Ausgabe 
(1.6.1894) 44
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Der junge Mann, welcher den Ausländer stark zurSchau trug, ließ sich eiligst an der langen Tafel, wonur wenige Herren speisten, nieder, schlug mit seinemStock auf den Tisch und befahl dem herbeieilendenKellner im brüsken Tone, ihm rasch das Beste, wasin Küche und Keller vorhanden, herbeizuschaffen. Erwarf dabei eine Doppelkrone auf den Tisch und fuchtelteungeduldig mit dem goldbeknopften Stock umher, alsHütte er die größte Lust, die ganze Gesellschaft durchzu-hauen.

Warum auch nicht?" murmelte Dr. Peters, demdieser Gedanke gekommen,der Bursche scheint ja Geldgenug zu haben. Wo in aller Welt ist mir dieses Ge-sicht ach, das ist ja Mr. Janker, den ich drobenim Försterhause mit dem Commissar traf; wo hatteich denn nur meine Angen? Ob er mich nicht wieder-erkennt?"

Des Fremden Augen sielen in demselben Momentauf den Doctor und nahmen einen forschenden Ausdruckan. Der alte Herr verbeugte sich lächelnd.

Ich denke, wir sollten uns kennen," sagte er.

Calculire auch so," erwiderte Mr. Hilbrecht,sindvielleicht der alte Doctor, welcher den armen Mr. Mar-bach heraus- oder hineinflickt, meine in die Erde, ha,ha, hal"

Der Doctor verbeugte sich und lachte mit. Einemsolchen Burschen etwas übel zu nehmen, lächerlich.

Ja, ich bin Or. Peters," sagte er,und Sie sinddoch herüber gekommen, um den Schinderhannes miteinsangen zu helfen, der unsern armen Marbach soschändlich zugerichtet hat?"

Und den guten Jungen, den Mr. Warneck, umdie Ecke gebracht hat, ^ss, 8ir, will den Schuft vonWilliam Prien einsangen, so wahr ich mich JohnHilbrecht nenne. Hätte ich nur meinen Revolver beimir gehabt, er wäre schon jetzt ein todter Mann ge-wesen."

Der Doctor sah ihn ganz verblüfft an, hatte er'smit einem Betrunkenen oder Verrückten zu thun?

Wer wäre denn eigentlich von Ihnen mit demRevolver befördert worden, Mr. Hilbrecht?" fragte er,ihn prüfend anblickend.

Mr. Prien, wer anders denn?" Komme mitdem Zuge an, hab' die Kreuz und Quer nach einemMr. Eckert gesucht, kann ihn nicht finden. SchlechtePolizeiwirthschaft, bzr llovs, wäre drüben schon längsteingesungen."

Wer ist Mr. Eckert?"

Detectiv, schreibt seine Adresse an den Mistervom Criminnl, und ich reise hin, um Mr. Prien'sPersönlichkeit festzustellen. Keine Spur von einemDetectiv."

Er wird sich als solcher auch nicht declarirt haben,Mr. Hilbrecktl" sprach der Doctor, sich Kaffee bestellendund eine Cigarre anzündend.Vielleicht hat er sicheinen anderen Namen beigelegt. Wie sind Sie denneigentlich hierher gerathen?"

War da in einem Harzneste, weiß nicht mehr denNamen, fragte nach meinem Mann und erhielt eineBeschreibung, welche genau auf Mr. William Prienpaßt. ^.11 riAbt, sage ich, und fahre nun von Ortzu Ort, verfolge wie ein Indianer die Spur undkomme hierher. Als ich aussteige, will just ein an-derer Zug abfahren, und wer springt in ein Coups?

Mr. Prien. Ich wie der Blitz hinterher, da saustder Zug fort und ich hab' das Nachsehen. Weiß abernun, daß er hier ist, soll mir nicht entwischen, der oläbozr!"

Versteh' ich recht, so haben Sie den Menschengesehen, den man in Verdacht hat, den Herrn Warneckerschossen zu haben," sagte der Doctor, nun selber ganzerregt.

Der Amerikaner nickte.

Den Henker auch," fuhr vr. Peters fort,daunmüßte man ja sogleich hinterdrein. Hat der BurscheSie gesehen und erkannt?"

Glaub' nicht, schaute weder rechts noch links,schien es höllisch eilig zu haben. Müssen noch überzwei Stunden hier warten, oder Extrazug bezahlen.Wollen Sie mithalten, Sir?"

Was? ich einen Extrazug bezahlen?" rief deralte Herr ganz entsetzt,das sollte mir einfallen, da eSmir im Grunde gleichgültig ist, ob der Mörder geköpftwird oder nicht."

Hckl ritz-Irt!" stimmte Mr. Hilbrecht, ihm zunickend,bei,ist ganz vernünftig von Ihnen, Sir! Ich aberwill ihn hängen sehen, das will ich!"

Er bekräftigte diesen Entschluß mit einem Faust-schlag auf den Tisch, welcher alles darauf Befindlichein's Schwanken brachte.

Guten Tag, Herr Doctor!" Mit diesem Grußtrat im selben Augenblick ein einfach, aber sehr an-ständig gekleideter Tourist, welcher seit einigen Minutender Unterhaltung am Tisch mir sichtlichem Interesse ge-folgt war, näher.

Dr. Peters blickte den Herrn überrascht an undnickte dann freundlich.

Guten Tag, mein lieber Wolfius! Was habenSie denn hier in Göttiugen zu thun? Wollen SieUmversitäts-Stndien machen?"

Herr Doctor haben immer einen Witz für michin Bereitschaft," erwiderte Wolfius, dessen geheimeDetectiv-Funciion der alte Herr nicht kannt", indem erihn für einen gewöhnlichen Agenten hielt.Ich habeeinen Auftrag für Herrn Julius Steiudorf, den ich hierin Göttingen treffen sollte. Sie haben ihn wohl nichtgesehen, Herr Doctor?"

Herrn Steiudorf? Gewiß habe ich ihn gesehenund auch gesprochen. Er ist jedoch mit dem vorigenZuge nach Moorkirch zurückgefahren."

Ach, das ist schade," sagte Wolfius im bedauern-den Tone,hätte ihn so gern gesprochen, er sollte näm-lich, wie es heißt, sich hier bei uns in der Nähe an-kaufen wollen, und da habe ich ein prachtvolles Gut fürihn in Vorschlag. Halb und halb ist mir die Geschichteauch nicht recht glaublich, da er mit seiner Braut jadas schönste Gut der Welt, das schuldenfreie Edenheim,erhält."

Allerdings," meinte der Doctor,es müßte dennsein, daß er sich von der Frau unabhängig machenund ein eigenes Besitzthum dagegen in die Waagschalewerfen will. Da könnte er am Ende nächstens seinväterliches Gut Noienhof zurückkaufen, da der armeMarbach wohl sterben wird."

Ach, was Sie sagen, Herr Doctor! Er mußwirklich sterben?" rief Wolfius mit ungeheuchelter Theil-nahme.Der prächtige, junge Herr, wie mir das leidthut. Wenn man doch den Thäter packen könnte, wel-