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wenn Sie noch größeres Unheil angerichtet hätten," sagteder Begleiter der Dame in hartem Tone; „wcr machtsich auch auf dieser ruhigen Landstraße darauf gefaßt,die Leute wie wahnsinnig über Parkgchege fliegen zusehen!"
Baron von Sturen warf einen raschen scharfenBlick auf den Sprechenden, welcher ruhig auf seinemPferde sitzen geblieben war. Es war ein alter Herrvon hoher hagerer Statur und starkem Knochenbau, dersich auch in seinem eckigen Gesichte bemerkbar machte.Zwischen den grauen Augen, welche mit fast feindseligemAusdruck auf Wolfgang ruhten, ragte eine Habichts-nase hervor. Er trug einen, für einen Reiter sehr un-bequemen Rock mit altmodischen langen Schößen undhatte denselben an der Taille eng zugeknöpft Aus denAermeln, die kurz waren, ragten skeletartig die langenArme und Hände hervor. Ein hoher altmodischer Cylin-derhut bedeckte den Kopf mit dem spärlichen grauen Haar.Wolfgang vermochte sich nicht mit dem Gedanken zubefreunden, daß er in dieser unsympathischen Erschein-ung den Vater der reizenden jungen Dame vor sichhaben könne. Dennoch bekämpfte er die gereizte Stimm-ung, in welche ihn die Anrede ihres Begleiters versetzthatte, und entgegnete höflich: „Es thut mir sehr leid, daßich die Dame erschreckt habe; ich bitte nochmals um Ver-zeihung. Sie haben sich noch nicht ganz beruhigt," wandteer sich in einem Tone, worin sich jugendliche Schüchtern-heit mit Bewunderung mischte, an die schöne Amazone.„Darf ich Sie vielleicht bitten, sich auf einen Augen-blick in meinem Hause, ganz in der Nähe, zu erholen?"
„In Ihrem Hause!" sagte der alte Herr mit be-sonderer Betonung, indem er den Baron mit höhnischemBlick vom Kopf bis zu den Füßen maß. „Ich dankeIhnen für Ihre Einladung, aber die Dame kann ihrenRitt sehr wohl fortsetzen."
Die junge Dame blickte den Baron mit einemfreundlichen Lächeln an. „Ich fühle mich durchaus nichtangegriffen," sagte sie, „und kann wieder zu Pferdesteigen." In etwas leiserem Tone, so daß der alte Herrsie nicht hören konnte, dankte sie Wolfgang für seineGüte. Dieser half ihr beim Aufsteigen und gab ihr dieZügel in die Hand. Als sie im Sattel saß, blickte sieauf ihn herab, als wolle sie ihm etwas sagen, das siebisher unterdrückt habe, aber ihr ungeduldiger Begleitersetzte bereits sein Pferd in Bewegung, und ohne daßdas Wort gesprochen wurde, folgte sie ihm, dem Zurück-bleibenden freundlich zunickend.
Wolfgang stand bewegungslos da, den Zügel seinesPferdes über einen Arm geschlagen, sein Auge unver-wandt auf das rasch sich entfernende Paar gerichtet.Der Gedanke, das schöne Mädchen vielleicht nie wiederzu sehen, entlockte ihm einen tiefen Seufzer. Jetzt er-reichten die Reiter eine Stelle, wo ein Nebenweg sichvon der von Wald eingefaßten Landstraße abzweigte, siebogen ab, und bei dieser Gelegenheit wandte die Dameihr Antlitz auf einen Augenblick nach dem Schauplatzedes kleinenVorfalls zurück. Dann war sie seinemAuge entrückt.
„Wer kann sie sein?" fragte er sich. „Und waswollte sie mir zuletzt noch sagen?" Es bezog sich nichtauf den Unfall; ihr Blick, ihr Lächeln verkündete zudeutlich eine andere Gedankenrichtung. Wie ärgerlich,daß der herbe alte Herr ihr das Wort abschnitt! Sollteer wirklich ihr Vater sein? Es fällt mir schwer, dieszu glauben."
