Ausgabe 
(8.6.1894) 46
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sein, daß Deine Hand das Abscheuliche niedergeschrieben,was uns trennen und mich vernichten soll?"

Diese theatralischen Worte beseitigten Armgard'sFurcht und Schwäche und erfüllten sie mit Widerwillenund Abscheu.

Stehen Sie auf, mein Herrl" sprach sie kalt,ichhabe mit Ihnen nur wenige Worte zu reden."

Ueberrascht erhob er sich, ein unruhiges Gefühlüberkam ihn, und stechend hefteten sich seine Augen aufihr bleiches Antlitz, das in diesem Moment den früherenAusdruck ruhiger Entschlossenheit und Würde wieder er-halten hatte. Sie senkte den Blick und bemerkte aufdem vor ihr stehenden Tisch eine spiegelblanke Scheere,welche einer daneben liegenden Verbandtasche entnommenzu sein schien.

Zuerst möchte ich Sie bitten," begann sie, dieScheere ergreifend,mir einen krankhaften Wunsch, eineLaune oder Grille, wie Sie es nennen mögen, zu er-füllen."

Von Herzen gern, theuerste Armgardl" erwiderteer mehr erstaunt als unruhig.

Ich finde, daß der Kinnbart Sie ganz abscheulichentstellt," fuhr sie rasch mit fester Stimme fort,undbitte Sie, denselben mit dieser scharfen Scheere sofortwegzuschneiden."

Steindorf, der eher auf alles Andere als auf einsolches Ansinnen gefaßt war, wurde bleich bis an dieLippen und trat dann mit einer drohenden Bewegungauf sie zu.

Das ist einfach eine Tollheit, mein Fräulein!"stieß er heftig hervor.

Auch Armgard war'-'noch blässer geworden, ihr Ge-sicht glich einer Todtenmaske,- während ein eisiger Schauerdurch ihre Adern rieselte.

Sie wollen meinen Wunsch nicht erfüllen?" fragtesie mit Anstrengung,fürchten Sie vielleicht einen rothenStrich?"

Verdammt sei dieses Wort," knirschte er. Dannlachte er laut auf.In diesem Hause scheint Ihr Ver-stand gelitten zu haben, meine Theuerste! Sie sindkränker, als Sie selber es ahnen. Ich will den Arztbenachrichtigen."

Noch ein Wort!" gebot Armgard, sich erhebend,ich will Ihre Anklägerin nicht werden. Doch Wen Siesich, Tante Hanna hat ihr Gedächtniß wieder''erlangtund wird den Namen des Mörders und Diebes nennen,welcher in jener Eewitternacht sie mit einem Hammerniedergeschlagen hat. Ich will nicht fragen, wer denMann und das Kind im Hohlwege erschossen und dasAttentat im Gebirge"

Sie brach ab und starrte ihn an, wie er mit erd-fahlem, verzerrtem Gesicht beide Hände gegen sie ballteund sich der Thür zuwandte. Dann sah sie nichtsmehr, da ihr Bewußtsein geschwunden war.

» *

Steindorf hatte den Arzt benachrichtigt, daß Fräu-lein Holten seiner bedürfe, und sich dann mit ernstemAntlitz und der gewohnten eleganten Haltung ohne Eileentfernt. Als er jedoch aus dem Bereich des Kranken-hauses war, beschleunigte er seine Schritte, um nach demHolten'schen Hause zurückzugelangen, wo Stallung genugfür sein Pferd sich befand.

Haben der Herr das Fräulein gefunden?" fragte

die alte Frau Lorenz, welche ihm mitgetheilt, wohinArmgard sich wahrscheinlich begeben habe.

Ja, sie ist noch im Krankenhause," erwiderte er,war unwohl geworden."

Der alte Hausmeister mußte sein Pferd vorführen,während er eiligst ein Glas Wein trank, dann einenBlick auf seine Uhr warf und fortritt.

Der Herr Steindorf hat's ja schrecklich eilig,"meinte der Alte,was mag dem passirt sein?"

Unser armes Fräulein ist unwohl geworden, weß-halb ging sie auch nach dem Krankenhause? MußtDich doch erkundigen, Vater."

Ei, Du lieber Gott, da will ich ja gleich hin-gehen!" rief der Alte erschrocken,gieb mir meine Mütze, Mütterchen!"

Er ging nach dem Krankenhause, wo ihm die nie-derschmetternde Mittheilung wurde, daß Fräulein Holtengefährlich erkrankt und an eine Uebersiedclung nachihrem Hanse oder gar nach Edcnheim gar nicht zudenken sei.

Während Steindorf sein Pferd zu einer so rasen-den Eile anzutreiben suchte, daß die auf der Landstraßeihm begegnenden Leute entsetzt zur Seite wichen, alsstürme der leibhaftige Gottseibeiuns an ihnen vorüber,brauste ein Bahuzug heran, welcher sein Verderben mitsich führte.

Er ließ, um sich und dem schaumbedeckten Thiereeinige Augenblicke Erholung zu gönnen, dasselbe inSchritt fallen, zog die Uhr und starrte erschreckt aufden Zeiger.

Der Zug muß bei der vorletzten Station sein,"murmelte er mit einem tiefen Athemzug und horchtedann aufmerksam nach einem fernen Ton. Nichtig, seingeschärftes Ohr vernahm das Klappern der Räder, jeneneigenthümlichen Klang, welcher bald lauter, bald leiseraus weitester Ferne sich schon bemerkbar macht. DerZug fuhr der Stadt zu, hatte somit die letzte Stationbereits hinter sich.Bah," murmelte Steindorf wieder,sich die Stirn trocknend,der fährt nach der Stadt undder Andere"

Er versetzte dem Noß einen so heftigen Schlag,daß es einen Seitensprung machte und dann wie tolldavonstürmte.

Von der vorletzten Station her näherte sich einBauern-Eespann dem Gute Edenheim. Ein Herr saßneben dem Knechte, welcher ihn fuhr. Eine Viertel-stunde von dem Herrenhause entfernt ließ der Herrhalten, gab dem Knechte ein Trinkgeld und schritt zuFuß seinem Ziele zu, während der Wagen wieder nachHause fuhr.

Der Fremde ging auf Umwegen näher und fragteeinen daherkommenden Arbeiter, ob die Herrschaft zuHanse sei.

Das Fräulein ist nach der Stadt."

Dann ist Herr Steindorf, ihr Verlobter, vielleichtanwesend?"

Nee, der war schon da, ist aber vor zwei oderdrei Stunden auch nach der Stadt geritten."

Mit dem Fräulein?"

Nee, ohne das Fräulein."

Der Herr dankte und ging jetzt geradeswegs aufdas Herrenhaus zu, wo er eine Unterredung mit MamsellEvers hatte.

Wenn Sie warten wollen," bemerkte sie schließ-