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kommen war, ihn sofort für den Betrüger erklärt hatte,welcher unter dem Namen William Prien den erschosse-nen Warneck in Chicago seines ganzen Vermögens be-raubt und damit das Weite gesucht hatte.
Da nun sein Kinnbart glatt wegrasirt und dierothe Narbe zum Vorschein gekommen war, so konnteer diesen Theil der Anklage nicht leugnen, zumal derKommissar Frenzel eidlich erhärtete, daß der ermordeteWarneck ihm dieses besondere Kennzeichen seines räu-berischen Geschäftsführers Prien mitgetheilt habe.
Er räumte nun schließlich ein, den Namen Prienin Amerika angenommen und den Raub begangen zuhaben, leugnete aber hartnäckig die Attentate im Hohl-wege und oben im Gebirge.
Er berechnete, wie viele Jahre Zuchthaus man ihmzuerkennen werde, und nickte finster zu dem ansehnlichenResultat. Aber er blieb wenigstens am Leben und die
daß die tödtliche Kälte ihm schaudernd durch die Adernkroch, das Mark in seinen Knochen erstarren ließ.
Es half ihm nichts, ob er wachte oder schlief, dasGespenst drängte sich in seine Träume, er sah es durchdie geschlossenen Lider, es wachte mit ihm auf unddrohte ihn wahnsinnig zu machen. Noch widerstund ertrotzig. Mit bleichem, übernächtigem Gesicht und wild-blickenden Augen, in welchen sich scheue Furcht und in-grimmiger Haß spiegelten, stand er vor dem Richter,die Fragen desselben mit Achselzucken oder einem festenNein beantwortend.
Plötzlich bebte er zusammen und taumelte dannwie vor einem Schreckbild zurück.
„Weg! — Weg!" stöhnte er, beide Hände vor'sGesicht schlagend.
Der Richter blickte ihn aufmerksam und besorgt an,er wechselte mit dem Protokollführer einen erstaunten
Abendmahl.
Zeit geht auch im Zuchthause hin; endlich mußten sichihm jene unheimliche Pforten doch wieder öffnen. —Den Mord gestehen! — Nimmermehr!
Aber er hatte nicht mit den einsamen Nächten undden endlos langen Tagen einer solchen Haft gerechnet.Die Gedanken an sein Kind, welches er selbst getödtet,an sein im fernen Welttheil begrabenes Weib, das ervernachlässigt, dem Hunger und Gram preisgegeben, inein frühes Grab gestürzt hatte, diese Gedanken kamenerst vereinzelt und langsam wie kleine Schattenbilder,und er scheuchte sie unwillig von sich ab.
Aber ein kleines, blasses Gespenst ließ trotz alledemnicht ab von ihm und hockte im Schlaf und Wachenihm zur Seite. Durch die finstere Nacht sah er einblasses Gesichtchen mit der Todcskugel in der Stirn,weitgeöffnete starre Kinderangen schauten ihn unver-wandt an; und eisige Hündchen umklammerten die seinen,
Blick. Was fehlte denffGefangenen? — Sprach er irre? —
Jetzt ließ dieser.,die Hände sinken und athmete tiefauf. Seine Augen ^hefteten sich fest auf einen Punkt,oder vielmehr auf eine leere Stelle neben dem Richter,und wurden nach und nach ruhiger.
Der Unselige hatte wieder die fürchterliche Er-scheinung seines Kindes gehabt, welche seine durch dieSchlaflosigkeit krankhaft gesteigerte Einbildungskraft ihmvorspiegelte. Unter dem Eindruck derselben entschloß ersich zu einem Geständniß, wodurch seine Nerven beruhigt,seine Augen klarer wurden und die Erscheinung ver-schwunden war.
Ohne Zögern bekannte er sich zu der ganzen An-klage, fügte aber mit einem gewissen Hohn hinzu, daßer weder Warneck's Tod noch die Dynamit-Spielerei imGebirge bereue, da er in jenem nur seinen Verfolgergetödtet, während Marbach ihm als Räuber seines Erbes