302
welche den Weg wieder zurückgefunden hat zu ihremursprünglichen Heim."
Armgard war so völlig verwirrt und betäubt, daßsie halb ohnmächtig sich ihrem Geschick ergab und, vonSchwäche übermannt, Lotta im Sterbehemd mit derWunde in der Stirn zu sehen vermeinte. Sie hörte,wie von einem peinlichen Traum umfangen, die Ver-sicherungen seiner Liebe und Dankbarkeit, duldete mitjenem seltsam körperlichen Schmerz im Herzen seine Küsseund erhob sich endlich mechanisch, um sich von ihm in'sHaus zurückgeleiten zu lassen.
Ob und was sie ihm geantwortet, das wußte sienicht zu sagen, konnte sich dessen auch niemals wiedererinnern, nur so viel empfand sie, daß ihre Leute siescheu und besorgt anblickten, als ob man sie eines Ver-brechens beschuldige, und daß Mamsell EverS sich mitder weißen Schürze über die Augen fuhr, als ob sieüber sie weine.
„Darf ich Karten drucken lassen und unsere Ver-lobung bekannt wachen?" fragte Steindorf, als sie inihrem Wohnzimmer an seiner Seite erst zum rechtenBewußtsein dessen gelangte, was soeben geschehen war.Erschreckt blickte sie ihn an.
„Jetzt schon? — Ruht Ihre Lotta ein Jahr imGrabe? — Nein, lassen Sie mir noch Zeit, ich fühlemich so schwach, — die Welt würde uns Beide verur-teilen, und sie hätte ein Recht dazu."
„Die Welt ist grausam, Geliebte, und nur dieLiebe vermag ihr Trotz zu bieten. Lotta würde fürmich bitten, ja, sie würde Dir sagen: laß ihn nicht vonDir, den armen, einsamen Vater, sondern schließe so-fort das Band, welches ihm eine Heimath und ein lieben-des Herz giebt."
„Nein, nein, nicht so bald schon," wehrte sie angst-voll ab, „sei barmherzig, Julius, gönne mir Zeit, ge-sund zu werden."
„Weßhalb sollen wir noch warten, mein Lieb?"schmeichelte er, den Arm um sie schlingend, mit zärt-licher Stimme, „jeder Tag nutzlosen Harrens undBangens beraubt unser Glück. Sind wir nicht Beidefrei und unabhängig? — Brauchen wir uns dem Ur-theil der Welt zu beugen? — O, gieb mir das öffent-liche Recht, Dein natürlicher Beschützer und Berather-u sein. Nicht wahr, Du willst es, ich darf laut meinGlück verkünden, o, sage es, Geliebte, daß es DeinWille ist."
Weßhalb sollte sie sich noch länger gegen das Un-abänderliche sträuben? Zischelte die Verleumdung nichtlängst und hatte ihren Namen mit ihm in Verbindunggebracht? Konnte sie jetzt noch denselben anders reinigenals durch eine Heirath mit dem Manne, den sie einstgeliebt hatte? —
Sie neigte deshalb müde und resignirt das Hauptund bat ihn leise, sie nun allein zn lassen.
Steindorf küßte sie zärtlich, drückte ihre Hände ansein Herz und ging mit triumphirender Miene hinaus.
ES hätte ihn vielleicht doch unangenhm berührt,wenn er gesehen, wie verzweiflungsvoll sie die Händerang und wie starr und unheimlich ihre Augen auf dieThür sich richteten, als diese sich öffnete und MamsellEvers eintrat.
„Haben Sie Befehle für mich, Fräulein?" fragtedie Alte, sich langsam dem Tische nähernd.
Armgard schüttelte den Kopf und öffnete die Lippen,brachte aber keinen Laut hervor.
„Ach, lieber Himmel, wenn ich's mir nicht gedachthabet" rief die Mamsell in einem bei ihr ganz unge-wöhnlich weinerlichen Tons, „nun sind Sie richtig wie-der krank geworden, und der letzte Betrug kann ärgerwerden als der erste."
Armgard starrte sie mit weit geöffneten Augen, alssähe sie etwas Furchtbares, an, und hauchte leise, mitsichtlicher Anstrengung: „Welcher Betrug?"
„Ach Gott , ich meine nur so, von wegen IhremNückfall. Kommen Sie nur rasch in's Bett, liebesFräulein, ich will die Medicin und auch den Doctorholen lassen. Er war vorhin erst hier."
„Ja, ich fühle mich krank, gute Evers!" erwiderteArmgard leise, „nur eins möchte ich noch sagen, daßich — daß ich — mich verlobt habe."
Sie hatte bei diesen Worten ihr Gesicht abge-wandt und bebte wie im Fieber. Dann suchte sie sichzu erheben, wobei die Mamsell sie schweigend unter-stützte. Auch ihr schien der Schreck über diese Mit-theilung in alle Glieder gefahren zu sein, da sie auf-fällig zitterte.
Als sie ihre Herrin entkleidete, da diese schwachund willenlos wie ein Kind war und durchaus nichtden Eindruck einer glücklichen Braut machte, hielt siesich als ihre alte Dienerin, welche sie schon als Kindgepflegt und geliebt hatte, für verpflichtet, sie zu fragen,ob Herr Steindorf, welcher doch jedenfalls der Verlobtesei, nach wie vor auch jetzt noch täglich nach Edenheimkommen werde.
„Ich meinte, es dürfte sich für den Bräutigamdes Fräuleins doch nun nicht mehr schicken," setzte sieresolut hinzu.
Armgard sah sie mit dem Ausdruck tiefer Müdig-keit und Nathlosigkeit an.
„Ich weiß es nicht, gute Evers," sagte sie matt,„er wird es schon wissen. Erzürnt ihn nicht, dennich" — sie seufzte tief auf — „ich kann Euch nichtbeistehen."
Plötzlich schlang sie beide Arme um den Hals deralten, tief erschütterten Mamsell und brach in einunaufhaltsames Weinen aus. Die Alte hielt ganz still,aus ihren Augen rannen ebenfalls die Thränen, undsie dann wie ein Kind streichelnd und beruhigend, meintesie, daß diese ganze Verlobungsgeschichte ihr wie einTraum vorkomme, aus welchem sie vor der Hochzeitwohl wieder zur rechten Zeit erwachen werde.
„Nein, nein!" fuhr Armgard empor, „sage dasnicht, gute Evers, es ist mein freier Wille, hörst Du?
— und nun will ich schlafen, meine Nerven sind nochso schwach, das ist alles. Ich bin sehr glücklich, und
— und —"
Sie brach ab und strich sich über die Stirn, alsmüsse sie ihre Gedanken zusammenhalten.
„Ach ja, das war's, — wir werden bald Hochzeitmachen, weißt Du, in aller Stille, und dann eine Reise,
— ich muß fort, andere Luft athmen, hier ersticke ich.Geh' jetzt, meine Liebe, laß den Doctor nur fortbleiben,ich will schlafen."
Sie hatte sich niedergelegt und das Gesicht abge-wendet. Mamsell Evers ging leise hinaus.
Draußen ballte sie beide Hände vor Schmerz undZorn. Sie sollte ihr Fräulein nicht kennen? — O,