Ausgabe 
(19.6.1894) 49
Seite
376
 
Einzelbild herunterladen
  

376

von einem heftigen Ruck unterbrochen worden. Beide In-sassen deS Coupss wurden von ihren Sitzen hoch empor-geschleudcrt. Unter einem entsetzlichen Holpern schwankteder Wagen herüber und hinüber, jede Secunde denUmsturz drohend, und während er die wildesten Sprüngemachte, wurde er noch immer mit rasender Schnelligkeitdahingerissen. Alle Fugen krachten, die Splitter derberstenden Fensterscheiben sprangen um die Köpfe derbeiden Reisenden. Wortlos und mit wachsbleichen Ge-sichtern, jeden Moment die todbringende Katastropheerwartend, suchten sie sich vergebens an Sitzen und Wän-den festzuklammern. Plötzlich fand sich Wolfgang willen-los wie ein Ball herumgewirbelt; das Unterste schien zuoberst, das Oberste zu unterst gekehrt, er glaubteeinen schrillen Pfiff und ein schneidendes Zischen wievon mächtig ausströmendem Dampfe zu vernehmendann erfolgte ein furchtbarer Schlag, ein betäuben-der Schmerz an Kopf und Gliedern tausend helleFunken sprühten an seinen Augen vorüber im näch-sten Augenblicke sah und hörte er nichts mehr und ver-lor alles Bewußtsein, selbst das des Schmerzes.

(Forrietzung folgn)

--

Fürstenseldbruck in Oberbayern. ")

(Hiezu das Bild Seite 377)

-^Nachdruck verboten.)

* Seit in unserem nervösen Zeitalter das Aufsuchenvon Sommerfrischen oder wenigstens eine kleine Reisewährend des Sommers in die schöne weite GottesweltUnzähligen zum Bedürfnisse und im Allgemeinen Modegeworden, ist unzweifelhaft an Stelle des früheren be-haglichen Genießens der Naturschönheiten vielfach einekrankhafte Blasiertheit getreten. Ein recht in's Augespringendes Beispiel dafür ist der schon an Verrücktheitstreifende Bergkraxler-Sport. Mit welcher Geringschätzunggeht so ein echter Bergfex heute an den mit normalenKräften und ohne Gefahr zu erreichenden Bergen vorüber!Und da ihm der liebe Gott die Berge nicht hoch und steilgenug geschaffen, so macht er wenigstens seine Hochtourenim Winter, weil das doch über das Normale hinausgeht.Und unsere vornehme Welt? Seit in die entlegenstenGebirgsthäler Eisenbahnen schnell und bequem führen,seit mit geringen Kosten Tausende alljährlich in die Alpen gehen, da findet unsere Geldaristokratie den Aufenthaltim Gebirge nicht mehr so lohnend. Es ist jagemischt"geworden, und immer kleiner ziehen sich die Kreise, woman noch so ziemlichunter sich" ist und nicht beleidigt wirddurch den steten Anblick von frisch und frei, mit wenigGeld und frohem Herzen durch die Welt fahrenden Ge-sellen. Nun, die in gesellschaftlichem Flitter aufgehendeGesellschaft kann sich ja trösten. Da hat man vorläufig

*) Der obige Aufsatz war bereits im Satze, als uns einBüchleinFührer durch Bruck und seine Umgebung"von Aug Aumiller (Verlag von A. Sighart in Bruck) zu-kam, das wir bei dieser Gelegenheit den Freunden des vielbe-suchten Ortes bestens empfehlen. Der Verfasser (gegenwärtigAlumnus im Georgianum in München ) ist selbst ein BruckerKind und führt uns auf 160 Seiten in die Geschichte, Topo-graphie und Naturschönheiten Brucks und seiner Umgebung ein.Das Büchlein ist sehr handsam, mit Bildern und einer Karteausgestattet und für die Sommergäste, besonders jene, welchezum ersten Male ihren Sommerwigwam in Bruck oder Um-gebung aufschlagen, ein verlässiger und praktischer Führer.Das obigem Aufsatz beigegebene Bild ist nach einer Photogra-phischen Aufnahme des Herrn Photographen Precht in Bruckautotypisch hergestellt. D. Red.

noch die Seebäder, und im schlimmsten Falle gibt es auchin Norwegen und Schottland Berge, wo die Natur nochjungfräulicher ist, als in unseren bayerischen, österreichischenoder schweizerischen Alpen.

