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außen her drohende Gefahr, und unbehelligt von derversammelten Volksmenge erreichten sie das Nathhaus.Groß war jedoch jetzt das Erstaunen der Geschlechter,als sechs Bürger mit dem Weber Haus Weiß, auchWizzig genannt, an der Spitze in die Amtsstube tratenund dieser die Anrede hielt, die Herren hätten für Lebenund Eigenthum nichts zu besorgen, wenn sie ihnen alsden Vertretern der Gemeinde das Regiment überlieferten.Ein Widerstand war unmöglich, und ohne blutigen Kampshatte das demokratische Element gesiegt. Es behauptete180 Jahre lang den Platz.
Ohne Verzug wurden alle Bürger mit Ausnahmeder Geschlechter in 17 Zünfte eingetheilt, und nach denKaufleuten nahmen die Weber die erste Stelle ein. DerZunftmeister Hans Wizzig trat in den Rath ein, erbekleidete das wichtige Amt eines Steuerherru und leistetebis 1383 bald als Altrath, bald als Baumeister derStadt gute Dienste. Kurz nach der Verfassungsänderungwar er einer großen Gefahr entgangen. Otto von Schwey-uingen, über die Neuerung erbost, wich aus der Stadt,schädigte sie in hohem Grade und wurde endlich mitseinen Gesellen gefangen. Um diese Zeit besuchte Wizzigmit feinem Schwager und dem Weber Ungeheuer einenMarkt in Bayern , und auf dem Heimweg sielen sie beiFriedberg in die Hände des Anhangs Schweyningeus,welcher sie zu dessen Befreiung auswechseln zu könnenhoffte. Glücklicher Weise machte Herzog Stefan vonBayern die drei Augsbnrger ledig, sonst hätte sie daSgleiche Loos getroffen, wie den gefangenen Ritter, welchender Rath als Friedensbrccher in Stiefeln und Sporenköpfen ließ.
Den zweiten Rang unter den Zünften durften dieWeber nicht blos wegen der großen Zahl ihrer Meisterbeanspruchen, sondern auch wegen der Vortrefflichkeitihrer Waaren, welche weithin eines guten Rufes sicherfreuten. Deshalb und weil das Gewerbe dem gemeinenNutzen sehr förderlich war, schon 1320 bildete das tslo-uönlli äo xaiiuis linsis — Abgabe von leinenem Tuch— einen großen Einnahmeposten, unterstützte es derRath kräftigst. Er sorgte für Maugen und Walken undbeauftragte den Bürgermeister, sobald die Weber mit derBarchet ausführen, ein Feld bereit zu halten, auf wel-ches kein Vieh getrieben werden durfte, denn vor 1416gab es noch keine ständige Bleiche. Das Hauptverdienstan dem Aufblühen des Handwerks konnten aber feineVorsteher, die Zunftmeister mit den Zwölfern, sich selbstzuschreiben. Nachdem sie 1389 von Konrad und UlrichJlsuug um 7000 Gulden ein Gebäude gekauft und sol-ches mit einem Aufwand von 121 Pfund Pfennig zumZunfthaus eingerichtet hatten, riefen sie daselbst die„Erschau" ins Leben. Diesem Gerichte.mußte ein jederWeber seine Arbeit zur Prüfung vorlegen, und fandendie Stimmirmeistsr sie völlig tadellos, so befestigten siedaran ein durch das Stadtwappen ausgezeichnetes Blei-siegel. Die Gewissenhaftigkeit der Vertrauensmännerverschaffte den auf solche Weise gestempelten Waaren inder Handelswelt ein solches Ansehen, daß sie ohne weitereUntersuchung der Käufer auf Faüenzahl und Länge vonHand zu Hand gingen, in das Ausland und über dasMeer wanderten und im Tauschverkehrc das Geld ersetzten.Ein so werthvollcr Kredit durfte daher nicht angetastetwerden, weshalb der Versuch, die Schau zu täuschen, alstodeswürdigeS Verbrechen beurtheilt wurde. Hans Stopfer,welcher 1531 einige Weber verführte, die Schaumeister
zu hintergehen, sollte demgemäß enthauptet werden, undnur wegen seiner frommen Kinder wurde er auf derenKosten zu ewigem Gefängnisse begnadigt.
