Ausgabe 
(12.6.1894) 47
Seite
361
 
Einzelbild herunterladen

361

Weil sie wahrscheinlich mit ihm ausreißen will,"bemerkte Wolfius verächtlich auflachend,machen Siekeine Dummheiten, Mamsell, es könnte Ihnen sehrschlimm darnach ergehen. Passen Sie auf!"

Er leerte die Taschen des Geknebelten, der wiederso erregende Gesichter schnitt, daß die Evers sich schau-dernd abwenden mußte.

Sehen Sie hier, und hier und hier --wahrhaftig, ein nettes Vermögen, mit welchem der sau-bere Patron doch geradeswegs nach der nächsten Eisen-bahnstation wollte, um zu verduften, weil er Morgen-luft witterte. Hier hat er wahrhaftig auch ein präch-tiges Schmuckstück mitgehen heißen, ein Diamantkreuz, Donner welchesFeuer und welche wun-dervolleFassung! DasKreuz müssen Sie dochkennen, Mamsell?"

Und ob ich es kenne!"rief sie, tief aufathmend.

Gerechter Himmel!"

Wollen Sie denWagen jetzt anspannenlassen und mir die Leuteschicken?" fragte derDetectiv, die Geldrollenund Banknoten, sowiedas Kreuz wieder in desGefangenen Tascheschiebend.

Soll der Spitzbube,der Gauner denn dasAlles behalten?" schriedie Evers ganz außersich.

Wolfius lachte.

Wir müssen es ihmvorerst noch lassen, eswird ihm seine Ge-fangenschaft einstweilenversüßen. Vorwärtsjetzt, meine Liebe!"

Mamsell Evers eilte,von Grauen geschüttelt,aber auch von heimlicherFreude belebt, da dieHeirath ja nun unmög-lich geworden war, fortund kehrte so rasch alsmöglich mit dem Ver-walter und drei kräfti-gn Knechten zurück.

Nachdem der Detectiv dem Verwalter sein amt-liches Schild gezeigt und einige leise Worte mit ihmgewechselt hatte, mussten die Knechte, welche ganz dummvor Staunen dreinschauten, den Gefangenen aufhebenund hinunter in den Wagen tragen, wo sie ihn grin-send auf das Stroh legten. Auf des Detectivs Befehlmußten sie ihm noch ein Bündel Stroh unter den Kopfschieben, worauf sich jener ebenfalls auf den Wagenschwingen wollte. Da trat Mamsell Evers in Hut undTuch resolut auf ihn zu.Ich fahre mit nach der Stadt,sagte sie,muß mich nach unserm Fräulein umschauen.Habe meine Anordnungen schon getroffen, Herr Wolfius!"

Frln. Thekla Wurstle als Maria.

Gut, Mamsell," erwiderte er,setzen Sie sichnur zu dem Kutscher, ich bleibe bei meinem Freundehier im Stroh."

Er half ihr galant hinauf, schwang sich dann selbstauf den Wagen, und vorwärts ging es durch die laueSommernacht der Stadt Moorkirch zu.

Jetzt' erst löste sich der Bann, welcher auf denKnechten und Mägden während des ganzen unheimlichenVorganges gelegen. Man erging sich in tausenderleiVermuthungen, und die Stimmen schwirrten wie im Auf-ruhr durcheinander, bis der Verwalter Ruhe gebot.Soviel war aus den Reden aller Gutsangehörigen deut-lich genug erkennbar, daß man froh war, den gefürchte-

ten Gebieter in solcherWeise los geworden zusein.

Als der Wagen end-lich sein Ziel erreicht,der Gefangene sicheruntergebracht war, daschütt Wolfius nach demTelegraphenamt, wel-ches zu seinem Leidwesenbereits geschlossen war.Sein Telegramm, dasam nächstenMorgen ab-blitzte, war anMr.Hil-brecht in Göttingen adressirt und lautete:Kommen Sie schleu-nigstmitdemerstenZugenach hier, um Air. Wil-liam Prienzurecognos-ciren. Eckert."

Mamsell Evers warnach dem Holten'schenHause geeilt, wo ihr dieniederschmetternde Kun-de wurde, daß ihr Fräu-lein todkrank imHospitalsich befinde.

Die Zeit kennt keinenStillstand, wir sehen sielautlos entweichen undfühlen ihren Pulsschlagnur in dem Schatten,den die Sonne uns aufden Weg wirft und dersich wie ein Mahnruf inunser Gewissen drängt: Wirke, weil es noch Tag ist,es kommt die Nacht, wo Niemand mehr wirken kann!

Wie hastet sie unter unsern Händen fort in derdrängenden Eile des Schaffens und in den Augenblickendes Glücks, des Genusses, der Freude! Wieschleicht sie dem Kranken und Schmerzgefolterten dahinin schlaflosen Nächten, und wie furchtbar entschwin-det die Zeit dem Verurteilten, dessen Leben an einemFederstrich des Fürsten hängt.

Julius Steindorf hatte lange geleugnet und dieUntersuchung nach allen Seiten hin erschwert, obgleichMr. Hilbrecht, welcher auf das Telegramm eiligst ge-