Nun kann allerdings nicht bestritten werden, daßdie Alpenländer, und selbstredend die schönsten Gegendenam meisten, vielfach wirklich der Fremden-Ueberfluthungpreisgegeben sind, und daß dieser Umstand auch Dem-jenigen, der sich mit rechtem Behagen in den Genuß derNatur versenken will, unangenehm werden kann. Solchefind nun zur Einsicht gelangt, daß das Gute auch naheliegen kann. Daher die Erscheinung, daß zur Zeit dasAlpenvorland mehr zu Ehren kommt. Und wahrlich,wer die Schönheit der Natur nicht mit dem Meterstabemißt und diese nicht nur im Gigantischen sucht, wer mitliebendem, forschendem Auge auch das unscheinbarste Gläs-chen zu betrachten vermag als eine einzelne, aber in derSinfonie der gesummten Natur unentbehrliche Note, demthut sich auch hier eine Welt voll Schönheit auf. Luftund Weite! Sind das nicht zwei Faktoren, welche dasMenschenherz erfrischen und erheben können? Wer sich jean einem schönen Sommerabend gebadet in jenem rauhen,aber den ganzen Menschen erfrischenden und durchstürken-den Luftstrom, der da meist nach Sonnenuntergang ausden Alpenthälern heraus über das Vorland streicht, werda an einem thaufrischen, eben von den ersten Sonnen-strahlen beglitzerten Morgen die weite Alpenkette in ihremblauen, keuschen Dufte geschaut, der wird mir Recht geben.Dazu kommt noch, daß in jenen Gegenden eine meistwohlhabende Bevölkerung haust, und das nenne ich aucheinen Vortheil. Ich habe vor einiger Zeit eine Münchener Zeitungsträgerin einen sehr derben, aber einen Kern bit-terer Wahrheit enthaltenden Spruch thun hören. DasWeib hatte von einer an ihr vorübergehenden, elegantenDame die zu einer Begleiterin gemachte Aeußerung auf-geschnappt:Ach, sie ist wirklich eine liebe Frau."Ja,wenn man den Sack voll Geld hat, kann man leicht liebsein." So die schlagfertige Verbreiterin dergedrucktenIntelligenz". Und die Nutzanwendung für diesen Fall?Die Leute in diesen Städtchen, Flecken und Dörfern desAlpenvorlandes sind, weil meist gut situirt, ein lebens-frohes Völkchen, und sie haben nicht nöthig, die bei ihnenErholung suchenden Großstädter auf moderne Art aus-zurauben. Und weil hier vorwiegend auch Menschen mitbescheideneren Ansprüchen sich den Sommer über sam-meln, so trifft man da nicht selten ein recht gemüthliches,mit seiner Freundlichkeit ansteckendes Zusammenleben. Anderlei Orten ist gottlob kein Mangel, aber wenige dürftees geben, die so viele Annehmlichkeiten vereinigen alsder Marktflecken Bruck an der Amper, gemeinhin ge-nannt Fürstenseldbruck. Was ihn aber auch beson-ders Jenen, die, der Alltäglichkeit entflohen, auch gerneeinmal in die Vorzeit sich versenken, lieb und werth macht,das sind die geschichtlichen Erinnerungen, die sich an ihnknüpfen. Ein kurzer Gang durch die Geschichte des Marktesdürfte übrigens Jedermann interessiren.

Die älteste Geschichte des Marktes Bruck liegt, wieJakob Groß in seinerChronik des Marktes Fürsten-feldbruck " Eingangs sagt, unzweifelhaft in seinem Namen.Jahrhunderte vor der Gründung des Klosters Fürstenfeldmag hier schon eine Brücke über die Amper geführt undmögen Ansiedelungen um dieselbe bestanden haben. Obdas Alter des Marktes bis in römische Zeiten hinauf-reiche, ist nicht zu erweisen, obschon wenigstens vermuthet