Ausgabe 
(18.5.1894) 40
Seite
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eine Komödie konnte die arme Seele ihr nicht vor-machen. Unglücklich war sie, ganz elend in ihrem Herzen,weil der Schurke, der falsche Abenteurer, ihre Schwächebenutzt und sie überrumpelt, ihr das Jawort abgezwungenhatte. Sein Kind, diese kleine dressirte Comödiantin,hatte noch im Grabe ihm geholfen, das reiche Erbe ansich zu reißen. Und sie, die alte Ebers, konnte nichtsdabei thun, das Spinnennetz zu zerreißen und die giftigeKreuzspinne zu zertreten.

Es war schrecklich, aber die alte, treue Dienerinwünschte jetzt, daß ihre Herrin wieder erkranken möge,um hinter ärztlichen Befehl sich verschanzen und denverhaßten Bräutigam an der Schwelle des Kranken-zimmers abfertigen zu können.

-i- *

Die Operation der alten Tante Hanna war trotzmehrfacher Bedenken der Aerzte, welche noch immer inder Mehrzahl gegen die Ansicht Doctor Peters' gestimmthatten, endlich doch beschlossen und durch letzteren aus-geführt worden.

Dieselbe war vollständig geglückt, die Diagnose desalten erfahrenen Arztes also für richtig befunden wor-den. Es hatte sich durch den furchtbaren Schlag, welcherdie Kopfwunde verursacht, eine Verletzung des großenGehirns herausgestellt. Die Denk- und Willensthätig-keit war gehemmt und wie die Störung eines elektrischenStromes jäh unterbrochen worden. Ein winziger Knochen-splitter hatte dies bewirkt und genau den Sitz jener ge-heimnißvollen Gehirnthätigkeit getroffen.

Die ganze Stadt nahm lebhaften Antheil an demErfolg der Operation, obgleich die Aerzte nach derselbennoch durchaus nicht für einen Erfolg oder gar für dasLeben der Greisin sich verbürgen konnten. Einstweilenwar sie im Krankenhause unter sorgsamster Pflege undärztlicher Aufsicht am besten aufgehoben.

Doctor Peters brachte die Nachricht hinaus nachEdenheim. Er war erschreckt über das Aussehen derGutsherrin, welche durchaus nicht leidender als vorhersein wollte und seine Mittheilung über Tante Hannamit stiller Freude vernahm.

Wird sie ihre alte Denkkraft wieder erlangen?"fragte sie mit sichtlicher Spannung.

Das ist freilich nicht mit Bestimmtheit zu beant-worten, liebes Fräulein! Ebensowenig die Frage,ob wir sie überhaupt am Leben erhalten. Einstweilenjedoch hoffen wir es stark, und wenn sich auch nichtsofort die Spuren eines geistigen Verständnisses zeigen,da wir das wunderbar geheimnißvolle Uhrwerk in seinemgeistigen Räderwerk wohl niemals ganz ergründen wer-den, und ein einziges Stiftchen um bei dem Gleichnißzu bleiben vielleicht just fehlt oder verschoben wordenist, so halten wir doch die Hoffnung fest, die alte TanteHanna wieder zu einem, wenn auch nur halbwegsmenschenwürdigen Dasein zurückzuführen.

Armgard seufzte, und der freudige Schimmer inihren Augen erlosch wieder, was der alte Arzt sehr wohlbemerkte.

Ich werde Ihnen wieder etwas verschreiben, Fräu-lein Holten," fuhr Doctor Peters nach einer Pause fort,Sie sind kränker, als Sie glauben, und mit der Ge-nesung hat's leider Gottes auch wieder gute Wege.Was haben Sie denn um Alles in der Welt nur an-gestellt, um wieder so jämmerlich auszusehen und meinerärztlichen Kunst ein Schnippchen zu schlagen?"