Wolfgang bestieg sein Pferd und ritt langsam undgedankenvoll nach Hause zurück. Dort beschrieb er seinemalten Diener, der sich schon über zwanzig Jahre aufdem Gute befand, die Dame und deren Begleiter auf'sgenaueste, um zu erfahren, wer die beiden seien.
Der Alte rieth auf verschiedene ihm bekannte Per-sönlichkeiten der Umgegend, aber keine derselben stimmtemit der Beschreibung überein.
Da alle Erkundigungen vergebens waren, so beschloßWolfgang, bei allen in der Nachbarschaft wohnendenFamilien von Stand seinen Besuch zu machen. Dochverschob er die Ausführung seines Planes um einigeTage, denn er wollte heute noch nach Berlin fahren,und sein Reisekoffer war bereits gepackt. Er liebte dasgroßstädtische Treiben nicht. In der Neichshauptstadthatte er als Knabe zwar öfter in Begleitung seinerEltern wochenlang geweilt, aber die darin empfangenenEindrücke lagen zu weit zurück, um seine Vorliebe fürdas ländliche und kleinstädtische Stillleben, welches ergewohnt war, zu erschüttern. Auf solchen idyllischenSchauplätzen hatte er seine Gymnasiastenzeit, die Jahreseiner Studien an höheren landwirthschaftlichen Anstaltenund zuletzt seine militärische Dienstzeit verlebt. DieWintermonate, welche ihn von dieser letzten Periodetrennten, hatte er zu einer Reise nach Italien benutzt,und die Romantik dieses unvergeßlichen Aufenthalts lebtenoch zu frisch in seinem Herzen, als daß ihn die Prosader Weltstadt an der Spree hätte anlocken können.Gleichwohl war es gewissermaßen ein Nachklang seinerromantischen Stimmung, was ihn jetzt dorthin zog: erwollte den Wagner'schen Nibelungen-Cyclus besuchen,der morgen in der Hofoper begann, und bei dieser Ge-legenheit seinem Vormunde, dem er für die streng ge-wissenhafte Verwaltung seines Vermögens bereits brief-lich gedankt hatte, noch persönlich seinen Dank abstatten.
An demselben Nachmittag fuhr er nach der näch-sten Eisenbahnstation. Mit schwerem Herzen nahm erAbschied von der Gegend, denn je rascher ihn sein feu-riges Zweigespann davon führte, desto weiter entfernteer sich von der schönen Unbekannten, die seine Gedankenunausgesetzt beschäftigte.
II.
Der Baron von Sturen saß allein in einem Coupöerster Classe. Es war ihm angenehm, daß ihn niemandin seinem Gedankengange störte. Welche Veränderunghatte jene flüchtige Begegnung in ihm hervorgebracht!Der ganze Frühling der Natur schien in sein Herz ein-gezogen zu sein. Ja! es gab doch einen 'göttlichenTropfen im Becher des Lebens. Es lag etwas zwischender Wiege und dem Grabe, was das Leben schön machte.Er fühlte es, seitdem er heute in die dunkle Gluth jenerAugen geblickt hatte. Das waren die Gedanken undhoffnungsfrohen Träume, über denen Wolfgang allesandere vergaß, bis der Zug an einer größeren Stationhielt. Er verließ den Waggon, um in der Bahnhofs-restauration eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Wäh-rend seiner Abwesenheit stieg ein anderer Reisender indas Coupä. Der Ankömmling war von schöner, statt-licher Gestalt, die überall sogleich angenehm auffallenmußte, und Haltung wie Kleidung verriethen den vor-nehmen Plann. Die ausdrucksvollen, interessanten Zügeseines Gesichts wurden harmonisch durch den geistig be-lebten Blick der braunen Augen ergänzt, über denen dievollen Brauen, tief schwarz wie das kurzlockige Haar,