Ausgabe 
(19.6.1894) 49
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sich in schön geschwungenen Bogen wölbten. Als derSchaffner sich an der offenen Thür zeigte, reichte ihmder neue Fahrgast sein Billet.

Aber anstatt die Hand danach auszustrecken, be-merkte der Schaffner:Ich habe Ihr Billet ja bereitscoupirt!"

Das ich nicht wüßte!" entgegnete der Fremde mitkühler Vornehmheit. Der Schaffner schüttelte den Kopfund wollte dem Passagier einreden, daß derselbe ja schonvor einer Halben Stunde auf der Station T. den Zugbestiegen habe.

Zum Teufel!" rief der Fremde.Ich werde dochwissen, daß ich soeben erst mit dem Postomnibus von C.gekommen bin!"

Verwundert und prüfend blickte der Beamte demSprechenden in's Gesicht und nahm das Billet in Em-pfang. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß es denStempel der hiesigen Station trug, that er mit derZwickscheere seine Schuldigkeit.

Nun, das ist doch merkwür-dig!" brummte er, sich ent-fernend.

Ja, in der That, höchst merk-würdig!" lächelte der Reisendevor sich hin, meinte damit aberden confusen Eisenbahnbeamten.

Oder," fiel ihm dann plötzlichein,sollte ich etwa einenDoppelgänger haben?"

Die Stationsglocke gab dasZeichen zum Einsteigen.

Wolfgang schwang sich in dasCoups und nahm dem neuenMitreisenden gegenüber, höflichseinen Hut ziehend, seinen altenPlatz wieder ein. Gleich darauffuhr der Zug weiter.

Der Fremde betrachtete ihnmit überraschtemBlicke.Er konntesich jetzt den seltsamen Irrthumdes Schaffners vollständig er-klären : denn beim ersten Blickeglaubte er selbst in den Spiegelzu sehen, von so auffallenderÄhnlichkeit waren die Gesichts-züge mit den seinigen, freilich nur für den oberflächlichen Be-obachter. Bei näherer Prüfung fand man bald heraus,daß der Fremde vier bis fünf Jahre älter war und inder Lebenskunst schon liefere und raffinirtere Studienhinter sich hatte, als Wolfgang. Auch sonst gab esmancherlei Unterscheidungszeichen zwischen beiden, welchecharakteristisch genug waren, und wer mit einem vonihnen nur kurze Zeit verkehrte, konnte ihn mit dem an-deren so leicht nicht verwechseln.

Dem jungen Baron schien die Ähnlichkeit mit sei-nem Gegenüber nicht aufzufallen, und vielleicht würdesie auch dem Fremden weniger augenfällig erschienensein, wenn nicht der Irrthum des Schaffners ihn aufdie Vermuthung geführt hätte, daß es sich um eineDoppelgängerschaft handeln müsse. Diese letztere schiendas Nachdenken des Fremden sehr stark in Anspruch zunehmen.

Endlich war ein Entschluß in ihm gereift. Erwartete einen günstigen Augenblick ab und stellte sich

mit den Worten:Mein Name ist Maitland," seinemschweigsamen Reisegefährten vor.

Von Sturen," antwortete Wolfgang ebenso.

Maitland lächelte triumphirend.Ich vermuthetedas," schwebte ihm auf den Lippen, aber er sprach esnicht aus.

»Ist Ihnen vielleicht der Name jenes Städtchensbekannt?" leitete Maitland nach dieser gegenseitigen Ein-führung ein Gespräck ein, indem er nach einer fernenOrtschaft mit rothen Ziegeldächern und einem schlankenThurm deutete.

Ich bedaure, nein," erwiderte Wolfgang.Eigent-lich sollte ich's wissen, denn ich bin nicht weit von hierzu Hause und habe diese Fahrt schon öfter zurückgelegt.Aber das war in meinen Knabenjahren."

Es ist eine eigenthümliche Empfindung," nahmMaitland wieder das Wort,wenn man nach langerAbwesenheit aus einer Gegend wieder dahin zurückkehrt.

Wie zusammengeschrumpft undverwelkt erscheinen da mancheDinge, welche uns bisher inunsrer Erinnerung in den rei-zendstenFarben fortgelebt haben.Ich halte es für ein großesGlück, daß wir thatsächlich nichtin dieVergangenheit zurückkehrenkönnen."

Nun," versetzte der Baron,der an der Unterhaltung Inter-esse fand,ich denke mir, daßmancher alte Mann gern dieTage seiner Jugend zurückrufenmöchte, in denen ihm alles inhöchster Vollkommenheit er-schien."

Wir alle wünschen uns dieScenen unserer Knabenjahre zu-rück, wenn sie weit, weit hinteruns liegen," entgegnete derNeise-genosse;wenn unser Wunschaber in Erfüllung ginge, so wür-den wir uns dann doch sehrgetäuscht fühlen."

Warum?"

Weil dies in der Natur derDinge liegt. Die Person, die an etwas Gefallen findet,und der Gegenstand dieses Gefallens müssen einander an-gemessen sein. Oder würden Sie sich jetzt noch an IhremHolzsäbel oder an Ihrem Steckenpferd erfreuen?"

Nein, gewiß nicht; aber dennoch gewährt mir dieErinnerung an meine Knabenspiele Vergnügen, und in-dem ich mir vergegenwärtige, welches Wohlgefallen icheinst daran fand, entschädigt mich das für die Verän-derung in meiner eigenen Natur."

Dann genießen Sie aber nicht das Vergnügenselbst, sondern nur die Erinnerung daran," entgegneteMaitland.

Aber ich habe manche ältere Leute sagen hören,"fiel Wolfgang ein,daß ihre reinsten Jugendfreudendiejenigen waren, bei welchen die Erinnerung währendihres späteren Lebens mit der größten Vorliebe ver-weilte"

Was ist das?" rief Wolsgang in diesem Augenblicke.

Das sanfte Hingleiten des Waggons war plötzlich

Grlando di Kasso.

-Ei

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