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haltend sonnigen Wetter in unbeschranktester Weise an-zuwenden.
Armgard trat mit freundlichem Kopfnicken gegendie Wärterin rctsch zu Tante Hanna, die ihr langsamdas bleiche Gesicht zuwandte und sie forschend anblickte.
„Grüß' Gott, Tanlchen," sagte sie, sich zu derkleinen Gestalt niederbeugend und ihre Stirn küssend,„hier ist's schön und stillbehaglich bei Ihnen."
Die Greisin lächelte ihr zu und schien sich aufihren Namen zu besinnen.
„Bleiben Sie eine Weile, Fräulein?" fragte dieWärterin, „ich habe etwas zu besorgen."
„Gehen Sie nur, meine Liebe, Tante Hanna istgut bei mir aufgehoben."
Die Wärterin verließ das Zimmer.
„Nun, Tantchen," fuhr Armgard, die Hand derKranken zärtlich streichend, fort, „strengen Sie IhreGedanken an, wer bin ich?"
Die Greisin tastete sich unruhig über die Stirn,blickte sie wiederholt an und sagte traurig: „Ich kennedas Gesicht, ja, ja, ach, Du bist die gute Arm— nein,nun schiebt sich wieder etwas vor."
„Doch, Tantchen, Sie sind auf dem rechten Wege,nur weiter. Sie sagten — Arm—"
„Es ist ja zu, Kind, — die Namen sind mir ver-schlossen, — ich kenne ja auch den schrecklichen Mann,aber seinen Namen weiß ich nicht mehr."
„Welchen schrecklichen Mann, Tante Hanna?" fragteArmgard forschend.
„Tante Hanna bin ich, — den Namen weiß ich,— aber den andern, — es war im Feuer, ich sah'sja deutlich. — Sieh' da, da," setzte sie plötzlich, sichmit unnatürlicher Kraft erhebend, hinzu, indem sie mitdem Zeigefinger der Rechten in den Garten hinaus-deutete, „dort geht er, der schreckliche Mann mit derMaske, welcher mit dem Hammer mich traf, sieh' hin,Armgard Holten, — es ist der Mensch, welcher Dichverrieth, — Julius Steindorfl"
Sie sank mit einem Seufzer ohnmächtig zurück,während Armgard, selber mit einer Ohnmacht ringend,nicht im Stande war, ihr zu Hülfe zu kommen, son-dern, sich wankend an der Lehne des Sessels haltend,mit entsetztem Blick in den Garten hinausstarrte, wo inder That Julius Steindorf sich befand. Hatte dieKranke gefiebert oder eine gräßliche Wahrheit ausge-sprochen? — Das Letztere drängte sich ihr gewaltsamauf, da Tante Hanna ihren Namen und damit die Er-innerung wiedergefunden beim Anblick jenes Asannes,dem sie sich verlobt hatte. —
Eine tödtliche Angst überfiel sie, in ihrem Gehirnschien eine tobende Blutwelle wie ein Sturm zu brausenund zu rauschen, sie sah nur noch undeutlich, wie Stein-dorf mit einem Gartenarbciter sprach, und sank mit einemwilden Aufschrei bewußtlos anf den Boden nieder.
In diesem Augenblick trat die Wärterin, welcheden Schrei draußen gehört, erschreckt ein. Ohne eineAhnung dessen, was geschehen, klingelte sie um Hülfe,worauf eine andere Wärterin herbeieilte, mit deren Bei-stand Tante Hanna in's Bett geschafft und Armgardin den Lehnstuhl gehoben wurde. Dann riefen sie denArzt, welcher der Wärterin einen Verweis wegen deseigenmächtigen Verlassens der ihrer Obhut anvertrautenKranken ertheilte und Armgard durch belebende Mittelrasch wieder zum Bewußtsein brachte.
„Bringen Sie der Dame ein Glas Wein!" befahler sodann, sich an Tante Hanna's Lager begebend, wodie Sache, wie er sagte, schlimmer aussah, da er einenSchlaganfall befürchtete. Zum Glück bewahrheitete sichdieses nicht, auch Tante Hanna kam wieder in's Lebenzurück und begann zu seinem Erstaunen sofort damit,ihre Augen unruhig umherwandern zu lassen, ihn dannmit einem seltsamen Ausdruck anzuschauen und die Fragean ihn zu richten, ob sie lange geschlafen habe.
„Nein," versetzte der Arzt, „Sie waren ein wenigohnmächtig geworden, Tante Hanna, Sie und FräuleinArmgard Holten, welche sich gerade bei Ihnen befandund auch noch recht schwach zu sein scheint. Vielleichthaben die Blumen einen zu starken Duft für IhreNerven."
Die Kranke sah unruhig vor sich hin.
„Ich habe geträumt," sprach sie leise, „sah denschrecklichen Mann mit der Maske und wußte auch seinenNamen. Nun ist alles wieder dunkel in meinem Kopfe."
„Ja, Tante Hanna, Sie haben sicherlich geträumt,"beruhigte sie der Arzt, „und müssen jetzt schlafen."
Die Wärterin mußte ihr ein Getränk mischen, dassie willig nahm und dann wie ein gehorsames Kind dieAugen schloß.
Armgard Holten saß in dem hohen Lehnstuhl undsah und hörte Alles wie im Traum, bis der Arzt sichwieder zu ihr wandte.
„Fühlen Sie sich gestärkt genug, mein Fräulein,das Zimmer zu verlassen?" fragte er, besorgt ihrenPuls fühlend.
„Herr Steindorf ist unten," meldete ein Mädchen,„er läßt anfragen, ob Fräulein Holten wieder wohlgenug sei, mit ihm nach Hanse zurückzukehren."
Aruigard blickte den Arzt an.
„Ich fühle mich noch zu schwach dazu," sagte sie,„möchte aber eiuige Worte mit Herrn Steindorf sprechen.Haben Sie vielleicht auf fünf Minuten ein Zimmerdisponibel, Herr Doctor?"
„Ich biete Ihnen das meinige an, gnädiges Fräu-lein!" versetzte der Arzt, ihr achtungsvoll seinen Armreichend, welchen sie, sich rasch erhebend, ohne Zögernannahm und mit ihm das Krankenzimmer verließ.
„Ich werde jetzt Herrn Steindorf, den ich vomAnsehen kenne, selbst benachrichtigen und hierherbringen,"setzte der gefällige Arzt, sich verbeugend, hinzu, indem erseine Zimmerthür öffnete und sie mit einer höflichenBeweggng zum Eintreten einlud.
Armgard raffte jetzt ihren ganzen Muth zusammen,um den Anblick des Entsetzlichen zu ertragen. Sie er-wog bei sich, daß es strafbar sei, das Wort einer geistigGestörten ohne Weiteres für Wahrheit zu halten, undwar entschlossen, sich jetzt die Gewißheit zu verschaffenum jeden Preis. Ein Plan war wie ein' Blitzstrahl
durch ihr Gehirn geschossen, und dann?-Wenn
Tante Hanna wahr gesprochen, sollte sie ihn dem Richterüberliefern? Sie hatte keine Zeit mehr, sich diese furcht-bare Frage zu beantworten, da im selben Augenblickgeklopft wurde und Julius Steindorf eintrat.
Armgard wollte sich entschlossen aufrichten, dochzitterten ihre Kniee so heftig, daß sie sich wankend auf'sSopha niederlassen mußte.
„Theuerste!" rief Steindorf, auf sie zueilend undsofort vor ihr auf die Kniee niedersinkend, „ist es dennwahr, was jener Doctor mir gesagt? Kann es möglich