HL55.
Ireitag, den S. Juli
1884L
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Fricl in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarnchen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg ^Vorbesitzer vr. Max Huttler ).
Im Laune alter Schuld.
(Fortsetzung.)
Für Wolfgang gab es nun nichts Räthselhaftesmehr. Eine dunkle Erinnerung war es gewesen, wasihn bei jenem Zusammentreffen mit der Reiterin ausihrem Antlitz und ihrem Wesen so geheimnißvoll an-gemulhet hatte. Vielleicht waren von der schwarzäugigenGespielin einige Züge in die Träume des Jünglings über-gegangen, die ihm das vervollkommnete Ideal seinesHerzens zeigten und dabei der bildnerischen Meisterhandder Natur so nahe geblieben waren.
„Erinnern Sie sich," sagte er, unwillkürlich vondiesem Jdeengange geleitet, „daß meine kleine Spiel-kameradin mir versprach, einst meine Frau zu werden?"
Beinahe bereute er seine Worte, denn die knaben-haften Gefühle der Vergangenheit fanden in dem heuti-gen Empfinden des Mannes ein nur zu treues Echo,welches er nicht gern verrathen hätte.
„O ja, mich dünkt, Sie hätten mir ein solchesVersprechen abgenommen," antwortete sie und lachte un-befangen.
Diese Unbefangenheit berührte sein glühendes Herzwie Eis. Er nahm sich vor, seine Neigung zu zügelnund sich nicht eher in Lizi zu oerlieben, bis er die Be-weise ihrer Gegenliebe besitze. Dieser Entschluß warfreilich sehr thöricht, denn er betraf etwas bereits Ge-schehenes, — Wolfgang hatte nicht mehr die Macht, dasjunge Mädchen nicht zu lieben.
„Irre ich nicht", sagte er, um die plötzlich eingetre-tene Paust nicht zu verlängern, „so sind Sie mit Frauvon Prachwitz nahe verwandt."
„Die Verwandtschaft ist nicht so nahe, daß sie sichmit einem Worte bezeichnen ließe, welches unanfechtbarist," lächelte Lizi. „Frau von Prachwitz und meine ver-storbene Mutter waren Stiefcoustnen. Doch wird eswenig echte Tanten geben, die sich ihrer Nichten so liebe-voll annehmen, wie Frau von Prachwitz es mit ihrerStiefnichte thut."
„Ich finde es sehr begreiflich, Sie zärtlich zu lieben,ohne daß es dazu eines besonderen Edelmuthes bedarf,"versetzte Wolfgang in scherzendem Tone.
„O, in diesem Falle irren Sie sehr," wandte Liziein, „es gehörte ein so selbstloses Herz dazu, wie Frauvon Prachwitz es besitzt, um statt der Liebe keine Ab-
neigung gegen mich zu fühlen, da ihr durch weine Ge-burt ein beträchtliches Vermögen entzogen worden istwas für ihre ganze Zukunft verhängnißvoll wurde."
„Und gegenwärtig halten Sie sich, wie in früherenTagen, wieder zu Besuch bei ihr auf und gedenkenhoffentlich noch recht lange zu bleiben?" bemerkte Wolfgang.
„Einige Wochen," antwortete Lizi.
„Nun, da haben Sie einander also schon aufge-funden", ließ sich jetzt Frau von Prachwitz vernehmen,die inzwischen eingetreten war und neben dem plaudern-den Paare Platz nahm. „Nicht wahr, lieber Baron ,Ihre kleine Jugendgespielin hat sich wenig verändert?"
„In ihrem Wesen so wenig," antwortete Wolfgangrasch, obwohl nicht ganz der Wahrheit gemäß, „daß ichmich jeden Augenblick versucht fühle, die letztvergangenenJahre zu vergessen und sie Lizi zu nennen, zumal esauch der einzige Name ist, unter welchem ick sie kenne."
„Ei, so will ich die Etiquette in ihr Recht ein-setzen," lachte Frau von Prachwitz. „Fräulein FelicitasTeßner," stellte sie mit komischer Förmlichkeit vor, „nennenSie sie aber immerhin Lizi, Baron, ich bin gewiß, siehat nichts dagegen; nicht wahr, mein liebes Mädchen?"
„Ich ziehe indessen vor," bemerkte der Baron, „Ihnenden schönen Namen Felicitas unvcrstümmelt zu belassen,er sagt dem Geschmack des Mannes besser zu. Und wollenSie mich wieder Wolfgang nennen?"
„Ja," antwortete Felicitas, mit jener Herzensreinheitaufblickend, welche unendlich anziehender ist, als die höchsteKunst der geschultesten Kokette, „ich hoffe, es wird mirnicht schwer werden, denn alte Gewohnheiten besitzen eineunwiderstehliche Macht."
Bald gruppirte sich ein größerer Theil der Gesell-schaft um die Dame des Hauses, und Wolfgang und Fe-licitas konnten sich der allgemeinen Unterhaltung, die inihrer unmittelbaren Nähe geführt wurde, nicht ganz ent-ziehen.
Der Abend verlief dem Baron an Felicitas' Seitewie ein holder Rausch. Er warf den Gedanken an denfolgenden Morgen von sich und blieb, bis fast alle Gästesich entfernt hatten. An Melanie Rettberg mußte er öfterdenken. Für den Fall seines Todes war allerdings fürsie gesorgt, dennoch mußte sie den gefährlichen Einflüssen,welchen sie schutzlos preisgegeben war, so schnell wie mög-lich entzogen werden. Eine unüberwindliche Scheu, diesesThema in Felicitas, Gegenwart zu berühren, versiegelteihm den Mund. Er nahm sich daher vor, nach seiner Rück-