Ausgabe 
(19.6.1894) 49
Seite
373
 
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^L49.

1894.

Augsburger PostMung".

Dinstag, den 19. Juni

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler).

Im Laune alter Schuld.

Roman von GustavHöcker.

- (Nachdruck verboten.)

I.

Das Herrenhaus war im Villenstile erbaut unddanach hieß das große Rittergut derVillenhof". DerHerr dieser schönen, in der fruchtbarsten Gegend derMark Brandenburg gelegenen Besitzung, zu der sich nochein gleich großes Gut in Schlesien gesellte, war BaronWolfgang von Sturen. Er war heute einundzwanzigJahre alt geworden, befand sich also in jenem benei-denswerthen Alter, wo sich mit dem Feuer der Jugend-kraft der noch unerschütterte Glaube in die Zukunft ver-einigt. Dennoch stand er in ernstem Sinnen an einemFenster seiner Villa, und während er in den Park hinausblickte, der eben im ersten Grün des Frühlings schim-merte, lag eine gewisse Schwermuth in seinem wohlge-bildeten Gesichte.

Wie hatte es ihn nach diesem Tage verlangt, nieaber hatte er das Glück so schön gefunden, als er essich vorher vorgestellt. Und nun, da die so lange er-sehnte Stunde seiner Volljährigkeit geschlagen, schien ihmeine innere Stimme zuzuflüstern, daß er dieselbe Un-vollkommenheit des Glückes auch in dem neuen Lebens-abschnitte antreffen werde, daß in dem schäumendenBecher der Freude ein Tropfen fehle, welcher auf Erdennicht gebraut wird.

Wie noch nie zuvor empfand er in dieser Stundeernsten Nachdenkens die Leerheit aller irdischen Dinge.

Noch vor wenigen Jahren," sagte er sich, be-wegte sich hier mein Vater voll von Plänen und Hoff-'nungen; das Haus war eine Stätte gastlicher Gesellig-keit; hier auch blickte das zärtliche Auge meiner Mutterauf meine Wiege, hier überwachte sie mit Stolz meineKnabenjahre. Und nun sind Vater und Mutter dahin;und der Ort, den sie einst ihr Heim nannten, kennt sienicht mehr. Das wird auch einst mein Schicksal sein,wenn die Spanne Zeit abgelaufen ist, die man einMenschenalter nennt."

Das waren die düsteren Gedanken des jungenBarons, vor dem doch alles so hell dalag.

Der Eintritt eines Dieners mit spärlichem grauem,schlicht nach vorn gekämmtem Haare weckte ihn aus seinenTräumereien.

Gnädiger Herr, das Pferd ist vorgeführt," meldeteder Alte.

Diese kurze Meldung genügte, um die melancholischeStimmung im Nu aus Wolfgangs Brust zu verscheuchen.Die fröhliche Erinnerung an sein Freiwilltgen-Jahr,welches er als Husar in einer gemüthlichen kleinen Gar-nison Schlesiens abgedient, erwachte lebhaft in ihm. Erfühlte sich plötzlich wieder ganz als Husar, griff nachHut und Reitpeitsche, eilte hinaus und schwang sich aufden ungeduldig im Kreise sich drehenden Goldfuchs, mitwelchem der Stallknecht draußen wartete.

Fort ging es im Galopp; anstatt dem Thore zu,schlug der kühne Reiter die Richtung quer durch denPark ein und setzte über den Heckenzaun hinweg. Erdachte dabei nicht an die Landstraße, die sich jenseitsdes Parkes hinzog, und auf welcher ein Herr und eineDame herangeritten kamen. Das blitzartige Erscheineneines Reiters an einer Stelle, wo einen Augenblick vor-her noch alles einsam gewesen war, erschreckte die Dameund noch mehr ihr Pferd. Es stieg kerzengerade in dieHöhe, und würde sich rückwärts überschlagen haben, hättenicht Wolfgang, der schnell von seinem Pferde gesprungenwar, das scheuende Thier mit kräftiger Hand beim Zügelgefaßt. Die Dame ließ sich rasch vom Sattel Herab-gleiten, wobei der junge Baron ihr beistand. Währender sich entschuldigte, diesen Schrecken veranlaßt zu haben,betrachtete er die Reiterin mit verstohlenen Blicken. Siekonnte kaum zwanzig Jahre zählen. Die schlanke, an-muthige Gestalt war ihm durch das Bemühen, sich imSattel zu erhalten, noch anmuthiger erschienen; die innereBewegung hob den Ausdruck des schönen Gesichts nochmehr hervor. Unter dem Rembrandthute mit weißer,wallender Feder drängte sich das reiche, dunkelblondeHaar hervor; aus den großen dunklen Augen leuchteteein südländisches Feuer, welches zu den sanften Zügendes tadellos geformten Antlitzes einen Kontrast von eigen-thümlichem Reize bildete. Die Schönheit des jungenMädchens frappirte den Baron; aber es lag noch einEtwas in ihren Zügen, in ihrem Wesen, in den großenAugen und in dem Klänge ihrer Stimme, als sie seineEntschuldigung mit einigen freundlichen Worten erwiderte,worüber er sich vergebens Rechenschaft zu geben ver-suchte. Er hatte kaum Zeit gehabt, alle diese Eindrückein sich aufzunehmen, als er sich von einer rauhen Stimmeangeredet hörte.

Es würde mich nicht gewundert haben, mein Herr,