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1875 und 1883. Daß die ersten Theatervorstellungen,welche unter Anleitung des Pfarrers v. Langen mantelschon Ende des vorigen Jahrhunderts in Waal stattge-funden, auch der Darstellung der Leidensgeschichte desHeilands gewidmet waren, ist mit Sicherheit anzunehmen.
Als Grundlage für die diesjährigen Passionsdar-stellungen, welche am Sonntag 20. Mai ihren Anfanggenommen, wurde der ältere vorhandene Text genommen.Der Umstand, daß dieser gerade nicht zu den besten ge-hört, sowie der weitere, daß bei der Neubearbeitung viel-fach über den biblischen Nahmen hinausgegangen wurde,daß überdies mehrere Hände an dem Ganzen herum-modelten, weil die erste Bearbeitung seitens der kirch-lichen Behörden beanstandet werden mußte, war fürdas Ganze natürlich nicht von Vortheil. Die dieeinzelnen Szenen einleitenden Prologe hat Herr Präpa-randenlehrer Otto Kaufmann in Landsberg verfaßt.Besonderer Schwung und Glätte ist diesen Versen nichtnachzurühmen, aber sie sind dem Verständniß des Volkesangemessen und halten sich genau an die biblische Dar-stellung. Da sie zudem von Frln. Anna Huber undFrln. Hilfslchrerin Viktoria Kollmann mit großemVerständniß und gutabgepaßter Klangwirkung vorgetragenwurden, so verfehlten sie nicht, Stimmung und Eindruckzu machen. Die Chöre wurden entlehnt von HeinrichFidelis Müller, Dechant in Amöneburg . Dieselben,in Verbindung mit lebenden Bildern schon unzähligemalaufgeführt, haben längst glänzend Probe bestanden. Sieerzielen ob ihrer äußerst gelungenen Harmonisirung, selbstmit wenigen Kräften vorgetragen, eine prächtige Klang-wirkung, dabei sind sie, ohne geradezu einen kirchlichenCharakter zu haben, dem Texte genau angepaßt. Da siezum Auswendiglernen ursprünglich nicht bestimmt warenund ziemlich geschulte Kräfte voraussetzen, so mag HerrLehrer Lohmer ein schönes Stück Arbeit bei der Ein-studirung aufgewandt haben, denn die Chöre gingen, ob-schon bezüglich einer feineren Nuancirnug noch Manchesgeschehen kann, mit einer Sicherheit, die wir in demselbenMaße auch der übrigen Ausführung gewünscht hätten.Gekleidet sind die Mitglieder des Chores, wie in Ober-ammergau, in griechisches Gewand, und ihr Auftreten istein würdiges, gemessenes. Trotz der erwähnten Müngel istdas Szenarium derart, daß, wenn Alles sicher klappt, was jauach ein paar vorläufig noch als Proben zu betrachten-den Vorstellungen der Fall sein wird, recht wohl eineeben so dramatische wie erbauliche Wirkung möglich ist.Besonderes Augenmerk hat die Regie noch auf die En-sembles zu richten. Vor Allem müssen die Gruppenbil-dungen noch natürlicher, ungezwungener werden, was aufder kleinen Bühne allerdings seine Schwierigkeiten hat.Was in dieser Beziehung aber geleistet werden kann, dashaben uns die Kraiburger gezeigt. Daß denen inWaal das Komödie-Spielen nichts Freuides ist, das läßtsich aus den Leistungen der meist auftretenden Schau-spieler wohl erkennen. Man sieht da Verständniß für denText, ziemlich routinirte Bewegung und bei Manchen so-gar ein recht schönes Sichhineinleben in die Rolle. Eszeigte sich das selbst noch bei Jenen, die mit dem Memo-riern noch nicht fertig geworden zu sein scheinen, wiebeispielsweise beim Darsteller des Kaiphas, der übrigensmerkwürdigerweise auch die größte Rolle hat.
