Ausgabe 
(1.6.1894) 44
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cher die ganze Gegend unsicher macht und so vieleSchandthaten auf dem Gewissen hat. Ich könnte denVerruchten mit kaltem Blute köpfen sehen."

Wollen ihn schon packen," sprach jetzt der Ameri-kaner , ingrimmig ausspuckend, dazwischen.Kenne denBurschen wie meinen Augapfel, ist mir diesmalentwischt, aber ich stelle ihn wieder, oder ich will ver-dammt sein."

Sie haben den wirklichen Mörder gesehen?"fragte Wolfius, dem eine leichte Nöthe als einzigesZeichen der Erregung in's Gesicht gestiegen war, mithalblauter Stimme.

^68, den wirklichen Mr. Prien, um desscntwillenich von Amerika herüber gekommen bin."

Dann sollten Sie lieber etwas leiser sprechen,"Meinte Wolfius,der Bursche könnte Freunde haben,welche ihn warnen. Weßhalb haben Sie ihn denn nichtgepackt, und wo ist er geblieben?"

Konnte ich vielleicht hinter'm Zuge herlaufen, derihn nach Moorkirch entführte? Dort treffe ich ihn, willseine Spur schon wiederfinden, hab' eine feine Nasedarin. Brauche den deutschen Detectiv nicht, der sichirgendwo verkrochen hat."

(Fortsetzung folgt.)

-»-I-*-«--

Passionsssiiel in Waal bei Bnchloe.

* Es ist vielleicht nicht allgemein bekannt, daß dieDarstellungen des Leidens und Sterbens des göttlichenHeilandes in Bayern oberstbehördlicher Genehmigung unter-worfen sind, und dennoch ist es interessant, das zu wissen.Ich weiß nicht, welche Motive für diese Einschränkungmaßgebend waren, aber ich bin der Meinung, daß einesolche Einschränkung, wenn der StaatSregierung an derHeilighaltung der Religion und dessen, was damit zu-sammenhängt, aufrichtig gelegen ist, das einzige Mittelist, eine ärgernißerregende Prosanirung des heiligenDramas hinianzuhalten. Es fehlt bekanntlich nicht anSolchen, welche die dramatische Darstellung der Passiondes Herrn überhaupt nicht als zulässig erklären, eine An-sicht, über deren Stichhaltigkeit eine Untersuchung anzu-stellen ich mich nicht für berufen halte; wieder Anderesagen, einzig allein Oberammergau sei dazu berufen, diePassion würdig darzustellen, ein Standpunkt, der schonein allgemeinerer genannt werden darf; mir aber erscheintzunächst als Haupterforderniß, daß bei derartigen Schau-stellungen die Unternehmer sich wenn nicht von religiösen,so doch zum Allermindesten von idealen Absichten leitenlassen und jedes Spckulationsgclüste ausgeschlossen bleibe,was man ja auch bei den Oberammergauern gelten lassenkann, insoferne man den abfallenden Gewinn lediglich alsnothwendiges Acquivalent für den großen Aufwand anZeit und Kosten betrachtet. Wenn nun der Theatervereinin Waal sowohl die ministerielle als die oberhirtliche Ge-nehmigung für Aufführung der Passion in seinem, fürdas profane Schauspiel wenigstens recht hübsch und zweck-mäßig eingerichteten, im Jahre 1886 an Stelle des abge-brannten neu erstandenen Schauspielhause erlangt, so darfman wohl voraussetzen, daß an den betreffenden hohenStellen die Intentionen dieses Vereins als löbliche er-kannt worden und daß man sich von dem Vereine ver-sah, daß er bestrebt sein werde, seine sich gestellte Auf-gabe in würdiger, der Heiligkeit des Gegenstandes ent-sprechender Weise zu lösen. Daß löbliche Intentionen vor-

herrschen, geht wohl schon aus dem Umstände hervor, daßdie ausschließlich dem Erwerbsstande angehörigen Dar-steller auf jede persönliche Entlohnung verzichten und daSNeinerträgntß dem Kirchenrestaurationsfonds zufließen soll.Daß das Bestreben nach Würdigkeit vorhanden ist, diesenEindruck machte mir trotz der nicht zu übersehenden kleinenMängel, die zum größten Theile in der etwas übereiltenEinstndirung und Vorbereitung begründet sind, die ersteAufführung ganz entschieden.