Geblendet durch einzelne glückliche Erfolge, drängtensich stets viele Bürger und zugewanderte Gesellen in dieZunft, denen die Aufnahme nicht erschwert war, wennsie die Heirath mit einer Mciflers-Wiitwe oder -Tochterbeabsichtigten. Ein solcher außergewöhnlicher Zuwachsmußte Bedenken erregen, zeitigte aber keine vernünftigeAbwchrmaßregel. Bei der 1536 vorgenommenen Zählnugfanden sich in allen 17 Zünften 3804 Meister, darunterbei den Webern 1513, demnach seit 1466 eine Steigerungüber das Doppelte. 1612 umfaßte die Weberznnft anMeistern, deren Weibern, Kindern, Knappen und Ehe-halten 16,932 Köpfe, was den dritten Theil der ganzenEinwohnerschaft überstieg. Das Jahr darauf arbeitetenmehr als 2000 Meister mit 4500 Gesellen auf 3409Webstühlen und legten 480,000 Stücke der Schau vor.Daß unter dieser Menge immer mitunter Leute waren,denen die genügende mechanische Fertigkeit und ein aus-reichendes Betriebskapital fehlte und denen wegen schlim-mer Charaktereigenschaften besser die Zunftstube ver-schlossen geblieben wäre, ist nicht befremdend. Eben-sowenig, daß Geschäftsstockungen, rasches Steigen derRohprodukte und der nothwendigsten Lebensrnittel, Kriegs-gefahren und der Ausbruch pestartiger Seuchen sofortzahlreiche Familien in diesem Kreise brodlos machten, undweil von den Behörden, für jedes Unglück haftbar erklärt,nicht alsbald Hülfe geleistet werden konnte, so ließen sichdie Unzufriedenen zu thörichten, die öffentliche Ruhe bis-weilen gefährdenden Handlungen hinreißen. Bei der-artigen Vorgängen spielte aber auch kecke Selbsthülfeund gewaltthätiger Trotz gegen obrigkeitliche Anordnungeneine Hauptrolle. Die Chroniken erzählen davon mancheBeispiele:
„^.nno v. 1388 zerstörten die Weber des BischofsPfalz mit der Dcchanei und sein Münzhaus auf demPerlach, weil er bei Füssen ihre Waaren hatte hiuwcg-nehmeu lassen.
„1398 am St. Aegiditag griffen die Weber mitden Schuhmachern, Schüfflcrn, Schmieden und Bäckerndas Rathhans au und erzwängen die Aufhebung desWein- und Bier-Ungclds; wurde bald wieder eingeführt.
„1466 gab es die gleichen Händel, und die StädteConftanz, Nürnberg und Ulm brachten zwischen dem Rathund den 749 Webermeistern einen Vergleich zu Stande.
„1491 wegen der aus Preußen eingeführten Tücherentstanden große Unruhen, welche der Rath bewältigte,und er ließ dem Weber Matthäus Sunderer als demRädelsführer den Kopf abschlagen.
„1513. Der Aufstand der Niederländer gegenSpanien und die Wirren in Italien trieben die Baum-wollpreise auf eine unerschwingliche Höhe, wodurch soviele Weber verarmten, daß sie vorzogen, fremde Kriegs-dienste anzunehmen und ihre Familien den Bcttelherrendaheim aufzuhalsen.
„1569 wurde die Noth so groß, daß 1700 ver-bürgerte HauSarme, davon ein Drittel aus der Weber-zunft, vom Almosen lebten.
„1524 predigte der Minoritcnmöuch Johann Schil-ling in der Barfüßerkirche über die Lukas-Evangelien,und bei dem Kapitel 3 Vers 7 „ihr -Otterngezüchtn. f. >m" wagte er so derbe Anspielungen auf die regie-renden Herren, daß sie für gut hielten, in Uebereinstimmung