Ausgabe 
(12.6.1894) 47
Seite
357
 
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47

18S4.

Augsburger PostMung".

Dinstag, den 12. Juni

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler) .

Tante Kanna's Geheimniß.

Original-Roman von E. von Linden.

(Fortsetzung.)

Mit freundlichem Gruße machte er die geistreicheBemerkung, daß der Abend wundervoll sei. Der Gärt-ner nickte und sah ihn von der Seite an.

Ich erwarte Ihre Herrschaft," setzte der Fremde,stehen bleibend, hinzu.

So, so, ja, unser Fräulein bleibt lange aus, istsonst nicht ihre Art."

Der Herr Bräutigam wird sie zurückhalten," meinteder Fremde lächelnd,eine Verlobung ändert viele Ge-wohnheiten. Herr Steindorf wird doch mit zurückkom-men, da ich seinetwegen warte."

So, so, ja, er hatte es eilig, aber der Fuchskann's aushalten, war übrigens nicht nöthig, die Peitscheso arg zu gebrauchen."

Na, Ihr wißt, alter Freund, die Sehnsucht nachder Braut"

So, so, mag sein," fiel der Gärtner ihm in'sWort,der Arbeits-Gaul, der den Herrn von derStation herbrachte, hatte es besser, weil der Herr keineSporen trug, sind ihm hier erst angeschnallt worden.Aber der Fuchs that mir leid, er ließ ihn bären-mäßig ausgreifen."

Giebt's hier im Garten nicht einen Platz, woman einen freien Ausblick nach der Landstraße hat?"fragte der Fremde plötzlich.

Einen freien Ausblick, so so, will den Herrn nachunserm Thurm führen, das Fräulein nennt ihn ihrenWartthurm. Da kann man weit hinaus in's Landschauen."

Er schritt voran nach einer von dichten Bosquetsumgebenen Anhöhe, worauf sich ein zierlicher Thurmgleich einer Sternwarte erhob.

Der Schlüssel steckt im Schloß, gehen der Herrnur die Wendeltreppe hinauf. Die kleine Stube betrittNiemand als das Fräulein"

Und der Bräutigam," ergänzte' der Fremde.

So so, Herr Steindorf war noch nicht in derThurmstube," antwortete der alte Gärtner mit einemunwilligen Blick.Ich weiß das bestimmt."

Gut, gut, alter Freund, geht mich ja auch garnichts an."

Der Gärtner ging mit einem mürrischenso, so,"

der Fremde aber trat lächelnd in den Thurm undstieg mit leichten, raschen Schritten die steile Wendel-treppe hinauf.

Ah, vortrefflich," sagte er unwillkürlich, als eroben auf der Zinne stand und den Blick ungehindertumherschweifen ließ. Dann orientirte er sich rasch undschaute unverwandt in die Richtung hinaus, von welcherdie Chaussee nach Moorkirch führte.

Plötzlich zog er einen kleinen Feldstecher aus derTasche, um schärfer hinzublicken. Ein schwarzer Punkt,welcher sich im verblassenden Abendlicht gleichsam amHorizont abhob, fesselte seine Aufmerksamkeit. DerPunkt wurde größer und größer, er näherte sich also,doch vermochte er noch nicht zu unterscheiden, was eseigentlich war, ein Wagen oder ein Reiter.

Jetzt veränderte der große bewegliche Punkt seineRichtung, er bog links ab.

Ah," murmelte der Mann auf dem Thurm,esist ein Reiter, der soeben über einen Graben setzte,um einen Nichtweg über's Feld einzuschlagen. Erkommt hierher, allein, desto besser, kein Zweifel mehr, er ist'sl Der Fuchs ist hin, ein Teufelskerlvon Reiter!"

Mit dieser halblauten Anerkennung schob der Fremdegemüthlich seinen Feldstecher zusammen, steckte ihn indie Tasche und stieg mit der größten Seelenruhe diesteile Treppe hinab. Er traf den alten Gärtner nichtmehr, weil derselbe in Zweifel gerathen war und beiMamsell Evers sich über den Fremden informirt hatte,was den Letzteren durchaus nicht anzufechten schien.

Erlauben Sie, daß ich mich jetzt in's Wohnzimmerbegebe?" fragte der Fremde die Mamsell unter vierAugen.Glaube, daß Herr Steindorf gleich ankommt,und zwar allein aus dem Fuchs, den er allem Anscheinnach zu Schanden geritten hat. Wollen Sie mir imInteresse Ihres Fräuleins eine Gefälligkeit erzeigen,Mamsell?"

Sie nickte mit einem forschenden Blick in sein Gesicht.

Dann sagen Sie Herrn Steindorf nichts vonmeiner Anwesenheit. Er wird doch jedenfalls in jenesZimmer kommen? Wonicht, geben Sie mir sofort einenWink. Wollen Sie?"

Ja, mein Herr!-Ich will Ihnen ver-

trauen, weil ich hoffe, daß Sie uns diesen Bräutigamvorn Halse schaffen."

Vielleicht, meine Gute, Compagnieschast mache ich