»Hielt sich die Dame längere Zeit auf?"
„Nein, sie blieb zu Pferde, und nachdem ich ihrgesagt hatte, das; ich mich sogleich zu Ihnen begebenwürde, ritt sie wieder fort."
Wolfgang durfte nicht zweifeln, daß die teilneh-mende Dame jene schone Amazone gewesen sei, die seinHerz mit einem so magischen Zauber umsponnen hatteund sein erster Gedanke gewesen war, als er sein Be-wußtsein wiedererlangte. Er konnte kaum die Zeit er-warten, wo sein Zustand ihm die Rückkehr nach seinerBesitzung gestatten werde. Dann wollte er nicht rastennoch ruhen, bis er ihren Namen erfahren hatte. An dieWeiterreise nach Berlin dachte er nicht mehr.
„Wenn wir nach Hause zurückkehren, guter Hart-wig," sagte der Baron, „müssen wir in der Umgegendzu ermitteln suchen, wer die Dame ist, denn die Pflichtder Höflichkeit erfordert es, daß ich für ihre Aufmerk-samkeit danke."
„In unserer Umgegend?" bemerkte der Alte mitzweifelnder Miene. „Wer weiß, gnädiger Herr, ob wirda auf der richtigen Fährte sein würden, denn die Dameist nach Berlin gereist."
„Nach Berlin , sagst Du? Woher konntest Du dasWissen?"
. „Weil sie auf der Durchreise hier war."
„Hier? fragte Wolfgang in höchstem Erstaunen.„Sie war hier?"
„Jawohl, sie wollte sich nach Ihrem Befinden er-kundigen, aber sie traf es sehr schlimm, denn Sie rede-ten Tag und Nacht irre, und auch, als sie gerade beiIhnen war."
„So war sie hier in diesem Zimmer?" rief Wolf-gang, bon seinem Lager auffahrend.
„Auf derselben Stelle stand sie, wo ich jetzt stehe."
„Wie lange blieb die Dame hier?"
„Ueber eine Stunde."
„Was hat sie gesprochen?"
„Sie fragte mich, ob Sie geschickten Aerzten anver-traut seien, ob diese Hoffnung auf Ihre Wiederher-stellung gäben, ob Sie gut verpflegt würden. Im All-gemeinen sprach sie nur wenig, denn das Weinen war"ihr nahe, und ein paarmal kamen ihr Thränen in dieAugen."
„Wer mag sie sein? Wer mag sie sein?" riefWolsgang, die nachdenklich gefaltete Stirn mit der Handbedeckend. „Sollte vielleicht Herr Maitland ihren Namenerfahren haben?"
„Herr Maitland hat sie gar nicht zu sehen bekom-men. Er schlief gerade auf seinem Zimmer seine Nacht-wache aus."
„Wie erfuhrst Tu, daß sie auf der Reise nachBerlin begriffen sei?"
„Sie sagte es beiläufig, als sie sich anbot, Ihnenvon dort aus einen tüchtigen Arzt zu schicken, was abernicht mehr nöthig war, da Sie sich, dank der Fürsorgedes Herrn Maitland, bereits in den besten Händen be-fanden."
Wolfgang schwieg eine Weile. Endlich fragte er:„Hat sich seitdem niemand nach meinem Befinden er-kundigt?"
„O, gewiß! Ihr früherer Vormund —"
„Herr Justizrath Carus?"
„Läßt sich täglich ein Bulletin schicken," nickte derAlte. „Nun aber, gnädiger Herr, muß ich Sie bitten,
nichts weiter zu sprechen und zn fragen. Ich habe michschon schwer genug gegen die ärztlichen Vorschriften ver-gangen, und wenn es mit Ihnen wieder schlimmer würde,so träfe mich die Schuld."
Der junge Baron gehorchte der wohlgemeinten Mahn-ung seines Dieners.
Natürlich hatte nun sein Reiseplan abermals eineAenderung erfahren. Seit er die gcheimnißvolle Fremdein Berlin wußte, war all' sein Sehnen nach der Welt-stadt gerichtet, wo er ihr zu begegnen hoffte. Es schien,als ob die Neuigkeiten, die er von Hartwig vernommen,und die Ungeduld, das Krankenbett zu verlassen, seineKräfte neu belebten, denn ganz gegen die Befürchtungendes alten Dieners war am andern Morgen der Arztmit seinem Patienten so zufrieden, daß er ihm erlaubte,auf kurze Zeit aufzustehen. Während Wolsgang, vondieser Erlaubniß Gebrauch machend, an dem geöffnetenFenster faß und die balsamische Maicnlust einsog, tratMaitland ein.
„Der Arzt sagte mir sehr Erfreuliches über Sie,"begann er, „und da ich Sie ohne Besorgnis; zurücklassenkann, so will ich meine unterbrochene Fahrt nach Berlin uiit dem nächsten Zuge fortsetzen. Ich komme, um Ab-schied von Ihnen zu nehmen." Wolfgang ergriff seine Handund sprach in der schönen beredten Sprache des Herzensdie Gefühle der Dankbarkeit aus, die er für alle dieedle Aufopferung und Güte empfand, welche Maitlandihm erwiesen hatte.
„Reden Sie nicht davon," lehnte dieser ab, „ichthat es allein zn meiner eigenen Befriedigung und habedarum keine Ansprüche auf Dank."
„Nein, nein," erwiderte Wolsgang, „ich habe schonoft von solchen Leuten gehört, welche ihren guten Hand-lungen stets selbstsüchtige Beweggründe unterschieben.Gewiß gewährt eine edle That demjenigen, der sie voll-bringt, Befriedigung, aber sie gilt doch stets dem an-dern, für den sie geschieht. Sie retteten mir das Leben,indem Sie mich unter den Wagentrümmern hervorzogen."
„Ja, das ist wahr," lächelte Maitland, „ich habeauch schon eine Fliege, die in eine Milchschale gefallenwar, herausgezogen."
„Aber Sie haben das letztere nicht mit Preisgeb-nng Ihres eigenen Lebens gethan; Sie haben auch nochnicht vierzehn Tage in einem Dorfe zugebracht, um einerFliege beizustehcn. Und dafür wenigstens verdienen Siemeine Dankbarkeit."
Maitland sah nach der Uhr. „In einer Stundekommt der Zug," sagte er. „Leben Sie wohl!"
Er reichte dem Baron die Hand.
„Ehe wir scheiden," sagte dieser, „muß ich Siebitten, mir zu sagen, wo ich Sie in Berlin finden kann,denn ich hoffe, daß eine auf so ungewöhnliche Weisebegonnene Bekanntschaft hier nicht zu Ende sein wird."
„Ich habe eine Junggesellenwohnung „Unter denLinden, " antwortete Mattland, „wo ich sehr glücklich seinwerde, Sie zu sehen."
Er nahm eine Vifitkarte heraus und überreichte sie,nachdem er seine Adresse darauf vermerkt, dem Baron,worauf er sich von ihm verabschiedete.
Die Karte in der Hand, auf welcher der einfacheName „Otto Maitland" stand, blieb Wolfgang alleinzurück. Seine Gedanken richteten sich auf den neuenBekannten. Am liebsten hätte er ihn „Freund" genannt,aber Maitland selbst schien keinen Anspruch auf eine