Armgard's bleiche Wangen rötheten sich leicht. Sierang sichtlich mit einem Entschlüsse und sagte endlich ineinem halb schamvollen, halb trotzigen Tone:Ach,Doctor , schelten Sie nicht, ich habe mich verlobt."

So, so, nun, das war ja vorherzusehen," er-widerte der Arzt mit einem Lächeln, welches sie mehrpeinigte, als ein hartes Wort.Na, ich gratnlire,mein Fräulein! Die Verlobungsanzeige wird übri-gens Wenige überraschen, da sich Herr Julius Steindorfja bereits als Herr und Gebieter hier während IhrerKrankheit installirt hatte."

Es geschah auf meine Bitte, Herr Doctor!" sprachArmgard, sich jäh aufrichtend.

Sie erröthete bei dieser Unwahrheit und sank wiegebrochen an Geist und Körper zurück.

Schon gut, liebes Fräulein, geht mich wie auchdie übrige Welt nichts an. Bin freilich ein alter FreundIhres Hauses und darf mir schon ein Wörtchen heraus-nehmen, zumal auch als Ihr Arzt. Als solcher kannich die seelischen Aufregungen, in welche Ihr VerlobterSie zu früh hineingezogen hat, durchaus nicht billigen,er hätte so große Eile nicht damit zu haben brauchen,kam nach Ihrer völligen Genesung immer früh genug.Soll ich Ihr Arzt noch weiter bleiben?"

O, Herr Doctor!" rief Armgard, ihm tiefbewegtdie Hand entgegenstreckend.

Gut, dann müssen Sie hübsch gehorsam sein undsich ganz ruhig verhalten. Am liebsten wieder in'SBett mit einer Wache vor dem Schlafzimmer."

Sie nickte mit einer Art Erleichterung.

Es ist selbstverständlich, daß Ihr Verlobter sichjetzt fern hält," fuhr Doctor Peters ruhig fort.Möchtein Ihrem Interesse auch rathen, ihm bis zur Hochzeit,an welche bei Ihrem leidenden Zustande doch vorerstnicht zu denken ist, die Ober-Aufsicht wieder abzunehmen;vielleicht hat Herr Steindorf in dieser Hinsicht ameri-kanische Begriffe, welche für unsere Welt hier Anstoßerregen würden. Die Freundschaft, welche mich mitIhren seligen Eltern verband, legt mir die doppeltePflicht auf, Ihnen diesen Rath zu geben."

Ich danke Ihnen, lieber Doctor , versetzte Arm-gard leise,seien Sie überzeugt, daß ich nach dieserSeite hin die Ehre meines Hauses aufrecht halten werde."

Gut, ich schicke Ihnen jetzt gleich Mamsell Ebers,der ich meine Vorschriften ertheilen werde."

Der Doctor ging, und Armgard drückte sich, fieber-haft zusammenschauernd, in die Ecke des Sophas. Allemöglichen Gedanken und Erinnerungen durchflogen ihrGehirn, und mitten in diesen Wirrwarr hinein drangdie Stimme der alten Tante Hanna, welche dicht nebenihr zu sitzen schien und ihr ihre Geschichte wieder er-zählte. Lasse Dich nicht von der Schönheit umgarnen,sie ist nicht echt, sondern nur eine Maske. VerkaufeDich auch nicht, vergiß es nie, daß Du ein reichesMädchen und deßhalb eine begehrte Waare bist. O,der schlaue Herr Julius kann Dein Geld gebrauchen,es ist ihm drüben nicht geglückt, und nun will er dieNärrin mit dem vielen Gelde heirathen, die reiche Erbin,welche zehn lange Jahre auf ihn gewartet hat. Sie istnicht schön, diese Närrin, aber vergoldet, und das ge-nügt. Der liebe, schöne Papa konnte drüben stolzeLadies heirathen, aber er liebte nun einmal nur diegute Tante Armgard, die so reich und eine gutmüthigeNärrin war.-