Ausgabe 
(1.6.1894) 44
Seite
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Ich habe Sie bereits in Ihrem Hotel gesucht,Herr Steindorf l" nahm der Doctor nach der erstenBegrüßung sofort das Wort,und darf mit Ihrer Er-laubniß wohl gleich losschießen, das heißt auf den Haupt-zweck meines Hierseins kommen."

Julius Steiudorf sah ihn befremdend an und ver-beugte sich zustimmend.

Ich komme nämlich im Auftrage Ihrer Braut,"fuhr Dr. Peters rasch fort,und muß Ihnen von vorn-herein bemerken, daß dieser Auftrag sehr heikler Naturist, weßhalb ich bitte, sich nicht zu Ungehörigkeiten gegenMich fortreißen zu lassen. Sie werden sich jedenfallserinnern, daß ich bereits Hausarzt bei den seligen Elterndes Fräuleins gewesen bin, demnach in ihrem Haufe eineArt Vertrauensstellung einnehme."

Wieder verbeugte sich Steindorf schweigend, ohnedem Doctor auch nur eine Linie breit entgegen zukommen.

Der alte Herr räusperie sich und fuhr dann nachkurzem Nachdenken wieder fort:Also, um es kurz zumachen, Fräulein Armgard Holten, deren Arzt ich jaauch jüngst nach der beklagenswerthen Katastrophe ge-wesen, ist noch sehr leidend, das heißt körperlich leidlichgesund, während ihr Seelenzustand die sorgsamste Berück-sichtigung erfordert. Die Nebcrstnrzung des Aufgebotsnach der kurzen Verlobung hat alle Welt, mich aberganz besonders in Erstaunen gesetzt, weßhalb die ärzt-liche Pflicht mir gebietet, Protest dagegen einzulegen."

Ah!" machte Steindorf, das Glas, welches er so-eben zum Munde führen wollte, rasch niedersetzend undden Doctor erwartungsvoll anblickend.

Ich habe Ihrer Braut davon Mittheilung ge-macht, und sie mußte mir einräumen, daß ihr jetzigerSeelenzustand ein zu qualvoller ist, um ihre körperlicheGesundheit nicht über kurz oder lang gänzlich zu unter-graben. Die blutige Katastrophe hat sie seelisch derartigaus dem Gleichgewicht gebracht, daß ich es ebenso wenigfasse, weßhalb Sie nicht mindestens das übliche Trauer-jahr um Ihr Tochterchen innegehalten, als daß Fräu-lein Holten sich Ihrem Wunsche oder Willen hierin soapathisch hat unterordnen können."

Sind Sie zu Ende?" fragte Steindorf, als derDoctor schwieg.

Bewahre, wir sind ja erst am Anfang, doch dürfteich immerhin eine Antwort von Ihnen erwarten."

Die soll Ihnen werden, mein Herr Doctor ! Be-vor ich indeß weiter mit Ihnen rede, werden Sie mirhoffentlich irgend eine Vollmacht von meiner Braut,welche Sie zu solcher Rederei mir gegenüber berechtigt,vorzeigen können."

Versteht sich, das ist ganz in der Ordnung," er-widerte Dr. Peters, bedächtig seine Brieftasche hervor-ziehend und derselben den zusammengefalteten Bogen ent-nehmend. Er bemerkte dabei sehr wohl die nervöse Un-ruhe in den Augen seines Gegners, den diese Umständ-lichkeit in eine stille Wuth versetzte. Der Doctor warboshaft genug, sich darüber zu freuen.

Bitte, lesen Sie, Herr Steindorf!"

Dieser nahm den Bogen und überflog ihn hastig,wobei seine Augen einen immer starreren Ausdruck an-nahmen. Plötzlich ballte er das Papier zusammen undwarf es mit einem kurzen, verächtlichen Auflachen aufden Tisch.

Was hat man Ihnen dafür gezahlt oder ver-

sprochen, um dieses Kunststück fertig zu bringen?" fragteer, mit einer verächtlichen Bewegung sich erhebend.Weßhalb haben Sie meine Braut nicht gleich derSicherheit halber in eine Heilanstalt gebracht? Oderglauben Sie wirklich, mich mit einer solchen grobenSpiegelfechterei täuschen, meine Braut mir abwendig,das bereits erfolgte Aufgebot rückgängig machen zukönnen? Oho, mein Herr Doctor , Sie sollen michkennen lernen, da meine Braut ganz offenbar unterdem Einflüsse Ihres ärztlichen Zwanges hat handelnmüssen. Ich Ihrer Vollmacht mich beugen, mit Ihnenum mein gutes Recht, um mein Glück feilschen?Niemals! Ich bin Mannes genug, Ihnen und derganzen Welt den Handschuh hinzuwerfen, melden Siedas Ihren eigentlichen Auftraggebern."

Sie täuschen sich ganz gewaltig, mein lieber Herr!"versetzte der Doctor, ruhig den zerknüllten Bogen wiederglättend,es läge sicherlich in Ihrem Vortheil, sich mitmir zu verständigen, da Fräulein Holten Sie durchausnicht liebt?"

Das hat sie Ihnen gesagt?"

Steht denn das nicht deutlich genug zwischen diesenvon ihrer Hand niedergeschriebenen Zeilen? Dasmüßte denn doch ein Blinder sehen, daß die Hand nichtdabei gezittert, das Herz sich also durchaus nicht erregthat. Doch, wie Sie wollen, mein werther Herr!Nur soviel sei noch gesagt, daß diese Vollmacht sofortnach meiner Heimkehr gesetzliche Kraft erhalten wird.Sie können in diesem Augenblick noch Ihre Forderungnach Belieben aufstellen, später wird man Sie alsFremden behandeln. Daß Ihre Liebe für FräuleinArmgard so groß ist, um einen verzweifelten Schritt zubefürchten, glaube ich nicht, mein bester Herr Steindorf,also"

Genug, Herr Doctor!" unterbrach ihn jener miteiner theatralischen Bewegung,wir sind jetzt mit ein-ander fertig, doch sollen Sie bald genug wieder von mirhören."

Ohne Gruß eilte er mit großen Schritten fort,und kurz darauf hörte der Doctor von eigem Kellner,daß der Herr, welcher zu Pferde gekommen, soeben imGalopp davongespreugt fei.

Dr. Peters ließ sich Bier bringen und lächelte stillvor sich hin. Die alten Zeiten stiegen vor ihm auf,seine Jugend, die schönen Tage akademischer Freiheit,welche ihn hier in dem lieblichen Mariaspring so oftgesehen, bis er plötzlich erschreckt sich wieder auf dieGegenwart besann.

Donner und nun setzt sich der heillose Menschauf die Bahn und saust vor mir nach Edenhcim zurück,um die Arme wieder zu umgarnen."

Er bezahlte eiligst, ließ seinen Wagen anspannenund fuhr nach Göttingen zurück. Nichtig, Herr Stein-dorf war mit dem gerade zur Abfahrt bereitstellendenZuge schon nach der Heimath zurückgefahren, und DoctorPeters hatte einstweilen das Nachsehen. Er speistedann mit großer Gemnthsruhe, weil der nächste Zugerst nach zwei Stunden von Frankfurt kam, und über-legte dabei, wie er dem Einflüsse des Sappermcntersbei der bedauernswerthen Armgard Holten begegnenkönne, als plötzlich die Thür des Speisezimmers heftigaufgestoßen wurde und ein junger, ziemlich auffälliggekleideter Mann mit einem breitrandigen Strohhut aufdem knrzgeschorenen Kopf in großer Erregung hereinstürmte.