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71/4 Uhr Morgens (es war ein sonniger Sommer-Morgen)verließ ich das Zimmer. Unten im Hausflur sagte manmir: „Sehen Sie den Vulcan!" Ich schaute durch'sFenster nach Osten (der Vulcan liegt acht Stunden weit).Das halbe Firmament war mit weißen und grauenWolkenmassen, welche unaufhaltsam sich weiter stießen,überzogen. Ich ging zur h. Messe. Nach Danksagungund kurzem Frühstück eilte ich in den Garten auf unsernHügel. Die Zimmerleute auf dem Hofe konnten kaumnoch arbeiten. Es war ^/z9 Uhr. Oben auf dem Hügelist Rundsicht nach derganzen Windrose. EinDrittel des Firma-ments nachSüden warnoch frei, zwei Drittelschwarz. JmHafen lagder Dampfer von Val-paraiso vorAnker. Ausden schwarzen Wolkengrollte der Donner,zuckten Blitze. Zuebener Erde war Süd-wind, in den obernLuftschichten Nordost-wind. Um 9 Uhr riefmich die Hausglockezur Pforte. Vor derDunkelheit konnte ichnur die nächsten Ge-genstände sehen. DieStraßen-Laternenhatte man angezündet.
Die elektrischen Lam-pen des Postdampfersleuchteten schwach vomHafen herüber; dennschon fiel Asche. Untenim Hause fand ichLicht in allen Zim-mern.
Ich eilte wieder aufden Hügel zurück, dakein Ort geeigneterwar, diese großartigeNatur-Erscheinung zubeobachten. Es war91/4 Uhr: der letztehelle Fleck am süd-lichen Horizont ver-schwand.
Von den Bäumenum mich, dem Erd-boden, auf dem ich saß,dem Glockenthurm,welcher dicht hinter mir sich erhebt, ja von den Laternen sahich nichts mehr. Da hielt ich die Finger beider Hände dichtvor die Augen, um den Grad der Dunkelheit zu prüfen.Kein Schimmer. Es war stockfinster. Ich saß zusammen-gekauert mit dem Rücken gegen den Aschenregen, überdem Kopf unter dem Hut ein Taschentuch herabhängend,um die Augen und den Mund vor der beizenden Aschen-Lauge zu schützen. Von ^10 bis 11 Uhr saß ich da.Die Natur war still; still die Stadt, selbst die Thierweltregte sich nicht. Wie lange wird diese Finsterniß dauern?
Ralhhaus in Kindau (Nordseite).
Keine Berechnung ist möglich. Vielleicht wird sie nacheinigen Stunden vergehen?
Da läutet plötzlich die Kirchenglocke. Was ist das?Ich ahnte es. Das wird eine Betstunde sein. Und sowar es. Man hatte beschlossen, das Volk in der Kirchezum Gebet zu versammeln. Ich blieb auf dem Hügel;denn man wird noch einmal läuten. Nach 11 Uhr hobich meine Hand vor die Augen, es schien mir, als machesie einen schwachen Eindruck auf die Sehnerven. Ichhatte mich nicht getäuscht; alsbald ertönte ein Hahnen-schrei und aus allenHöfen stimmten dieHähne ein. Die Dun-kelheit nahm ab. Um11^/4 Uhr läutete dieGlocke zum zweitenMal; das Volk kamzahlreich zur Kirche.— Vor dem Aller-heiligsten wurde beiKerzenschein gebetet.Um 12 Uhr konnteman ohne Licht lesen.
Die Natur erwachtein einem grauenTrauergewande. DieMenschen wandeltenalle wie Müller um-her. Der weiße Aschen-staublageinenViertel-Centtmeter dick, anandern Orten ein biszwei Centimeter. Nochzwei Tage nebelte esfeine Asche. Möchtedoch einTropfenRegenkommen, um die Luftzu reinigen und dieNatur abzuwaschen!Doch umsonst wardieser Wunsch. DasTrauerkleid sollte vieleTage liegen bleiben.
Was war nun derEindruck dieser Kata-strophe auf die Men-schen? Welches warihr Umfang und ihreAusdehnung? Wel-ches die Ursachen undWirkungen ? Der Ein-druck war zunächst eingewaltiger,aber stiller.Mit tiefer Finsternißumschloß eben der allmächtige Schöpfer alle lebendenWesen am hohen Sommertage. Die Thiere zunächst,so erzählten nachher die Landleute, wurden unruhig; dieGänse kehrten heim, verwirrt blökten die Schafe, dieVögel piepten. Von den Menschen weinten einige, anderesagten: das jüngste Gericht kommt heran.
Der Umfang und die Ausdehnung des Ausbruchsist, wie sich aus den Berichten ergibt, groß gewesen. Dievolle Finsterniß hat ungefähr 40 Quadratmeilen Landeseingehüllt, theilweise Finsterniß vielleicht weitere 40 Qua-