Ausgabe 
(8.6.1894) 46
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ltch,so können Sie so lange tn's Wohnzimmer treten,das Fräulein muß doch endlich zurückkommen."

Und dann wird Herr Steindorf sie jedenfallsherausbegleiten"

Na, das wird er sich wohl nicht nehmen lassen."

Dann werde ich mir erlauben, so lange in denGarten zu gehen," sagte der Fremde höflich.

Wie Sie wünschen, mein Herr! Gehen Sienur links um jene Ecke, dort finden Sie eine offenePforte. Herr Steindorf wird sicherlich mit hierher-kommmen," setzte sie hinzu,er hat ja unser bestesPferd genommen, das er wohl halb zu Tode gehetzthat. Der Gärtner hat ihm vom Thurme aus nach-geschaut."

Sie schwieg plötzlich und ärgerte sich, daß ihr derGroll so unvorsichtig die Zunge gelöst hatte. DerFremde verzog keine Miene, er schlenderte langsam umdie bezeichnete Ecke und betrat den schönen, in muster-hafter Ordnung gehaltenen Garten, wo er den altenGärtner noch beim Beziehen fand.

(Fortsetzung folgt.)

--SSWSk--

Die Angsburger Weber zu Reichsstadt Zeiten.

(Schluß.)

Am meisten beunruhigte die nicht enden wollendeNoth der Weber die Herren der Deputation und deSRathes, und wenn es diesen auch nie am guten Willenzu helfen fehlte, so waren sie in der Wahl der Mittelnicht immer glücklich. Verfügten sie, daß ein Meisterhöchstens auf vier Stühlen wirken dürfe, damit die Be-stellungen auf alle Meister sich vertheilen, so klagtendie tüchtigen, durch Aufträge jeder Zeit gesuchten Weberüber Einschränkung ihrer Arbeit. Wurden die Färberangehalten, nur hiesige Tücher anzunehmen, so beschwertensie sich wegen Schmülerung ihrer Nahrung, weil Ulm und Nürnberg ihre Waaren nach einem anderen Ortverschickten. Die Kaufleute und die Krämer protcstirtenfeierlichst gegen die Auflage, erst dann von auswärtsWaaren zu beziehen, wenn die Vorräthe der hiesigenWeber erschöpft seien, und da sie dabei aufmerksammachten, daß mit minderwerthigem Gut, das sie auchannehmen müßten, ihnen nicht gedient wäre, so berührtensie das Grundübel der ganzen Sachlage. Dieses bliebauch dem Nathhause nicht verborgen, aber was im Laufeder Zeiten sich unheilvoll eingeschlichen hatte, war miteinem Machtwort nicht zu beseitigen. Der Credit desGewerbes war dahin!

Das Schaugericht, die vortreffliche Einrichtung, hattedurch übel angebrachtes Mitleid, gepaart mit unverant-wortlicher Nachsicht der Behörden, sich verleiten lassen,nicht tadellose Tücher zu stempeln. Lange ließ der Handelsich nicht täuschen; um den Nimbus des der Waare an-gehängten Bleiwappens, des untrüglichen Zeichens preis-würdigen Kaufmannsgutes, war es geschehen, und in dereigenen Heimath zog der Käufer vor, die Tücher selbstzu prüfen. Welchen Eindruck mußte es machen, wennNiklas Bitzel, welcher die Stupfmark nachgemacht undmit ihr seine schlechte Waare gestempelt hatte, nur mitdrei TagenGewölbte" gestraft wurde. Was fruchtetedie Androhung einer geringen Geldbuße auf das Um-gehen der Schau, womit auch die Unterschlagung der

Gebühr und des Ungelds verknüpft war, und wenschreckte der Verlust der Webergerechtigkeit ob dieses Frevelszurück? Denn bis der Betrug entdeckt wurde, hatte derDefraudant schon die Strafe und 12 Gulden dazu ver-dient, mit welch lächerlichem Betrage er sogleich wiederdie verwirkte Gerechtigkeit kaufen konnte. Nicht minderzeigten sich die Anschläge im Weberhause:Die Webersollen sich besserer Arbeit befleißigen," und ein andermal:Die Bürgerschaft hänge nicht von dem Handwerk derWeber ab, aber dieses schade sich selbst, wenn es nicht mitTreue und Redlichkeit das Publikum bediene" alswirkungslos. Und die ernstliche Mahnung an die Stimmir»Meister, jede schlechte Waare rücksichtslos zu durchschneiden,kam zu spät, dennwegen des vielen Schmähend derMeister" wagten sie nimmer eine so scharfe Procedur.So war in den Augen der tüchtigen Weber, denen niedie Arbeit fehlte, die Einrichtung, welcher das Gewerbeeinst einen ehrenvollen Weltruf verdankte, zur chikanösen,nutzlosen Anstalt herabgesunken.

Nun sollte man vermuthen dürfen, daß bei solchenVerwirrungen die Weberschaft sich angespornt fühlte, inandere Bahnen einzulenken und auf die Stimme desZeitgeistes zu hören. Das geschah jedoch nicht, im Gegen-theile öffnete sich jetzt die schlimmste Perspective in dieZukunft. Bisher war, abgesehen von einzelnen Vexa-tionen, der Verkehr der Weber mit den Druckern einziemlich leidlicher, der nunmehr einen feindseligen Charakterannahm. Die Veranlassung davon war die in Schwab-münchen errichtete Kattundruckerei. Daß dadurch dieWeber einen neuen Verdienst erhalten würden, schlugen sienicht an, denn sie wollten keine Concurrenz in der Nach-barschaft. Ohne Rücksicht auf das kaiserliche Patent überdie Handwerksmißbräuche reichten sie bei den Deputirteneine Vorstellung und Petition des Inhaltes ein:exjurs xulilioo st voirnnuni auch asguibats naturg-Uund der selbstredenden Vernunft ist uns wohl bekannt,daß jedem Reichsstande zugelassen ist seine Bürger inaufrechtem Stand zu erhalten und Fabriken, wodurchdie Nahrung von hier ab und anderswohin gezogenwerde, nicht zu dulden. Zwar ist Schwabmünchen einMarktflecken mit Stock und Galgen, und der Rath kannder dortigen Druckereifabrik nichts befehlen, aber er soll jedemBürger und Beisitzer hiesiger Stadt, der yuovm moäoder besagten Fabrik behülflich sei, das Bürger- undBeisitzrecht aberkennen." Der Rath vermochte natürlichdiesem Ansinnen nicht zu entsprechen, doch gelang ihm,die Leute durch die Erklärung sämmtlicher Drucker, daßsie auf den Waarenverkauf in looo verzichteten, zu be-ruhigen.

Um diese Zeit ließ sich in Augsburg ein Mannnieder, welcher die Kattundruckerei in Deutschland aufdie höchste Stufe der Vollkommenheit brachte, dadurchvon großem Nutzen seinen Mitbürgern wurde und dochvon einem Theile derselben die heftigste Verfolgungerfuhr.

Johann Heinrich Schüle , geboren am 13. Dezember1720 zu Künzelsau in Württemberg , der Sohn einesarmen Nagelschmieds, kam nach beendeter Kanfmanns-lehre in Straßburg und einem kurzen Aufenthalte inKaufbeuren 1745 hieher, trat in Folge Verheiratungmit der Tochter des Handelsmanns Georg ChristophChristel in das Bürgerrecht ein und übernahm im Besitzeeines Vermögens von zehn Ducaten das schwiegerväter-liche Geschäft, das sich auf den Ausschnitt hier verfertigter