804
Entsetzt fuhr Armgard empor und starrte wild umsich. Hatte sie nicht erst Tante Hanna gesprochen undzuletzt gar die todte Lotta? —
„O, mein Gott, behüte mich vor Wahnsinn!"flüsterte sie angstvoll, „errette mich vor meinen eigenenGedanken."
Dann horchte sie plötzlich auf. Draußen im Corri-dor erklang es wie ein Wortwechsel. Sie konnte jetztdeutlich die Stimmen unterscheiden, — es waren derDocror und Steindorf. Gewiß verlangte der letztere inseiner gebieterischen Weise, zu ihr gelassen zu werden,wogegen der Arzt kalt und energisch protestirte.
Sie erhob sich geräuschlos, trotz ihrer Schwächewie von einer Feder emporgeschnellt, und begab sich indas daranstoßende Cabinet, von wo sie ungesehen undangehört ihr Schlafzimmer erreichte. Mit bebender Handden Riegel vorschiebend, da die Mamsell durch ihr An-kleidecabinet zu ihr gelangen konnte, schwankte sie nachihrem Bett und sank halb ohnmächtig darauf nieder.Sie fühlte sich hier wie geborgen und dankte im Innerndem alten Doctor, der sie mit seinem lauten Protestrechtzeitig gewarnt hatte, daß sie sich zurückziehen konnte.
Als in diesem Augenblick die Evers athemlos durchdie Thür des Cabinets eintrat, sah sie, daß diese beiihrem Anblick wie erlöst aufathmete.
„Wer lärmt so ungebührlich im Korridor?" fragtesie matt.
„Herr Steindorf behauptet, Sie wären nicht krank,liebes Fräulein, der Doctor wolle Sie nur dazu machen."
„Geh, und '.sage, daß ich sehr leidend und nichtim Stande fei, ihn zu empfangen," flüsterte Armgardmühsam.
Mamsell Evers ließ sich das nicht zweimal sagen.Sie ging wieder denselben Weg zurück nach dem Corri-dor und sah den Doctor dort mit sehr finsterm Gesichtallein stehen.
„Ist er fort?" fragte sie ihn leise.
Der alte Herr lachte grimmig in sich hinein unddeutete hohnvoll auf die Thür des Wohnzimmers.
„Der läßt sich nicht abspeisen und zeigt ihr schonjetzt, wer He'r im Hause ist. -- Thörichtes Frauen-zimmer l"
Doctor Peters ging nach diesen halblaut gesproche-nen Worten rasch fort, während Mamsell Evers dieLippen energisch zusammenpreßte, und dann ohne Zögernjene Thür öffnete. Mit unwilligem Erstaunen sah sie,daß Steindorf das Schreibcabinet ihrer Herrin geöffnethatte und ohne Weiteres bis zum zweiten Zimmer vor-gedrungen war. Sie ging ihm nach und richtete ihreBotschaft unerschrocken aus.
Steindorf blickte sie stirnrnnzelnd an.
„Hat meine Braut, Ihre Gebieterin, Ihnen dießpersönlich aufgetragen?" fragte er kurz.
„Ich würde den Befehl sonst nicht ausgerichtethaben," lautete die Antwort. „Das Fräulein ist sehrleidend, und hat sich zu Bett begeben müssen."
Er schritt in's Cabinet zurück und warf einigeZeilen in französischer Sprache auf ein Blatt Papier ,das er in ein Couvert schob und mit der Aufschriftversah.
„Geben Sie dieß dem gnädigen Fräulein!" befahler, auf das Briefchen deutend.
Ohne Gruß schritt er dann hinaus, und MamsellEvers hörte, wie er das Haus verließ.
„Gott gnade uns Allen, wenn der die Gewalt hiererst hat," seufzte die Alte kummervoll, indem sie mecha-nisch die elegante Handschrift ansah und dann mit demBrief zu ihrer Herrin sich begab.
„Der Doctor hat einen langen Disput mit demjungen Herrn gehabt," sagte sie, den Brief übergebend,„er setzte doch feinen Willen durch."
„Wer? Der Doctor?"
„Gott bewahre, nicht er, sondern der künftige Herrvon Edenheim, dessen Brief ich dem Fräulein gebrachtund der schon durch alle Zimmer drang, um Sie zusehen und zu sprechen. Meine Botschaft von Ihnenerreichte es nur mit Mühe, ihn zu veranlassen, sich zuentfernen."
Armgard sah auf den Brief und dann auf diealte Wirthschafterin. Ihr Stolz bäumte sich bei denWorten derselben auf und sie fühlte die Erniedrigung,welche für sie in der Respektlosigkeit lag, mit welcherman ihres Verlobten erwähnte. Durfte sie das dulden,da sie doch einmal den verhängnißvollen Schritt gethanund es kein „Zurück" mehr für sie geben konnte? Undwar sie es ihm nicht schuldig, unbeirrt bei ihm auszu-harren, nachdem ihm das Liebste entrissen war und alleWelt sich urplötzlich veranlaßt sah, Steine auf ihn zuwerfen? War er nicht seines Erbes beraubt, ein unglück-licher Mann, zu welchem sie allein, kraft der Vergangen-heit, gehörte?
Sie richtete sich mühsam auf und sagte in einemso scharfen Tone, wie Mamsell Evers ihn nie von ihrvernommen: „Sie scheinen ganz zu vergessen, daß Sievon meinem Verlobten sprechen, Evers, ich dulde einensolchen Ton nicht, und ersuche Sie, der übrigen Diener-schaft es einzuprägen, daß man in Herrn Steindorf denkünftigen Gebieter zu ehren hat. Wem das nicht zu-sagt, der möge sich bei Zeiten nach einem anderen Dienstumsehen."
Das ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig,und Mamsell Evers war auch eine Weile ganz sprach-los. Wenn Armgard so redete, dann mußte sie denVerlobten ja wirklich lieben, Zumal sie die alte, treueDienerin zum ersten Male wie eine Fremde, wie jedeandere beliebige Magd behandelte. Nun gut, das durftesie sich nicht schon jetzt gefallen lassen, da ihres Blei-bens in Edenheim nach der Hochzeit doch nicht längersein konnte.
„Da ist es wohl besser, daß ich gleich heute meinBündel schnüre, Fräulein," sagte sie mit einer Stimme,als sei ihr die Kehle zugeschnürt. „Herr Steindorf,das fühle ich, kann mich nicht leiden, und würde mirnachher doch gleich den Laufpaß geben. Da ist's besser,ich gehe freiwillig."
Armgard antwortete nicht, sondern wandte ihrGesicht nach der andern Seite.
„Ich darf Ihnen hier wohl gleich Adieu sagen,Fräulein!" fuhr die Mamsell zögernd fort.
„Kannst Du's über Dein Herz bringen, Evers,dann geh'!"
Mehr sagte sie nicht, aber es war übergenug fürdie alte, treue Seele, die schluchzend auf die Kniee sankund Armgards Hand mit Thränen benetzte.
„Du närrische Alte!" fuhr Armgard, mit ihrertiefen Bewegung kämpfcnd, fort, „kannst Du denn über-haupt fern von Edenheim und Deiner verhätscheltenArmgard leben?"