Mit allzuhohen Ansprüchen darf man freilich nichtnach Waal kommen, vor Allem muß man verzichten, Ver-gleiche mit Oberammergau zu ziehen. Das ist schon ausdem Grunde unzulässig, weil die einmal vorhandene Bühnetotal verschieden ist von jener dort. Der großen Vortheile,welche die Freilichtbühne sowohl in Bezug auf Erzeugungvon Stimmung als in Bezug auf perspektivische Wirkungvor dem geschlossenen, künstlich erhellten Theater voraushat, sind die in Waal von vornherein verlustig. KleineVerstöße und Mängel, welche in Oberammergau, weil derBeschauer weit weggerückt ist, kaum beachtet werden, fallenhier schon als sehr störende auf, was ich ebenso den Dar-stellern als den Zuschauern zu beherzigen geben möchte,letzter», um sie zu bestimmen, bei ihrer Kritik nicht dasunerläßliche Wohlwollen vermissen zu lassen, dessen jaauch ich mich bei Betrachtung des Waaler Passionsspielesbefleißigte.

Wer mit einem gewissen Wohlwollen nach Waal kommt, der wird dasselbe gewiß nicht unbefriedigt ver-lassen. Dazu kommt noch, daß der Flecken an sich schongelegentlich einmal eines Besuches werth ist. In einemgrünen und, wie mir geschienen, auch fruchtbaren, durchviele Ortschaften belebten Thale gelegen, mit weithin sicht-barer Kirche und stattlichem Schlosse, dieses dem fürstlichenHause von der Lehen gehörig, bietet derselbe mit seinenfreundlichen, zwischen Gärten zerstreuten Häusern einenanmuthigen, idyllischen Anblick. Wer die langgestreckte,von der klaren, frischen Singold durchrieselte Hauptstraßeentlang wandelt, kann mit einiger Phantasie sogar eineAehnlichkeit mit der Hauptstraße in Oberammergau heraus-finden, wenn er nicht an den dortigen malerischen Auf-putz der Häuser denkt. Die mitten im Flecken liegendeKirche, vom Thurme abgesehen ein rein gothischer Bau,bietet zwar kein archäologisches oder besonderes künstle-risches Interesse, weist aber einen recht hübschen Schmuckan der Neuzeit entstammenden gothischen Altären undGlasgemälden auf. Das fürstliche Schloß macht auch inder Nähe gesehen einen stattlichen und trotz oder vielleichtwegen seiner einfachen Architektur auch vornehmen Ein-druck. Der dasselbe umgebende stattliche Park, hinten durcheine schattige Kastanien-Allee begrenzt, von welcher ausein prächtiger Ausblick auf die Gebirgskette, ist einesFürstensitzes würdig. Das Theater liegt vor dem Ortedraußen, der Weg dorthin führt vorüber an dem starkübertäubten Schloßkeller, an heißen Sommertagen beifrischem Trnnke wohl ein recht angenehmer Aufenthalt.

Das Theater erinnert einigermaßen an jenes imSchießgraben zu Augsburg, nur ist es etwas größer undweist einen Vorbau und Unterbau aus Backsteinen auf.Beim Eintritte gemahnt sofort ein am Vorhänge ange-brachtes, mit weißem Linnen drapirtes Kreuz an denZweck, welchem das Haus zur Zeit dient. Es ist daSErstemal, daß darin Passion gespielt wird, obwohl akten-mäßig Nachweisbar in Waal schon Passionsvorstellmigenstattgefunden haben in den Jahren 1815, 1828, 1849,

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