Ausgabe 
(18.5.1894) 40
Seite
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Nein, ach nein," meinte die Mamsell,ich würdebald genug daran sterben. Fürchte ja auch nur, daßwein Herzblatt nicht so glücklich wird, wie ich's wünsche,und wie sie es verdient. Mag der junge Herr michbehandeln wie er will, es soll mir gleich sein, wenn ernur seine Frau recht lieb haben wird."

Das wird er ganz bestimmt, und mir zu Liebewird er auch Dich gut behandeln, EverS!"

Nun, dann bin ich zufrieden, wenn nur Sie ganzglücklich sind, meine liebe, liebe Herrin."

Steh' auf, Evers, und setze Dich hier dicht herzu mir. So, Du bist die Einzige, der ich vertrauenkann, ich muß mit Dir plaudern, wenn mir's im Ge-hirn nicht wirr werden soll. Sieh', Liebe, der armeSteindorf ist im Grunde schlimm behandelt worden,man hat ihn seines Erbes beraubt"

Nein, Fräulein, das ist nicht so"

Schon gut, Evers, unterbrich mich nicht, ich weiß,was Du sagen willst, die Sache an und für sich bleibtdoch dieselbe. Wenn sein Vater vernünftig gewesenwäre, dann hätte er ihn hier behalten, und das schöneGut wäre nicht verschleudert worden. Es war nichtrecht von meinem Vater, daß er dieses zugelassen, ermußte einschreiten, es war seine Pflicht als Freundund Nachbar, und weil er solches versäumt, ist jenePflicht auf mich übergegangen."

Die Wirtschafterin sah sie hier so erstaunt undverständnißlos an, daß Armgard einen Augenblick ver-stummte.

Nun freilich," fuhr sie dann langsam fort,kannman bei Leuten Deines Schlages, liebe Evers, ein sofeines Gefühl für Ehre und Pflicht nicht erwarten; ichaber besitze dasselbe in einem besonders peinlich ausge-bildeten Grade, weßhalb ich nach reiflicher Ueberlegnngden besten Ausweg in einer Verbindung gewählt, dieunsere Eltern ja vorher schon bestimmt hatten."

Ja," sprach die Evers ruhig,und nun wischenSie Alles, was dazwischen liegt, wie mit einemSchwämme weg."

Ganz recht, mit dem Schwämme der Vergessen-heit," bestätigte Armgard, wehmüthig lächelnd.Daswäre also der eine Grund meiner Verlobung, guteEvers! Der zweite und nicht der geringste ist dasschreckliche Schicksal, welches den armen Steindorf durchden Tod seines letzten Kindes so jäh getroffen. Eshat mich tiefer bewegt, als die Welt es geahnt, da erdie Kleine meinem Schutze übergeben, und ich es war,welche gegen Deinen Einspruch, gute Evers, die ver-hängnißvolle Spazierfahrt mit derselben unternahm."

Aber Sie hätten ja auch selber dabei verun-glücken können, mein liebes Fräulein," wandte die Mam-sell kopfschüttelnd ein.

Allerdings, doch kaun diese Möglichkeit meineSchuld nicht verringern, fuhr Armgard seufzend fort,es war auch mein Verhängniß, da ohne diesen grauen-haften Zufall"

Sie brach ab und wandte die Augen seitwärts,weil sie die alte Evers nicht noch tiefer in ihr vonAngst, Scham, Zweifel und Unwillen gemartertes Herzblicken lassen mochte.

Steindorf ist durch meine Schuld ein einsamer,verlassener Mann geworden," setzte sie nach einer Weilemühsam hinzu,deßhalb, liebe Evers, bin ich verpflichtet,ihm durch meine Hand einen Ersatz zu geben"

Auch durch ihr Herz?" unterbrach die Alte sieernst.

Ja, Du neugierige Person, auch durch mein Herz,weil ihm das gehört hat, so lange ich denken kann.Und nun geh', Evers, sprich mir aber nicht wieder da-von, mich zu verlassen. Ich bin müde und will ver-suchen einzuschlafen."

Die Mamsell ging, im Innern überzeugt, daß ihrHerzblatt sich um einiger wunderlicher Grillen halberfür ihr ganzes Leben unglücklich zu machen im Be-griff stehe. Wenn doch die Tante Hanna erst wiedergesund wäre und ihr noch bei Zeiten den Kopf zurechtsetzen könnte!

Armgard öffnete das Briefchen des Bräutigamsund las:Theuerste! Man will mich nicht zu Dir lassen,und ich bin ganz kopflos vor Sehnsucht nach Dir. HastDu befohlen, mich abzuweisen? Ich kann und mag esnicht glauben, daß Du auf's Neue krank geworden bist,daß wieder fremde Menschen sich zwischen uns drängen,unsere Herzen von einander entfernen sollen. MorgenVormittag bin ich wieder hier und flehe Dich an, mirDeinen Anblick zu gönnen. Sei nicht grausam gegenden Verlassenen, der nichts aus Erden mehr fürchtet,als Dich zu verlieren. O wärest Du erst mein, ganzmein, um mit mir hinauszufliegen in die weite, weiteWelt, wo Neid und Mißgunst uns nichts mehr anha-ben können. Werde gesund, o, werde gesund, Ge-liebte, für Deinen Julius."

Ein seltsames Gefühl durchzog beim Lesen dieserZeilen ihr Herz. So hatte noch niemals ein Mann zuihr geredet, und sie hätte kein Weib und jener Mannnicht der Traum ihrer ersten Jugend sein müssen, wenndieser glühende Erguß sie nicht berauscht haben würdewie starker Wein. Sie las die Zeilen noch einmalund verbarg dieselben dann, als ob ihr Besitz ein Ver-brechen für sie sei.

War dieses berauschende Gefühl, das ihre Pulserascher schlagen, ihr Blut wie einen Feuerstrom zum Herzenjagen ließ, wirklich jene Liebe, von welcher sie damalsgeträumt hatte? Sie barg das erglühende Antlitz indie Kissen und weinte dann plötzlich im heißen Schmerze,daß ihr die stolze Energie, das Selbstbewußtsein unddie Kraft der muthig errungenen Herzensruhe durch dieMacht der Umstände und ihre körperliche wie seelischeSchwäche so unheilvoll abhanden gekommen waren, daßsie sich dem Verhängniß unrettbar überliefert hatte.

Liebte sie diesen Mann, der eine unheimliche Machtüber sie gewonnen, wirklich noch immer? Sie wußtesich selber keine Antwort darauf zu geben, da sie ab-wechselnd von unbezwinglichem Widerwillen und vonSehnsucht erfüllt sich von ihm abgestoßen und wiederzu ihm hingezogen fühlte.

Es war die Gewalt der sinnlichen Schönheit, vorwelcher Tante Hanna sie in ihrer Liebes - und Lebens-geschichte so eindringlich gewarnt hatte.

(Fortsetzung folgt.)

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Die Warrmdi und die Moridberge der Alten?)

Von Dr. Oskar Vaumann.

In den letzten Augusttagen 1892 stand ich mitmeiner Expedition an der äußersten Grenze von Ussui,

*) Wir entnehmen diese hochinteressanten Mittheilungendein soeben erschienenen Werke von Dr. Oskar Baumann: