickteich in die Fluthen dieses Stromes, aus welchen steileGranitriffe hervorragten; war es doch der Quellfluß desNil, hier Nuvuvu, später Kagera genannt, bildete erdoch die Westgrenze von Ussui gegen jenes rüthselhafteUrundi, in welches wir nun eindringen sollten!
Doch das Leben des Reisenden gewährt keine Fristzu langen Betrachtungen; schon hatte mein Karawanen-führer Mkamba den primitiven Einbaum, der als Fähredient, in Beschlag genommen, und mit kräftigen Stößenund Nuderschlägen beförderten-die Wassui-Fährleute dieersten Soldaten aus linke Ufer. Hinter der Karawane,die sich am Ufer niederließ und allmählich übergeführtwurde, sammelten sich Hunderte von Wassui und bedeckten,dicht gedrängt, als schwarze bewegliche Masse mit blitz-enden Speeren die Hügelhänge und das Ufer. Auf derFelsinsel im Flusse hockten zahlreiche Eingeborene, gleichAffen saßen sie auf Baumstämmen, die in den Flußhinausragten, ja sie schwammen trotz der vielen Krokodiledarin herum, um das Schauspiel unseres Uebergangcszu genießen.
Mit dieser Bewegung am rechten stand die Ruheam linken Ufer in grellem Widersprüche. Wußten dieWarundi etwa nicht, daß wir kamen, oder brüteten sieabseits Arges? Sollten die vielen Tage des Friedens,die wir genossen, nun wirklich ein Ende haben und wirwieder den blutigen Kämpfen entgegengehen? Die Askariam linken Ufer schienen Aehnliches zu vermuthen, siehatten Wachen ausgestellt, und Mkambas hohe Gestalttauchte auf dem Gipfel eines Termitenhügels auf, unbe-weglich in die Ferne spähend.
Plötzlich — ich befand mich gerade im Kanu —ertönte aus dem Dickicht des Ufers von Urundi ein lang-gezogenes Jauchzen, und wie durch Zauberschlag tauchtenzahlreiche dunkle Gestalten mit langen Stäben, aber ohne
„Durch Ma ssailand zur Nilquelle. Reisen und Forsch-ungen dcrMassai-Expedition des Deutschen Antisklaverei-ComitSsin den Jahren 1891 bis 1893." 386 S. mit 27 Vollbildernund 101 Text-Illustrationen in Heliogravüre, Lichtdruck undAutotypie nach Photographiern und Skizzen des Verfassers vonRud. Bacher und Ludwig Hans Fischer in Wien undeiner Originalkarte in 1: 1,800,000. Preis geheftet 14 Mark,eleg. geb. mit Lederrücken 16 Mark. Berlin , Verlag von Diet-rich Reimer (Hoefer und Vohsen).
Waffen auf. Im Gänsemarsch kamen sie, Laub undihre Stäbe schwingend, an, kräftige Gestalten mit ori-ginellen Haartouren und braun und grau gemustertenzipfeiförmigen Ueberwürfen aus Nindenzeug, das vonnun an das einzige Bekleidungsmaterial bildete. Aufder Höhe der Rampe stellten sie sich in zwei oder dreiReihen an und führten jenen merkwürdigen Tanz auf,den ich dann noch unzähligcmale sehen sollte, ohne daßer seinen Reiz für mich verlor. Derselbe wird wedervon Trommeln, noch von Gesang, noch von irgend einemInstrument begleitet. Den Takt giebt einfach der Tanz-schritt, der durch mehr oder weniger kräftige Tritte be-zeichnet ist. Unter Leitung eines Vortänzers führen dieMassen mit unglaublicher Gleichmäßigkeit und Geschick-lichkeit diese Täuze auf, daß der Boden dröhnt undmächtige Staubwolken die Tänzer umhüllen. Mit hoch-erhobenen Armen schwingen sie zierlich ihre Stäbe undLaub, schreiten vor- und rückwärts, führen hohe gleich-zeitige Sprünge aus und fallen dabei niemals aus demTakt, der durch die Fußsohle gegeben wird. Dabei ver-leugnet der Tanz keineswegs das Gepräge einer kraft-vollen Anmuth, besonders die Vortänzer könnten es i»kühnen und doch eleganten Sprüngen mit jedem Ballet-tänzer aufnehmen. Für einen alten Unteroffizier müßteder Tanz der Warundi geradezu ein Labsal sein, dennwas ist der schneidigste Parademarsch gegen diese kompli-zirten, fortwährend wechselnden und doch unglaublichtaktfest ausgeführten Tanzschritte!
Zum Schlüsse stimmten Alle wieder das eigenthüm-liche Jauchzen oder, besser gesagt, Jodeln in der Fistelan, rissen Blätter von den Bäumen und streuten die-selben kniend vor mir aus. Während die Karawaneübersetzte und wir am Ufer Lager schlugen, kamen immerneue Schaaren von Tänzern, und die früheren lagertenin malerischen Gruppen auf der Uferrampe. Es warein großartiges Schauspiel. Am rechten Ufer standenKopf an Kopf die Wassui, in dicht gedrängten Massendie Hügel bedeckend, am linken trampelten, jauchzten undklatschten Hunderte von Tänzern in der grellen Sonne,einer Bande Wahnsinniger gleichend. Bei den Wassuisah man noch einzelne Fetzen Baumwollzeug, einige Glas-perlen, die äußersten Vorposten der Alles umfassendeneuropäischen Industrie, hier nichts dergleichen; Kleidungund Schmuck war echtes, unverfälschtes Afrika . Erstgegen Abend verzogen sich die Menschenmengen, und eSerschienen die Aeltesten der Gegend, um mir ein laub-bckränztcs Schaf und eine Sorghum-Aehre als Friedcns-zeichen zu überbringen.
Am 6. September verließen wir den von leichtenMorgennebeln überlagerten Nil und traten in welligesGrasland ein, dessen zahlreiche kleine Thäler von Papyruserfüllt und von felsigen Thalstufen unterbrochen sind,über welche das klare Wasser der Bäche rieselt. Fastkein Baum oder Strauch ist auf den thcilweise verbranntenGrasseldern sichtbar, und die Dörfer mit ihren Bananen-hainen und den glänzendblättrigen Ficusbäumen, dieRindenstoff, theilweise auch Brennholz liefern, heben sichgleich dunkelgrünen Inseln von den gelbbraunen Flächenab. Dieses Alpenland, welches unter gewöhnlichen Um-stünden Wohl recht ruhig dalag, glich nun einem gestörtenAmeisenhaufen. Von allen Seiten eilten dunkle Gestaltenauf den schmalen Pfaden der Hänge oder querfeldeinauf uns zu, während von den entfernten Dörfern Horn-stöße ertönten, unser Kommen anzeigend.