Eingeleitet wird die Vorstellung durch ein Präludiumauf dem Harmonium, das auch zur Begleitung der Chöredient, und dessen Klänge auch die kurzen Pausen auszu-
füllen haben. Gespielt wird es von Herrn Lehrer Lohmer.Alsdann folgt ein Vorspiel, uns vorführend, wie PapstStephan I. in den Katakomben die Gläubigen zum Mar-tyrium ermuntert, hinweisend auf den Kreuzestod des Er-lösers, eine Szene, die nicht ganz ungeeignet ist, aufdas kommende erhabene Drama den Sinn hinzulenken.An das Geschaute anknüpfend, weist der Prolog auf Gol-gatha hin, die Zuschauer ermahnend, nicht zum Vergnügen,sondern der Erbauung halber die Szenen aus der Pas-sionsgeschichte zu schauen. Die erste derselben ist dieBerathschlagung des Synedriums über die Habhaftmachnngdes verhaßten „Nazareners". Da es hier sehr lebhaftzugeht und die priesterlichen Räthe ihrem Haß in denkräftigsten Tönen und Ausdrücken Lust machen, was sichja bei größerer Entfernung der Bühne von den Zu-hörern sehr gut machen würde, hier aber mehr den An-strich des Spektakelhnften annimmt, so gelangt man nichtso recht in Stimmung. Diese kommt erst bei dem leben-den Bilde, darstellend das hl. Abendmahl, welches, ohneUebertreibung gesagt, wunderschön gestellt ist, selbstredendunter Anwendung künstlicher Beleuchtungscffekte. Eigent-lich handelnd tritt Jesus zuerst auf dem Oelberge auf.Und ich muß sagen, daß schon die äußere Erscheinungmich sofort gefesselt hat. Der Darsteller, Herr Post-halter Paul Stark, nebenbei bemerkt eine vortheilhaftereGestalt als Hr. Mair in Oberammergau, versteht es,mit einer schlichten Würde und erhabenen Ruhe aufzu-treten, die nicht leicht angelernt werden kann, sondernaus der Individualität selbst hervorgehen muß. Dabeispricht er mit edlem, nie in's Theatralische verfallendemPathos. Und so wie er uns hier zum Erstenmale ent-gegengetreten, so hat er sich gehalten bis zum Schlüsse.Man darf mir glauben, mit solch einem „Christus"dürften auch die Oberammergauer sich sehen lassen. DenVorgang auf dem Oelberge muß ich überhaupt als dengelungensten der ganzen Ausführung bezeichnen. Erwürde noch mehr gewinnen, wenn der Engel mit demKelche nicht unmittelbar aus den Soffitten käme, waszu sehr au den mechanischen — überdieß nicht ganzgeräuschlosen — Vorgang erinnert. Es folgen nun dieHin- und Herführnngen des gefangenen Heilandes vordas Synedrium, Pilatus, Herodes und wiederum Pilatus,die, so nothwendig sie auch zur ganzen Sache gehören,doch den Fluß des Dramas hemmen. Ein erhebenderNnhepunkt dazwischen war das Bild von der Dornen-krönung. Jene Scenen, in welchen Judas handelndauftrat, waren dramatisch am belebtesten, da der Dar-steller derselben, Hr. Knappich, mit großer Lebhaftigkeitagierte. Er hat mir wenigstens mehr imponirt, als seinCollega von Oberammergau. Der Austritt vor demGcrichtshause des Pilatus mit der Verurtheilung wurderecht lebhaft gegeben. An die imposante Massenwtrkungvon Oberammergau, das Großartigste der ganzen dortigenPassionsdarstcllung, durfte man dabei freilich nicht denken.Hr. Baudrexl, Vorstand des Theatervereins, seinesZeichens Mctzgermeister, war ein stattlicher Pilatus. DieRolle schreibt ihm so ziemlich ein polterndes Auftretenzu. Das, was dort von ihm verlangt wird, zu moderiren,sei ihm an's Herz gelegt. Auf dem Kreuzwege begegnetuns zum ersten Male die Mutter des Herrn, hier eineedle Erscheinung, wiedergegeben durch Frln. TheklaWürstle. Sie findet sich in den tragischen Ton, wieich das bei Volksbühnen noch nie gefunden. Was obenvou dem Christusdarsteller mit Bezug auf Oberammergau