346
Der Ausbruch des Vulrans Calbueo.
Ueber den heftigen Ausbruch dieses chilenischen feuer-speienden Berges entnehmen wir einem uns freundlichstzur Verfügung gestellten Briefe eines deutschen Lands-mannes in Puerto Montt (Chile) folgende Einzelheiten.Der Bericht wird einen um so größeren Theil unsererLeser interesstren, wenn wir beifügen, daß in PuertoMontt und um den See Llanquihue herum eine ausrund 40,000 (meist katholischen) Deutschen gebildete An-siedelung besteht, deren Mitglieder größtentheils ausWestfalen stammen, und die durch Jesuiten der deutschenOrdensprovinz pastorirt werden.
Der Aschenregen des Calbuco fiel einige Male aufeine Ausdehnung bon 200 Kilometer im Umkreise undbedeckte die Erde mit einigen Millimeter bis zu einemhalben Zoll mit Aschensand. Ein großer Schlamm-Ausbruch im letzten April riß in den Bergabhang ein
in weiterer Entfernung von 8 bis 40 Meilen feinerAschensand oder leichte Aschenflöckchen wie dünner Schnee.Die Luft wird von dieser Asche getrübt, das Athmen fürdie Lungen beschwerlich, und besonders die Augen werdenschmerzhaft gereizt. Beim Fallen der Asche weroen dieDächer und Pflanzen allmälig weiß, und wer ausgeht,sieht seinen schwarzen Hut und die Kleider bald mitweißer bzw. grauer Asche überstreut.
Das Brüllen des Vulkans bei Ausbrüchen ist schrecklich;in der Nähe bis auf vier Meilen zittern die Häuser undder Boden; in weiterer Ferne bis auf 12 und 20 Meilensind die Donner und unterirdischen Getöse mit Geknatterund Rollen vernehmbar. In den Wolken der Rauch-säule, welche sich ein Mal bis zu 11,000 Meter erhob,entwickelten sich mitunter Gewitter, d. h. elektrische Er-scheinungen mit Blitz und Donner. Diese Gewitter abersind verschieden von der unterirdischen Feuerthätigkeit; auch
WWW
-.i
WÄLZ
Bett von 100 Meter Breite und wälzte haushohe Fels-blöcke mit zerknickten Riesenbäumen durch die Ebene inder Richtung der menschlichen Wohnungen, welche er aberverschonte. Rauch und Dampf steigt aus vielen Kraternauf. Gewöhnlich ist die Thätigkeit des Vulkans mäßig.Die außergewöhnlichen Ausbrüche fanden bis zum 28.November 1893 alle zwei bis vier Wochen statt undbestanden in einer majestätischen Rauchsäule von einerDicke und Höhe, wie nur ein Vulcan sie hervorzubringenim Stande ist. Die Form der Rauchsäule ist einemoffenen Schirm ähnlich, wenn Windstille herrscht; istWind, so wird die Masse geneigt; zuweilen zieht sich dieNauchwolken-Säule schwarz bis an den fernen Horizonthin. Die Farbe der aufsteigenden Säule , ist weiß (reinerWafferdampf) oder gelb und bläulich (Wasierdampf mitAsche gemischt). Am Vulcankegel fallen glühende oderkalte Auswürflinge (Steine), in mittlerer EntfernungBimsstein, Basaltsplitter und feiner scharfer Aschensand;
fällt bei diesen Gewittern kein Tropfen Regen. Der Aus-bruch am 5. August des vorigen Jahres war so heftig,daß die Gebirgsbewohner im Relonkavi wegen der furcht-baren Blitze und des ununterbrochenen Donners glaubten,das Ende der Welt nahe heran. Sie meinten, die ganzeCordillera, dieser gewaltige Gebirgsstock, stürze zusammen.Der Ausbruch am 4. October v. I. war nach einerandern Richtung so gewaltig, daß die Bewohner in Ent-fernung von vier Meilen am frühen Nachmittag (Octoberist Sommerszeit) in stockfinstere Nacht gehüllt wurdenund die Asche derart das Gras und die Büsche über-schüttete, daß das Vieh in ferne Gegenden getrieben werdenmußte, um Futter zu finden. Das Vieh, welches mitdem Grase die Asche hineinfraß, wurde krank, magerteab und starb in großer Anzahl weg. Die Preise desViehes fielen stark, und doch mochte Keiner kaufen.
Der größte und majestätischste Ausbruch war amVorabend des St. Andreasfestes (29. Nov. 1893). Um