Ausgabe 
(18.5.1894) 40
Seite
301
 
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^L40.

18942

Augsburger Postzeitung".

Ireitag, den 18 . Mai

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Litcrarischen Znstituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesiher vr. Max Huttler ).

Tante Kamm's Geheimniß.

Original-Roman von E. von Linden.

(Fortsetzung.)

Sie wußte das beklemmende Gefühl nicht zu deuten,das sie zu ihm hindrängte und dann wieder in Furchtund Widerstreben abstieß. Schwer athmend, wollte siesprechen, ihn bitten, sie in's Haus zurückzuführen,und vermochte doch keinen Laut hervorzubringen, da ihrdie Kehle wie zugeschnürt war. Sie fühlte sich in ihrerSchwäche so willenlos, daß sie hätte aufschreien mögenvor Zorn über die eigene Hülflosigkeit. Unwillkürlichdrängte sich in. diesem Augenblick das ernste, offene Ge-sicht des jetzigen Besitzers von Rotenhof vor ihren innerenBlick, und es war ihr, als müsse sie sich zu ihm flüch-ten oder auch vor Scham in die Erde versinken.

Da tönte die melodisch-schöne Stimme des Mannes,den sie einst so leidenschaftlich geliebt, dicht an ihremOhr, der wehmüthig verschleierte Klang derselben, durchwelchen eine tiefe Trauer sich hörbar machte, drangunwiderstehlich in ihr Herz, der berauschende Zauberseiner unmittelbaren Nähe schien sie mit einem unent-rinnbaren Netz zu umgeben, und entsetzt fühlte sie ihrLoos besiegelt.

Wie er ihren hilflosen Zustand geschickt benutzte,sich zärtlich vor den Augen der Gutsangehörigen zu ihrniederbeugte und sie dann in den Park führte, um dasletzte bindende Wort ihr abzuschmeicheln! Sie war jetzt,jedem fremden Blick entzogen, allein mit ihm und zittertean seinem Arme wie ein gefangenes Wägelchen.

Dort stand noch eine der alten Bänke wie einstvor zehn Jahren. Steindorf führte sie mit raffinirterUeberlegung nach derselben hin, und nöthigte sie, sichhier auszuruhen. Er wußte genau, was er that, wardies doch dieselbe Holzbank, auf der er dem Kinde alsPrimaner eine Liebeserklärung gemacht und sich ver-messen hatte, um ihretwillen mit der ganzen Welt sichzu duelliren. Diese Bank war nie erneuert, doch stetsin ihrer alten Form und Farbe erhalten, während überallsonst eiserne Bänke angebrckcht worden waren. Derschlaue Steindorf hatte dies längst bemerkt und alsstille Pflege der Erinnerung auch ganz richtig gedeutet, er kannte das Frauenherz genau und lächelte spöttisch,wenn man von einer consequenten Festigkeit und männ-lichen Kraft desselben sprach.

Das echte Frauenherz hält selbst die unwürdigsteLiebe noch fest und ist derselben für immer verfallen,darin ist es konsequent," pflegte er dazu zu sagen,Ausnahmen giebt es nicht."

Und hier schien sein frivoler Ausspruch wiederrecht zu behalten, wie er triumphirend überzeugt seindurfte.

Der Weg hat Sie angestrengt, theure Armgard,"sagte er, ihr besorgt in die Augen blickend,Sie sehenangegriffen aus. Ach, diese BankI" setzte er plötzlicherregt hinzu,ist es wirklich noch dieselbe, wo wir alsKinder so glücklich waren?"

Es ist dieselbe," erwiderte Armgard mühsam,Sie haben recht, wir waren glückliche, aber recht uner-fahrene Kinder."

Die Erfahrung pflegt keine strenge Lehrmeistern:zu sein, mir ist sie es nie in der That gewesen. O,Armgard, kennen Sie Neue? Nein, Sie haben jakein verlorenes Glück zu beweinen, kein Unrecht zu be-reuen. Jene Episode meines Lebens, an welche dieseBank mich gerade jetzt recht grausam erinnert, war fürSie nur eine kindische Thorheit und zog um Ihr Lebenkeinen verhängnißvollen Kreis. Wie hätten Sie michsonst kampflos aufgeben können?"

Armgard blickte ihn mit stillem Vorwurf an undwollte sich erheben. Sie fühlte, daß er sie mit Vor-bedacht nach diesem Platz geleitet hatte, und ihr Stolzbäumte sich noch einmal gegen diesen Mann auf, dersie mit jenen Künsten noch einmal umstrickte, an deneneinst ihr Lebensglück zu Grunde gegangen war. DerWarnruf des alten Reinhardt drang ihr höhnend in'sOhr, aber es war zu spät, die Todtenhand seines Kindeshatte gewaltsam das Band wieder geknüpft, gegen daSihr Stolz sich ohnmächtig erwies.

Steindorf ließ sie nicht mehr frei. Schmeichelndzog er die Widerstrebende auf die Bank zurück undglitt auf seine Kniee nieder, sie mit den süßesten Tönender Liebe anflehend, die furchtbaren zehn Jahre ausihrem Leben zu tilgen und dort wieder anzuknüpfen,wovon diese Bank so stumm und doch so beredt zu er-zählen wußte.

O Geliebte, stoße mich nicht von Dir," schloß erim Tone tiefsten und wahrsten Schmerzes.Lasse michnicht trostlos hinausziehen, nachdem der Tod mir Allesgeraubt. Lotta kniet neben mir und bittet für ihrenunglücklichen Vater. Glaube an meine Liebe, Theuerste,