Ausgabe 
(1.6.1894) 44
Seite
333
 
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Ircitag, den 1. Juni ^ - 1864»

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Mr die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in AnaSburg.

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler ).

Tante Kanna's Geheimniß.

Original-Roman von E. von Linden.

(Fortsetzung.)

War diese plötzliche Ruhe eine erkünstelte oder einneues krankhaftes Symptom? Diese Frage hatte vompsychologischen Standpunkte aus ein großes Interessefür den Arzt, und sein scharfes Auge ruhte prüfend aufdem feinen Profil, das wie aus Marmor gemeißelt er-schien, der schöngeformten, etwas großen Hand, welchejetzt keine Spur der vorherigen Erregung, nicht dasleiseste Zittern mehr zeigte.

Sie reichte ihm den Bogen Papier , rasch über-flog sein Blick das Geschriebene. Er wunderte sich überden klaren, knappen Gedankengang, mit welchem sie ihmihre Vollmacht ertheilte, mit Herrn Julius Steindorfdahin zu verhandeln, daß die Heirath ihres leidendenZustandes halber auf eine unbestimmte Zeit hinausge-schoben werde, damit beide Theile die nöthige Frist zurSclbstprüfnng hätten und eine kindische Ueberstürznngbei einem so hochheiligen Schritte ausgeschlossen bliebe.Sie wünsche diese Frist in völliger Trennung von ihmzu verleben und wäre, falls Herr Steindorf unter diesenVerhältnissen auf einer Aufhebung der Verlobung be-stände, zu jedem Opfer, was ihr Vermögen anbelange,bereit. Herr Doctor Peters habe nach dieser Rich-tung hin die unumschränkteste Vollmacht znm Handelnvon ihr erhalten.

An und für sich betrachtet," bemerkte der Doctor,den Bogen zusammenfaltend und sorgsam in seine Brief-tasche legend,wäre dieß jetzt eigentlich die DomäneIhres Sachwalters. Doch hoffe auch ich als Ihr auf-richtiger Freund Ihr Glück in einer Weise zu fördern,daß Sie die so vollständig abhanden gekommene Harmo-nie Ihres Wesens wiederfinden. Und die Adresse dortdarf ich auch mitnehmen?"

Armgard schnitt das Couvert auf, zog den Briefan ihren Verlobten hervor und warf denselben in denSchreibtisch. Dann überreichte sie das Couvert demArzte, verschloß den Tisch und erhob sich, um Schirmund Handschuhe wieder zu nehmen.

Ich habe lange auf mich warteu lassen, meinalter Conrad wird eingeschlafen und die Pferde unge-duldig geworden sein," sprach sie ruhig mit einemschattenhaften Lächeln.Kommen Sie, lieber Doctor ,ich muß jetzt fort."

Täusche ich mich, Fräulein Armgard, oder sindSie wirklich ruhiger geworden?"

Doctor Peters sah ihr bei diesen Worten forschendin die Augen.

Ich bin's in der That, weiß ich doch, daßdas Wohl und Wehe meiner Zukunft in Ihren Händenjetzt ruht, mein väterlicher Freund, und daß ein treues,aufrichtiges Herz mich nicht verkennt. Haben Sie Dankdafür, daß Sie die Qual jener tödtlichen Ruhelosigkeitvon meiner Seele genommen."

Sie drückte' ihm krampfhaft die Hand und eiltehinaus, während der alte Herr langsam folgte und nocheine Weile dem Wagen nachfolgte, bis er um eine Eckeverschwunden war.

* *

*

Herr Julius Steindorf flanirte mittlerweile in derromantischen Gegend des haunoverschen Leinethals um-her, genoß die Reize der Natur, sowie die einer wohl-besetzien Tafel in den besten Hotels, da es ihm anguten Banknoten nicht mangelte, und trug viel mehr denwohlsituirten Lebemann und glücklichen Besitzer einerreichen Braut als den trauernden Vater zur Schau.

Er besuchte auch die Universitätsstadt Göttingenwo er einst studirt, vermied es aber, alte Freunde undBekannte aufzustöbern, indem er sich damit begnügte,das studentische Treiben zu beobachten und die Zeittodtzuschlagen.

Hier wollte ihn Doctor Peters treffen, weil Stein-dorf seiner Braut diese Stadt für ihr Antwortschreibenbezeichnet hatte. Man sagte dem Doctor im Hotel, daßHerr Steindorf einen Ausflug nach Mariaspriug, einemreizenden Vergnügungspunkt der Umgegend, unternom-men habe.

Dem alten Arzte, der hier ebenfalls studirt, gingdas Herz auf beim Anblick der E rinncrungsstätte seinerschönsten Jahre, doch durfte er nicht rechts noch linksschauen, da seine Mission diesem Manne gegenüber eineäußerst schwierige war. So rüstete er sich denn zurMensur, wie er sich sagte, um einem Kampf auf Lebenund Tod entgegenzugehen.

Herr Steindorf saß behaglich vor einer FlascheWein und einem guten Imbiß, als Dr. Peters, denHut lüftend, auf ihn zutrat. DaS scharfe Auge desalten Herrn bemerkte es sehr wohl, daß sich Steindorf'sGesicht bei seinem Anblick verfinsterte und ein stechenderBlick wie ein Fragezeichen ihn traf.