50. Freitag, den 22. Juni 1894.
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag dcZ Literarischen Instituts von Haas So Grabherr in Augsburg (Borbesiher Dr. Max Huttler ).
Zm Sänne alter Schuld.
(Fortsetzung.)
III.
Es waren sehr unangenehme Empfindungen, mitdenen Wolfgang von Sturen aus seinem besinnungslosenZustande erwachte. Er empfand eine Betäubung imganzen Körper und einen schmerzhaften Druck im Kopfe.Er glaubte zu erkennen, daß er sich in einem fremden,niederen Zimmer auf einem weichen Lager befand unddaß mehrere Personen um ihn beschäftigt waren. Dochbegannen sich seine Gedanken gleich wieder zu verwirren,er hatte nur noch einen unklaren Eindruck, als obneben dem Gesicht feines alten Dieners die Züge seinesReisegefährten auftauchten, — dann verfall! er wiederin die Nacht der Bewußtlosigkeit.
Während der folgenden zehn Tage schwebte er unterIrrereden zwischen Leben und Tod. Doch seine kräftigeNatur klammerte sich fest an das Leben, und das Uebrigethaten die Aerzte und die sorgsame Pflege.
Er fühlte sein Herz wieder freier schlagen, in seinebetäubten Glieder kehrte die Empfindung zurück. Ersah seinen Diener, seinen Reisegefährten und den Arzt,aber der letztere hatte ihm streng verboten, viel zu sprechenund zu fragen, und so beschränkte sich die Unterhaltungzwischen Wolfgang und seiner Umgebung auf wenigeWorte, die nur sein Befinden und seine augenblicklichenBedürfnisse betrafen.
„Nun sage mir, Hartwig, was ist geschehen?"fragte er den greisen Diener, als er sich endlich von demZwange des Schweigens befreit fand. „Ich erinneremich nur, daß es ein Eisenbahnunglück gegeben hat.Wie ich bereits von Dir hörte, ereignete es sich unweiteiner kleinen Station, von der man mich nach diesemDorfwirthshause brachte. Habe ich viele Unglücksgefähr-ten? Sind wohl gar Menschenleben —"
„Leider hat es drei Todte gegeben, gnädiger Herr,"berichtete Hartwig, „alle übrigen Passagiere, außer Ihnen,trugen nur unbedeutende Verwundungen davon. HerrMaitland ist mit einigen Quetschungen weggekommen."
„Und die ganze Zeit über bei mir geblieben?"
„Er half Sie pflegen," nickte Hartwig, „und theilteredlich mit mir die Nachtwachen. Er berief telegraphischseinen Arzt von Berlin hierher, der eine große Be-rühmtheit sein soll und Sie auch dem Leben erhalten
hat, denn der Doctor aus dem nahen Städtchen, welcherSie jetzt noch behandelt, gab Sie verloren."
— „Das alles hat Herr Maitland für mich gethan,
— für mich, den er doch kaum erst flüchtig kennen ge-lernt hatte?"
„O, und noch viel mehr hat er gethan!" fuhrHartwig mit leiser Rührung in der Stimme fort. „DerWagen, in welchem Sie sich befanden, war entgleist undden Eisenbahndamm hinabgestürzt. Die beiden nächstenWagen folgten; Sie lagen tief unter den Trümmern,gnädiger Herr. Wer es wagte, Sie hervorzuziehen, ris-kirte sein eigenes Leben, denn was von den über-einander' gestürzten Wagen noch zusammenhielt, konntejeden Augenblick herabbrcchen, wenn man die zerschmetter-ten Wagentheile, die den Weg zu Ihnen versperrten,entfernen wollte. Wozu niemand den Muth hatte, dasthat Herr Maitland: er zog Sie mit eigener schwererLebensgefahr aus Ihrem schrecklichen Grabe hervor." DerBaron war sehr bewegt.
„Wo ist Herr Maitland ?" unterbrach er ein längeresSchweigen.
„Wahrscheinlich angelt er am Flusse. Seit es mitIhnen besser geht, verbringt er dort halbe Tage."
„Wann und wie erfuhrst Du von meinem Unfall?"fragte Wolfgang nach einer abermaligen Pause.
„Am Tage nach dem Unglück kam eine Dame inden Villcnhof geritten/s
„Eine Dame?"
„Ja. Sie zeigte mir eine Berliner Morgenzeitung,worin bereits ein telegraphischer Bericht über das Er-eigniß stand. Ihr Name war darin genannt, gnädigerHerr, und der Ort, wohin man Sie schwer verletzt ge-bracht hatte. Daraufhin reiste ich sogleich hierher."
„Wie sah die Dame aus?"
„O, sie war jung und sehr schön."
„Was hatte sie für Augen?"
„Schwarze, gnädiger Herr, ganz schwarze; sieglühten wie Feuer, doch das Gesicht war sanft, wie daseines Engels."
„Du kennst sie natürlich nicht?"
«Nein, ich habe sie nie vorher gesehen."
„Erinnerst Du Dich vielleicht ihrer Kleidung?"
„Darauf habe ich in meinem Schrecken über dieNachricht nicht Acht gegeben. Ich weiß nur, daß sieeinen großen runden Hut txug mit einer weißen Federdarauf.".