Ausgabe 
(8.6.1894) 46
Seite
349
 
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^L46.

Ireitag, den 8. Juni

18S4.

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen ZnstilutS von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler).

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Tante Kanna's Oeßeimniß.

Original-Noman von E. von Linden.

(Fortsetzung.)

Armgard Holten befand sich in ihrem Hause inMoorkirch. Hierher war sie geflüchtet vor der qual-vollen Unruhe ihres Innern, vor einem Schreckgespenst,das sie verfolgte, seitdem Doctor Peters die Vollmachtzum Handeln von ihr erhalten hatte. Sie fürchtete sichvor ihren eigenen Gedanken, da die alten Zweifel wie-der Besitz von ihr genommen hatten und sie unablässigmit der Frage peinigten, ob sie recht daran gethan, einemErtrinkenden den letzten Strohhalm der Rettung zu ent-ziehen, ihn angesichts des Hafens in's stürmische Meerwieder hinauszustoßen?

Das gemordete Kind schien die Hände nach ihrauszustrecken, um sie festzuhalten und an ihre Pflichtzu mahnen. Ihre ganze Willenskraft und klare, kalteLebensanschauung, welche sie sich so schwer erkämpfthatte, waren von ihr gewichen und nur die Schwächeund muthlose Resignation zurückgeblieben.

Sie wunderte sich über die eigene jäh aufgeflackerteThatkraft, mit welcher sie die Vollmacht geschrieben undsich urplötzlich zum Handeln aufgerafft hatte, und ent-floh nach der Stadt, von dem unbestimmten Angstgefühlgetrieben, daß jede nächste Stunde ihr etwas Entsetz-liches bringen müsse. Er würde kommen, um Rechen-schaft von ihr zu fordern für ihren Wortbruch, derMann, den sie einst als Kind so leidenschaftlich geliebtund vor dem sie jetzt ein Grauen, eine unsägliche Furchtempfand.

Auch hier in der Stadt mußte er sie finden, seinerster Gang würde doch ihrem Hause gelten. Wohinsollte sie vor ihm flüchten?

In's Hospital zu Taute Hanna!" sprach sieunwillkürlich diesen rettenden Gedanken laut und ent-schlossen aus, ohne zu bemerken, daß die alte Wirth-schaftet sie bekümmert beobachtete und sich besorgt imZimmer zu schaffen machte, um in ihrer Nähe zu sein,da sie ihr Fräulein noch für recht krank hielt.

Die plötzliche Energie Armgard's beruhigte sie einwenig, sie brachte ihr geschäftig Hut, Handschuhe undSonnenschirm und bemerkte zu ihrem Manne, daß dasFräulein recht merkwürdig seit ihrer Verlobung gewor-den sei, was dieser sehr natürlich fand, da die alte

Liebe, welche so lange eingerostet gewesen sei, nun einevieldollere Confuschon" bei einem Frauenzimmer an-richten thäte.

Armgard schritt in der gewohnten graziösen Haltungdurch die Straßen dem etwas entlegenen Krankenhausezu. Man blickte der anmuthigen Gestalt nach, grüßtevielfach und machte seine Glossen über die verliebteErbin, welche mit ihrem Reichthum so lange auf denungetreuen Liebsten gewartet und sich endlich noch zumGespött der Stadt gemacht hatte. Man gönnte ihrdiesen Mann von Herzen, der sie doch nur ihres Geldeshalber jetzt heirathe, und verurtheiltc sie, daß sie nichteinmal soviel Anstandsgefühl bewahrt und das Trauer-jahr um das so schmählich gemordete Kind innegehal-ten habe.

Armgard hörte glücklicherweise nichts von diesemUrtheil, anscheinend ruhig und stolz schritt sie dahin,freundlich die Grüße erwidernd. So gelangte sie unan-gefochten in's Krankenhaus, wo der Arzt sie freundlichbegrüßte und sie sofort auf ihre Bitte zu Tante Hannaführte.

Sie hat heute einen besonders guten Tag, zeigteine erfreuliche Aufmerksamkeit für die Außenwelt undnimmt merklich an körperlichen Kräften zu," sagte derArzt, sie die Treppe hinaufgeleitend.Gehen Sie dortnur hinein, mein gnädiges Fräulein, Tante Hanna sitztin ihrem Lehnstnhl am Fenster."

Armgard dankte ihm und öffnete behutsam dieThür. In dem freundlichen Zimmer duftete und blühteein reicher Blumenflor, da man von allen Seiten derguten Tante Hanna die schönsten Sträuße sandte, unbe-kümmert, ob sie sich daran erfreuen konnte oder ob ihrAuge theilnahmlos darüber hinstreifte. Dankbare Herzenhatten das Bedürfniß ihrer Liebe für die Greisin Aus-druck zu geben und wären unsagbar glücklich gewesen,hätten sie ahnen können, daß Tante Hanna bereits dieNähe ihrer Lieblinge empfand und ihr Blick mit einemsinnenden Ausdruck auf den Blumen haftete.

Die Wärterin erhob sich bei Armgard's Erscheinenund deutete lächelnd aus die Kranke, deren Stuhl dichtan das offene Fenster gerückt war, damit ihr der volle,ungehinderte Ucberblick des blühenden Gartens zu Theilwurde. Die Aerzte hatten die Beobachtung gemacht,daß die frische Luft und der Anblick der Blumen injeder Hinsicht belebend auf sie einwirkten, und sich des-halb veranlaßt gesehen, dieses Heilmittel bei dem an-