solche Bezeichnung machen zu wollen, auch war etwasan ihm, was die Tiefen seines Charakters mit undurch-dringlichem Dunkel bedeckte.
„Es soll mich wundern, ob er wohl ein Herz hat,"dachte Wolfgangm „Wenn das der Fall ist, so bemühter sich, es zu verbergen. Alle Erscheinungen und Er-eignisse scheinen an ihm vorüberzugehen, ohne ihn tieferzu berühren als der Hauch den Spiegel. Er hat mirdas Leben gerettet, hat mich Wochen lang wie ein Bru-der gepflegt, und nun verläßt er mich mit der gleich-giltigstcn Miene von der Welt."
Zwei Tage später durfte der Genesende seinen erstenAnsgnng machen. Mit jedem Pulsschlage nahmen seineKräfte zu. Und nach einer Woche bestieg er, gänzlichwieder hergestellt, den Eisenbahnzug nach Berlin , wäh-rend der alte Hartwig nach dem „Billenhof" zurückkehrte.
IV.
Es war am Nachmittag, als Baron von Sturenin demselben Berliner Hotel abstieg, wo er bereits alsKnabe mit seinen Eltern gewohnt hatte.
Seine Besuche bei Maitland und dem JustizrathCarns verschob er vorläufig noch, da sie ihm gesellschaft-liche Verpflichtungen auferlegen konnten, die ihm hinder-lich gewesen wären. Um sich den Eindrücken der Ncichs-hauptstadt unbefangen hingeben zu können und im Ge-wühls derselben nach der schönen Amazone zu forschen,mußte er sich ganz allein angehören. In einem so engzusammengedrängten, vielgestaltigen Weltleben aber istniemand sein eigener Herr; uugesuchte und unerwarteteBeziehungen heften sich wie Fußangeln an die Schrittedessen, der diesen Boden betritt, und führen ihn oftweitab von dem Ziele, das er sich gesteckt, oder bringenihn auf ganz andern Wegen, als er sich gedacht, dem-selben näher. Diese Erfahrung sollte auch Wolfgangmachen.
Er begann gleich nach seiner Ankunft eine Wan-derung durch die Straßen und ließ sich vom Strometragen. Seine Erinnerungen an die Millionenstadt ausseiner Jugendzeit waren sehr unvollkommen, daher er-schien ihm alles neu und er fühlte sich wie betäubt vondem rastlosen buntscheckigen Hasten und Jagen, welchessich zwischen majestätischen Häuserfronten auf den breitenStraßen, auf deren glattem Asphaltboden das Klappernder Pferdchufc mehr zu hören war, als das Rollen derRäder, vor seinen Blicken abspielte.
Es begann bereits zu dunkeln, als er nach seinemHotel zurückkehrte. Wie Glühlichter flammten die tau-send und abertausend Laternen auf, hier und da ergoßauch elektrisches Licht seinen weißen Glanz weit überdie Straße.
Wolfgang befand sich eben in einer der schmälerenStraßen, wo das Gedränge von Wagen und Fußgängernnahezu erdrückend und lebensgefährlich war. Da er-tönte plötzlich ein schrilles, heftiges Klingeln, — alleFuhrwerke wichen zur Seite, und wie die wilde Jagdkam die Feuerwehr heran, — drei — fünf, acht, zehnWagen hintereinander. Wie erzene Gestalten standenim Scheine der Fackeln die Feuerwehrmänner auf denblitzblanken Löschwagen. Nasch, wie es herangesinrmtwar, verschwand das von einer feurigen rothen Wolkeumgualmte Bild wieder. Wolfgaug von Sturen aberstand wie gebannt. Er sah das Antlitz seiner gcheim-nißoollen Unbekannten, — es war keine Verwechslung,
keine Ähnlichkeit, — zu fest hatten sich diese Züge insein Herz gegraben. Der grelle Schein der vorüber-fliegenden Fackeln war hell auf das süße Gesicht ge-fallen, und jetzt, wo es in das mattere Licht der Straßen-laternen zurücktrat, hielt er es noch immer unverwandtmit seinen Blicken fest. Sie saß in einer offenen Equi-page an der Seite einer anderen Dame, deren Antlitzdurch das ihrige verdeckt wurde. Noch hielt der Wagenunter der Masse ineinander verfahrener Fuhrwerke, diesich langsam wieder entwirrte. Aber auch Wolfgang sahsich vor der Mcnschenfluth, die sich um ihn her fcstge-staut, an jeder freieren Bewegung gehindert. Es warunmöglich, an den Wagen zu gelangen. Er bemerkte,wie die Dame nach ihrer Uhr sah und mit der anderensprach. Offenbar fürchteten beide, verspätet das Zielihrer Fahrt zu erreichen, denn es wurden einige Wortemit dem Kutscher gewechselt, welcher bedauernd die Achselnzuckte. Wohin wollten sie? Für Theater oder Concert,war es viel zn spät. Der Baron wollte seine Uhr zuRathe ziehen, aber — die Tasche, worin er sie trug,war leer. Betroffen blickte er an sich herunter, als erauch die schwere goldene Kette nicht fühlte. Sie warebenfalls verschwunden. Der Verlust der Uhr war uner-setzlich, nicht weil sie einen Werth von mindestens tau-send Mark hatte, sondern weil sie ein von Wolfgangheilig gehaltenes Andenken an seinen Vater war. ,
Ein anständig gekleideter junger Mann bemerkteseine Bestürzung und sah an den tastenden Bewegungenseiner Hand, daß er etwas vermißte.
„Sind Sie eben bcstohlcn worden, mein Herr?"fragte er theilnchmend, indem er näher herantrat.
„Meine sehr werthvolle Uhr sammt Kette ist fort,"antwortete der Gefragte. „Ich fürchte, beides ist dieBeute eines Taschendiebs geworden, der den Augenblick,wo meine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegen-stand gerichtet war, geschickt zu seinem Gaunerstreichbenutzt hat, denn ich erinnere mich genau, daß ich vorAnkunft der Feuerwehr die Uhr noch hatte."
Erst jetzt sah Wolfgang sich wieder nach dem Wagenmit den beiden Damen um. Er war verschwunden.
„Als erfahrener Berliner würden Sie in einemsolchen Gedränge vorsorglich Ihren Rock zugeknöpft ha-ben," sagte der junge Mann. „Ich muß daher anneh-men, daß Sie hier fremd sind."
„Ich bin erst heute angekommen. Ich denke, eswird das beste sein, wenn ich im nächsten PolizeibureauMeldung mache."
„Eine unmittelbare Anzeige bei der Kriminalpolizeiwäre noch besser," versetzte der Andere, aber die Bureauxderselben sind um diese Zeit schon geschlossen. Indessentrifft es sich sehr glücklich," fügte er, wie von einemplötzlichen guten Einfall erleuchtet, hinzu, daß der Cri-minalcommissar Nuglisch, mit dem ich bekannt bin, hierin der Nähe Abends sein Glas Wein zn trinken Pflegt.Wenn Sie mich begleiten wollen, so könnten Sie ihmIhr Mißgeschick mittheilen, und es könnte dann nochheute Abend etwas in der Sache geschehen, denn raschesHandeln ist hier von großer Wichtigkeit."
Der Baron war unschlüssig. Der fremde jungeMann sah ihm das an.
„Assessor von Malten," stellte er sich ihm vor.
Wolfgang blickte ihm etwas überrascht in's Gesicht.Für einen Assessor erschien ihm der Fremde noch sehrjung, wenn diese schlaffen Züge verlebt waren; sie könn-